thumbnail Hallo,

Vor dem Spiel gegen Union Berlin sprach Innenverteidiger Ermin Bicakcic mit Goal.com über das Braunschweiger Erfolgsrezept, die Euphorie im Norden und sportliche Vorbilder.

Braunschweig. In Braunschweig träumt man wieder von der Bundesliga: Die „Löwen“ stehen derzeit mit einem Spiel weniger hinter Hertha BSC auf Rang zwei und haben bereits elf Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz und Absteiger FC Kaiserslautern. Gegen Union Berlin kann sich die Überraschungsmannschaft heute Abend zudem schon wieder die Tabellenspitze zurückerobern.

Einer, der in der erfolgreichen laufenden Saison keine Minute für die Braunschweiger verpasste, ist Ermin Bicakcic, der Anfang des Jahres vom VfB Stuttgart nach Niedersachsen kam. Seitdem hat sich der resolute Innenverteidiger, vom Anhang „Terminator“ oder auch „Eisen-Ermin“ genannt, hervorragend eingelebt. Gemeinsam mit Deniz Dogan bildet er die beste Defensive in Liga zwei. Vor dem Spiel gegen Union Berlin sprach Bicakcic exklusiv mit Goal.com über das Braunschweiger Erfolgsrezept, die Euphorie im Norden und sportliche Vorbilder.

Herr Bicakcic, mit Ihrem Last-Minute-Tor vor einer Woche in Köln hatten Sie direkten Anteil daran, dass Braunschweigs Bilanz nach 18 Spielen weiterhin nur eine einzige Niederlage aufweist. Was geht einem da so durch den Kopf?


Bicakcic: Ganz ehrlich, so ein Tor habe ich auch noch nie miterlebt. Schwer, diese Emotionen zu beschreiben... Ich war gut eingelaufen, der Ball wurde abgefälscht und lag auf einmal vor mir, ich hab ihn mit der Sohle rübergezogen und dann mit dem Außenrist in die linke Ecke geschoben.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Braunschweig? Und: Hatten Sie Anfang der Saison damit gerechnet, dass es so gut laufen könnte?

Bicakcic: Ich denke, unsere größte Stärke ist, dass wir wirklich eine Eintracht sind. Wir haben einen breiten Kader, in dem jeder gebraucht wird und seine Qualität sofort einbringt, wenn er eingesetzt wird. Anfang der Saison haben wir uns als Team und ich mir persönlich das Ziel gesetzt, 40 Punkte zu erreichen und den Klassenerhalt zu sichern. Dass es so phänomenal läuft und wir so eine gute Hinrunde spielen, hat vermutlich keiner gedacht. Wir sind froh drüber und versuchen nun dranzubleiben...

Gab es denn einen Punkt, an dem die Mannschaft gemerkt hat, dass das nicht nur Zufall und Glück ist? Wie sieht das Team jetzt die Chancen auf den Aufstieg?

Bicakcic: Zuerst haben wir von Spiel zu Spiel geschaut und wollten aus jedem Spiel das Optimum rausholen. Irgendwann sagst du dir schon: Hey, die Qualität ist da! Das wussten wir zwar auch vorher, aber das es so blendend läuft... Wir haben eine Riesenmoral innerhalb des Teams und das Selbstvertrauen stimmt auch; nun schauen wir von Spiel zu Spiel, Woche zu Woche – mal sehen, was am Ende herauskommt. Fakt ist aber auch: Unseren Platz da oben werden wir auf keinen Fall herschenken...

Die Abwehr hat mit nur 12 Gegentoren einen relativ großen Anteil am Erfolg. Wo sehen Sie Ihren Anteil daran und wie würden Sie den Braunschweiger Spielstil beschreiben?

Bicakcic: Die Defensivarbeit beginnt schon vorne bei den Stürmern, außerdem reißt sich bei uns auf gut Deutsch gesagt „jeder den Arsch auf“. Wir stehen insgesamt sehr stabil und kompakt, gepaart mit der individuellen Klasse hat das bisher die wenigsten Gegentore der Liga ergeben. Dazu kommen schnelles Umschalten und taktische Disziplin.

Mit Dennis Kruppke und Norman Theuerkauf haben vergangene Woche zwei wichtige Leistungsträger ihre Verträge verlängert. Die Arbeitspapiere von vielen Teamkollegen, auch Ihrem, laufen im Sommer aus. Für Sie ein Signal, zu verlängern?

Bicakcic: Zunächst freue ich mich für die beiden, die ein großer Bestandteil von Eintracht Braunschweig sind. Auch der Verein dürfte glücklich sein, solche verdienten Spieler gehalten zu haben. Ich persönlich fühle mich in Braunschweig sportlich und privat sehr wohl und stehe einer Vertragsverlängerung alles andere als abgeneigt gegenüber. Insofern wurden die Gespräche von meinen Beratern und dem Verein bereits aufgenommen. Ich selbst hingegen konzertiere mich auf meine Leistung auf dem Platz.

Was zeichnet denn die Arbeit von Trainer Torsten Lieberknecht aus?

Bicakcic: Was Torsten Lieberknecht fachlich drauf hat - davor Hut ab. Was ihn meiner Meinung nach aber auch auszeichnet, ist, dass er sehr nah an der Mannschaft dran ist. Er war selber Spieler und kann sich gut in uns hinein versetzen und das kommunizieren, was er erwartet. Ich denke, es ist für jeden Spieler eine tolle Erfahrung unter ihm zu arbeiten und zu spielen.

