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EXKLUSIV - Hoffenheims Rechtsverteidiger sprach mit Goal.com über den angenommenen Abstiegskampf unter Marco Kurz, Anonymität im Kraichgau und Franck Ribery in topform.

Sinsheim. Für die TSG 1899 Hoffenheim beginnt mit dem Rückrundenauftakt gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag der Abstiegskampf. Nicht gerade eine bekannte Situation für den Tabellen-16., der seit Dezember von Marco Kurz trainiert wird. Der neue Trainer der 1899er ernannte vor dem 18. Spieltag mit Sejad Salihovic und Andreas Beck zwei neue Mannschaftsführer.

Für Beck keine neue Erfahrung, der 25-Jährige trug die Armbinde bereits zwischen 2010 und 2012. Der Rechtsverteidiger und frühere Nationalspieler (9 Einsätze) spielt bereits seit der Herbstmeisterschaft 2008 in der Abwehr der TSG und gehört zu den dienstältesten Spielern des Bundesliga-„Neulings“. Mit Goal.com sprach Beck exklusiv über den angenommenen Abstiegskampf unter dem neuen Trainer, Anonymität im Kraichgau und die gewachsenen Ansprüche an einen Außenverteidiger.


Herr Beck, mit Luis Advincula kam nach Stephan Schröck nun ein weiterer möglicher Konkurrent um die Rechtsverteidiger-Position – vermutlich bringt Sie das aber nicht mehr aus der Ruhe?

Andreas Beck: Wir stecken mitten im Abstiegskampf, da bringt uns jeder Spieler mit einem gewissen Potential weiter. Ob das eine direkte Konkurrenz für mich, oder auch eine Bereicherung für das Mittelfeld ist, entscheidet am Ende der Trainer. Es geht ja jetzt erstmal darum, dass wir uns als Mannschaft da wieder raus holen, wo wir uns hinein manövriert haben, mit allen, die da sind und die vielleicht noch dazu stoßen. Aber aus der Ruhe bringen mich Neuverpflichtungen nicht mehr. Ich kenne meinen Stellenwert und werde mich dem Konkurrenzkampf auch immer stellen. Das gehört doch zum Fußball dazu.

Eren Derdiyok hat letzte Woche den frischen Elan unter Neu-Trainer Marco Kurz gelobt. Wie macht sich für Sie der Trainerwechsel bemerkbar?

Andreas Beck: Unter Marco Kurz wird nicht viel drum herum geredet, sondern die Ausgangslage ist klar. Dementsprechend finden auch die Ansprachen statt. Er hat eine sehr direkte Art. Das ist keine Schönrederei, er sagt uns ganz klar und auch persönlich, in welcher Situation wir uns befinden und was wir tun müssen, um da wieder raus zu kommen. Wir kennen uns jetzt knapp drei Wochen, aber ich denke, nach dem ersten Abschnuppern man kann sagen, dass diese direkte Art auch für die Mannschaft und die Typen in ihr gut ist. Jetzt müssen wir sehen, wie es fruchtet. Man merkt aber, dass jeder gewillt ist, hier hart zu arbeiten und dem sportlichen Erfolg unter zu ordnen. Abstiegskampf in der Bundesliga ist kein Zuckerschlecken.

Nach Kurz' Amtsübernahme war viel die Rede von einer neuen Mentalität, die notwendig sei. Er selbst betonte, unter ihm werde es keinen freien Tag mehr geben. Lag der Hinrunde auch ein mentales Problem zugrunde?

Andreas Beck: Generell wollen wir nach vorne blicken, auf uns wartet eine intensive Zeit. Der Blick zurück bringt deswegen auch nicht so viel. Fakt ist, wir haben alles aufgearbeitet und unsere Schlüsse gezogen. Wir haben definitiv zu viele Punkte liegen lassen und mit vier Niederlagen war der Saisonstart miserabel. Mit der Erwartungshaltung, die wir selbst geschürt hatten, sind wir vom ersten Tag an permanent hinterher gerannt. Diese Abwärtsspirale konnten wir nicht dann mehr stoppen. Jetzt müssen wir in allen Bereichen eine Schippe drauf legen...

Die Rede ist jetzt ganz bewusst vom Abstiegskampf. Haben Sie den Eindruck, dass die Mannschaft diesen jetzt angenommen hat?