Stichwort Bundesliga und Meisterschaft 1967: Wie stark ist gerade die Euphorie in Braunschweig und wie macht sie sich bemerkbar?

Bicakcic: Bevor ich hierher kam, hatte ich schon viel darüber gelesen, auch über die Fans. Aber das selber live zu erleben, wenn die Fans dich nach vorne peitschen und Stimmung machen, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die Euphorie ist natürlich groß, eine fußballverrückte Stadt im positiven Sinne. Diese Anerkennung der Leistung ist schön, ich bin dankbar dafür und versuche in jedem Spiel den Fans 100% zurück zu geben.

Ermin Bicakcic | Eintracht Braunschweig, IV, 22 Jahre
STATISTIKEN 2012/2013
Zweitligaeinsätze 18
Tore / Assists 2 / 0
Gelbe/Rote Karten 2 / 0
UND SONST SO...
Starker Fuß Beidfüßig
Wird der nächste... S. Ramos / S. Tasci

Wie viele gute Fußballer stammen auch Sie aus der Jugend des VfB Stuttgart. Wie hat Sie die Ausbildung dort geprägt – und was macht sie aus?

Bicakcic: Die Stuttgarter Jugend ist eine, wenn nicht die erfolgreichste in Deutschland und die Ausbildung dort habe ich als Geschenk empfunden. Es wird schon sehr früh Wert auf taktische Fragen gelegt, aber auch sehr stark individuell gearbeitet, in Sachen Technik oder Schnelligkeit. Insbesondere Hans-Martin Kleitsch, meinem damaligen A-Jugend-Trainer, habe ich sehr viel zu verdanken; ohne ihn wäre ich heute vielleicht nicht da, wo ich heute bin.

Im Sommer 2011 zogen Sie sich im DFB-Pokal gegen Wiesbaden einen Innenbandabriss im Knie zu, der zwei Monate Pause bedeutete – zu einem Zeitpunkt als Sie die Chance hatten, sich beim VfB in der ersten Elf zu beweisen. Wie geht man als junger ambitionierter Spieler mit so einem Pech um?

Bicakcic: Bei so einer Verletzung ist man natürlich erst mal negativ gestimmt, vor allem, weil ich zu dem Zeitpunkt meine Chance sah, in die erste Elf zu rücken. Mir haben die Gespräche mit meinem Berater und meiner Familie sehr geholfen, diese Zeit zu überstehen und weiter zu machen. In dem Moment zieht es einen runter, aber nach einer Weile wird dir bewusst, dass es weiter geht. Ich denke mit 22 bin ich noch am Anfang meiner Karriere. So was passiert im Leben, wenn man hinfällt, muss man wieder aufstehen.

Thema Nationalmannschaft: Sie haben sowohl für bosnische als auch deutsche U-Mannschaften gespielt und sich nun für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden. Was war Ihr Beweggrund?

Bicakcic: Ich bin hier groß geworden und fühle mich sehr wohl, habe Deutschland viel zu verdanken. Das war für mich ausschlaggebend. Manche Menschen sollten sich vielleicht mal Gedanken machen, bevor sie permanent schlecht über dieses Land reden. Nicht alles ist perfekt hier - aber was ist schon perfekt? Ich bin in jeder Hinsicht froh, hier zu leben und deutscher Staatsbürger zu sein.

Welche Innenverteidiger sind eigentlich Ihre Vorbilder?

Bicakcic: Früher hatte ich die Chance täglich mit Serdar Tasci zu trainieren, und konnte mir von ihm viel, zum Beispiel in Sachen Spielaufbau abschauen. Er ist durchaus ein sportliches Vorbild für mich. Gleiches sehe ich in Sergio Ramos, dem Innenverteidiger von Real Madrid, weil er schon sehr jung und nunmehr schon lange Zeit auf höchstem Niveau spielt. Er ist technisch sehr begabt, löst Situationen eher spielerisch, als den Ball raus zu kloppen und geht nach vorne, wenn er den Ball hat. Im Zweikampfverhalten sehe ich mich ähnlich wie ihn: „Hart aber fair“, wie ich das gerne nenne. Für mich ist er das Non plus Ultra in der Innenverteidigung.

Um abschließend nochmal auf Ihren Torjubel gegen Köln zurückzukommen: Sie sind zur Torfahne gerannt und haben ein paar Punches gesetzt. Stimmt es, dass Muhammad Ali Ihr großes Vorbild ist?

Bicakcic: Ja, für mich ein absolutes Vorbild, durch seine sportliche Karriere, aber auch als Privatmensch, der sich politisch engagiert hat und in schwierigen Zeiten seine Meinung offen vertrat. Mein Torjubel hatte aber auch den Hintergrund, dass ich, nachdem ich die Biographie von Ali gelesen hatte, mir auch die von Mike Tyson auf DVD angeschaut habe. (Lacht) Ein Mix aus beiden gewissermaßen...

Wenn Sie kein Fußballer geworden wären, dann also Boxer?

Bicakcic: (Lacht) Auf jeden Fall....

Herr Bicakcic, wir danken für das Gespräch!

EURE MEINUNG: Braunschweig - nächste Saison in der Bundesliga?

Bleibe am Ball und sei Teil des größten Fußball-Netzwerkes der Welt: Folge Goal.com auf
oder werde Fan von Goal.com auf !

Dazugehörig