Andreas Beck: Ich denke schon, dass das Bewusstsein dafür geschärft wurde. Wichtig wird nun sein, die beiden Teams hinter uns zu halten und ein Team noch einzuholen. Wobei wir wissen: Sieben Punkte sind natürlich eine Menge Holz und wir wissen auch, dass wir Rückschläge erleiden werden. Aber wir werden alles dran setzen, den direkten Klassenerhalt zu schaffen. Und wenn das nicht klappt, dann eben über die Relegation.



Eine Tendenz von 1899 war, dass Vorsprünge (beispielsweise gegen Fürth) verspielt werden, oder die Mannschaft sich mit Rückständen schwer tut....

Andreas Beck: Wir lagen aber auch öfter schon mit 2 bis 3 Toren hinten und sind wieder rangekommen. Am Ende haben wir uns oft nicht belohnt, aber es zeigt auch, dass da nicht so viel fehlte. Wir dürfen aber nicht mehr so leicht auszukontern sein. Und es stimmt, dass wir bei unvorhersehbaren Ereignissen relativ schnell die Fassung verloren haben. Das muss sich verbessern, wir brauchen ein stabileres Gerüst innerhalb des Teams, um Rückschläge besser aufzufangen. Vor allem im Gesamtverbund müssen jetzt die Abläufe und Mechanismen abgestimmt werden. Das sind auch die Basics, die uns der Trainer mit an die Hand geben möchte.

Wenn es um Hoffenheim geht, ist oft auch von einem Mangel an Identität und fehlender Konstanz die Rede. Wie sehen Sie als einer der dienstältesten Spieler dieses Thema?


Andreas Beck: Es stimmt, dass es in unserem Verein noch nicht so viele Konstanten wie woanders gibt. Aber es gibt schon Spieler, die so etwas wie das Gesicht des Vereins sind und es gibt Dietmar Hopp. Ohne ihn wäre das alles nicht möglich. Hoffenheim muss natürlich auf den Weg kommen, mehr Konstanz zu finden. Durch unser starkes Aufstiegsjahr haben wir die Messlatte sehr hoch gelegt. Und besonders vor dieser Saison war der Erwartungsdruck extrem hoch. Die Folge waren personelle Veränderungen im Team und im Umfeld, als es nicht lief. Beständigkeit ist natürlich unser Ziel für eine gesunde Basis. Der sportliche Erfolg ist aber der erste Schritt, dann können sich Personalien und Mechanismen stabilisieren.

Wie bewerten Sie kritische Stimmen von außen, wonach  das Team zu satt sei oder aus zu vielen „Söldnern“ und „Schönspielern“ bestehe?

Andreas Beck: Mir erschließt sich dabei nicht, wovon wir satt sein sollten? Wir haben noch kein internationales Niveau erreicht und ich persönlich bin nach wie vor hungrig, ebenso wie die Mannschaft. Wie ich aber schon sagte, wurde das Team unter anderen Vorzeichen zusammen gestellt, vielleicht eher für schönen Kombinationsfußball und für obere Tabellenregionen. Wenn man dann nach dem dritten Spieltag schon in Richtung Abstiegsränge tendiert, rennt man die ganze Vorrunde hinterher. In so einer Situation sind natürlich auch von den Spielern, die für das filigrane zuständig sind, andere Tugenden gefragt, eher das effektive als das kreative. Das hat aber jeder in sich, man muss es nur rauskitzeln. Wir konnten mittlerweile einiges reflektieren. Wichtig wird der Rückrundenauftakt!

Ist die momentane Krise nicht auch eine Gelegenheit, näher zusammen zu rücken?

Andreas Beck: Ja, diese Erfahrung müssen wir machen und den Weg gehen, auch wenn wir natürlich gerne darauf verzichten würden. Es gibt keine Alternative. Womöglich hat dieser Prozess auch seine reinigende Wirkung an der ein oder anderen Stelle. Aber dieser Weg muss jetzt erstmal gegangen werden und wir müssen alles dafür tun, um die Klasse zu halten.

Wie haben Sie die Diskussion um Tim Wiese erlebt, der von den Medien schnell zum Sündenbock abgestempelt wurde?

Andreas Beck: Tim ist natürlich ein Charakter, der polarisiert. Aber er versucht immer, aus sich und dem Team das Beste rauszuholen. Er bleibt charakterlich und sportlich ein wichtiger Spieler für uns. Um den Klassenerhalt zu schaffen brauchen wir jeden, auch und vor allem Tim Wiese.

Ein Spieler, auf dem vor Saisonbeginn viele Hoffnungen ruhten, ist Roberto Firmino. Was kann man von ihm noch erwarten?

Andreas Beck: Ich denke, über einzelne Personen muss man momentan nicht reden. Aber Roberto ist ein phantastischer Spieler mit herausragenden Qualitäten. Natürlich erhoffe ich mir, dass er in der Rückrunde das ein oder andere Mal spielentscheidend einwirken kann. Er kann den Unterschied ausmachen, aber in unserem teamtaktischen Korsett muss jeder erst mal seine Aufgaben erfüllen. Darüber hinaus kommen dann die kreativen Momente, auch dafür steht Roberto.



Denken Sie in einer schwierigen Phase wie dieser noch daran, dass sie vor eineinhalb Jahren ein Angebot von Juventus Turin ausgeschlagen haben?

Andreas Beck: Das wurde ich schon öfters gefragt, aber für mich ist das rein hypothetisch. An so einem Wechsel sind immer mehrere Parteien beteiligt und wenn etwas nicht zu 100% passt, geht man diesen Weg nicht, was der Fall war. Deswegen beschäftige ich mich damit überhaupt nicht. Ich werde den Weg weiter mit Hoffenheim gehen.

Sie sind bereits seit der Herbstmeisterschaft 2008 dabei. Wie hat sich das (nicht unbedingt fussball-affine) Umfeld in Heidelberg und im Kraichgau mit dem Verein entwickelt?

Andreas Beck: Solange ich hier bin, würde ich schon sagen, dass das Interesse enorm gestiegen ist. Auch durch die weiteren Vereine im Umland wie Sandhausen hat sich eine gewisse Begeisterung breit gemacht. Natürlich merkt man das noch viel, viel mehr, wenn der sportliche Erfolg da ist. Da wollen wir wieder hin, wo wir schon mal standen. Aber da steht uns ein langer Weg bevor. Ich persönlich fühle mich hier sehr wohl.

Passiert es Ihnen in Heidelberg mit seinem eher akademischen Milieu denn oft, dass sie auf der Straße erkannt werden?

Andreas Beck: Ja schon, aber nicht so oft wie es in Stuttgart der Fall war. Es ist eine gewisse Fußballaffinität da, aber Heidelberg hat beispielsweise durch die vielen Studenten auch Zugezogene, die sich natürlich nicht vordergründig mit Hoffenheim befassen. Dementsprechend hat man auch eine gewisse Anonymität, in der man sich freier bewegen und die man zu gegebener Zeit auch genießen kann.

Ihr letztes Länderspiel bestritten Sie November 2010. Besteht noch Kontakt zum Bundestrainer oder Hansi Flick, der ja aus dem Kraichgau stammt?

Andreas Beck: Es gibt noch losen Kontakt zu Hansi Flick. In meiner momentanen Lage als Spieler einer Mannschaft, die gegen den Abstieg spielt, klänge es jedoch utopisch, vom DFB-Team zu sprechen.Wir haben da gerade wirklich andere Sorgen. Ich weiß aber, wo ich schon mal war und irgendwann will auch ich mit der Mannschaft wieder mehr sportlichen Erfolg haben und mich in anderen Tabellenregionen bewegen. Solange ich Fußballprofi bin, hat man dieses Ziel wohl immer vor Augen.

Die Rechtsverteidiger-Position hat dieses Jahr auch im Umfeld des DFB-Teams für Gesprächsstoff gesorgt. Wie zufrieden sind Sie persönlich mit Ihrer Hinrunde?

Andreas Beck: Zu Saisonbeginn hatte ich es schwer, als ich am zweiten und dritten Spieltag e draußen saß. Danach habe ich aber kaum eine Minute verpasst, obwohl die Konkurrenz groß ist. Aber wir stehen auf dem drittletzten Platz – da kann niemand mit seiner Leistung rundrum zufrieden sein, auch ich nicht.

Wie würden Sie die gewachsenen Ansprüche auf der Außenverteidigerposition im modernen Fußball beschreiben?

Andreas Beck: Ein gewisses teamtaktisches Verständnis ist schon wichtig, dazu ein gutes und genaues Gespür für die Situation: Wann einschalten, wann einrücken, wann absetzen? Als Außenverteidiger ist man sehr in einem teamtaktischen Prozess verankert, muss bestimmte Abläufe beachten und ausführen. Das heißt, es bleibt nicht immer viel Platz für kreative Momente. Aber trotzdem hat man im Spiel mit dem Ball  ein paar Optionen, beispielsweise wann man sich nach vorne einschaltet, ob man nach innen geht oder abbricht. Dazu bedarf es einer gewissen Grundfitness und Lauffreude.

Haben Sie unter Ihren Kollegen auf internationaler Ebene Vorbilder?

Andreas Beck: Vorbilder nicht, aber ich verfolge die Champions League und Europa League, da schaut man natürlich, was macht eine Topmannschaft aus? Mannschaften wie Dortmund und Barcelona spielen ein Umschaltspiel auf ganz hohem Niveau, in permanentem Tempo. Spieler, welche diese Position herausragend interpretieren, zeigen dann auch eine besondere Offensivqualität. Marcelo, Dani Alves, Jordi Alba... ich finde, auch Lukasz Piszek und Phillipp Lahm zeigen diese Qualitäten. Es ist bewundernswert, wenn Spieler auf dieser Position über Jahre hinweg solche Leistung abrufen.

Andreas Beck | TSG Hoffenheim, RV, 25 Jahre
STATISTIKEN
BuLi-Einsätze 2012/13 15
Tore / Assists 0/1
Gelbe/Rote Karten 3/0
UND SONST SO...
Starker Fuß Rechts
Vertrag bis... 2014

Wer war in der Hinrunde ihr schwierigster Gegenspieler?
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Andreas Beck: Da gibt es keine zwei Meinungen: Franck Ribery! Wir haben 2:0 verloren und er hat beide Tore gemacht. Man kann einfach nur anerkennen, dass er eine phänomenale Hinrunde gespielt hat. Wenn ein Weltklasse-Spieler einen Weltklasse-Tag erwischt, ist es schwer. Gerade in der Bundesliga gibt es aber viele hervorragende Außenstürmer, vor allem bei den Mannschaften im 4-3-3, da triffst du auf Speed und Kreativität. Andre Schürrle war ebenfalls ein schwieriger Gegenspieler. Aber das macht meine Position auch reizvoll: Fast jede Woche geht es gegen einen Top-Spieler...

Mehr zu Andreas Beck findet ihr auf der Facebook-Seite des 1899-Verteidigers

Das Spiel gegen Bayer ging zuhause nach frühem 2:0-Rückstand 2:1 verloren. Was war an dieser Niederlage vielleicht bezeichnend für den Saisonverlauf?

Andreas Beck: Eben dass wir früh in Rückstand gerieten. In der zweiten Halbzeit haben wir gedrückt und sind nochmal ran gekommen, es hat aber nicht mehr gereicht. Teams mit dieser Formation lauern dann auf Konter, wenn man hinten auf macht und 1:1-Situationen bietet. Das müssen wir uns vornehmen, hinten stabiler zu stehen und dem Gegner weniger in die Karten zu spielen.

Abschließend und zum Thema Konter: Hoffenheim galt lange selbst als schnelle Kontermannschaft. Wird diese Philosophie noch verfolgt?

Andreas Beck: Das war natürlich die Handschrift unseres damaligen Trainers (Ralf Rangnick, Anmerkung der Redaktion). Ich denke der Trend geht beim Fußball allgemein in diese Richtung des schnellen Umschaltens nach Balleroberung, um in eine unformierte Hintermannschaft zu stoßen und relativ schnell vor das gegnerische Tor zu kommen. Das ist jetzt nichts komplett Neues. Auf unsere Situation bezogen würde ich sagen: Die Tendenz muss dahin gehen, viele Balleroberungen zu haben, dann ergibt sich der Raum zum Kontern. Wir werden jetzt nicht 17 Spiele lang versuchen, das Spiel zu machen und dem Gegner unseren Stempel aufzudrücken, sondern wir werden uns mit Sicherheit auch mal damit begnügen müssen, dass wir nur zwei, drei Konterchancen haben und müssen dann effektiv sein.

Herr Beck, wir danken für das Gespräch!

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