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Rudi Gutendorf ist ein Kind der ersten Stunde der Bundesliga. Seit mehr als 60 Jahren ist er als Trainer aktiv. Im Interview mit Goal.com erinnert sich der Weltenbummler.

Berlin. Rudi Gutendorf kann man guten Gewissens als Held und Botschafter des Fußballs anpreisen. Gutendorf saß auf der Bank, beim MSV Duisburg, als die Bundesliga vor 49 Jahren in seine erste Saison ging. Der inzwischen 86-Jährige trainierte in Deutschland unter anderem auch Schalke 04 und den Hamburger SV.

Überall auf der Welt

Später zog es Gutendorf nach Samoa, Ruanda, Australien, Ghana, Fidschi und viele andere Länder weltweit. Als der MSV Duisburg vor Wochen einen neuen Trainer suchte, bot er seine Hilfe an. Am Ende entschied sich der MSV jedoch für eine andere Lösung. In seiner Karriere hat er mehr als 50 Trainerstationen auf fünf Kontinenten gehabt, die ihm einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde garantieren.

Im exklusiven Interview mit Goal.com sprach Rudi Gutendorf über seine Fußball-Vergangenheit, den Stellenwert der Bundesliga im internationalen Vergleich und er rät jedem Spieler, sich wenigstens einmal im Ausland ausprobiert zu haben.

Rund 50 Jahre Fußball…was sind die gravierendsten Veränderungen in Ihren Augen?

Rudi Gutendorf: Ich denke, die gravierendsten Änderungen betreffen die Schnelligkeit und Dynamik des heutigen Spiels. Es ist leider auch etwas unfairer und auch nicht unbedingt immer attraktiver geworden. Heute hat man keine Zeit mehr den Ball anzunehmen, durch die stärkere Dynamik. Ich sah Spieler wie Garrincha, Pelé oder Matthew lieber – heute gibt es eher den Typ Gomez, der dynamischer und kompromissloser spielt.

Wie erleben Sie von den Neuen Medien?

Rudi Gutendorf: Es ist ein Produkt der heutigen Zeit und ich stehe dem positiv gegenüber. Ich kenne viele Ältere, die halten es für „Hokuspokus“, doch ich meine, wenn man es ablehnt, wird man schnell alt. Ich bemühe mich, die Neuen Medien zu verstehen.

Sie haben seit kurzem eine neue Internetpräsenz (www.rudi-gutendorf.de), wie kam es dazu?

Rudi Gutendorf: Ich engagiere mich derzeit in der Vorbereitung eines internationalen Projekts, da passte es gut, auch meine persönliche Webseite etwas aufzufrischen. Ich hoffe, den Besuchern gefällt sie genauso gut wie mir.



Wie empfanden Sie das Ansehen des deutschen Fußballs in Ihren Auslandsstationen und wie haben Sie sich darauf eingestellt?

Rudi Gutendorf: Ich bezeichne mich schon als stolzer Deutscher und stand auch im Fußball zu den „deutschen Tugenden“. Allerdings habe ich es immer komplett abgelehnt, der Einstellung manch anderer zu folgen, die frei nach Kaiser Wilhelm II nach der Devise lebten „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Niemals – nicht mit mir! Ich bin stets auf andere Kulturen eingegangen. Allerdings habe ich stets Wert auf geordnete Verhältnisse und Disziplin gelegt. Insbesondere in Afrika, deren Spieler ich heute noch für die größten Talente im Fußball halte, konnte ich damit viel erreichen – denn das ist der wichtigste Punkt, der sich dem Erfolg afrikanischer Teams in den Weg stellt. Die Afrikaner sind in Afrika auch einfach zu verspielt.  

Wie intensiv verfolgen Sie noch den internationalen Fußball?

Rudi Gutendorf: Sehr! Wie mein ganzes Leben. Insbesondere über den Kicker, meiner Lieblingszeitung. Die hatte schon mein Vater gekauft, wenn wir Geld hatten.

Wie sehen Sie den Stellenwert der Bundesliga? Wo steht der deutsche Fußball im internationalen Vergleich?

Rudi Gutendorf: Führend mit einigen anderen Ligen. Spanien ist nur spannend im Zweikampf zwischen Barca und Real – die Bundesliga enger in der Breite, obwohl auch hier Bayern und BVB leichten Vorsprung haben. Übrigens tippe ich auf die dritte Meisterschaft vom BVB in Folge! Im weltweiten Vergleich sieht man, dass ein Verein ohne Geld mögliche Potentiale nicht optimal ausschöpfen kann. Die beste Liga ist wohl auch die mit dem meisten Geld: England.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Ex-Klubs in Deutschland bzw. verfolgen Sie diese noch?

Rudi Gutendorf: Verfolgen ja, Kontakt insbesondere noch zu Schalke 04 und MSV Duisburg. Zum HSV besteht allerdings kein Kontakt mehr – diese Wunde ist auch nach den vielen Jahren noch nicht verheilt. Dort wurde ich leider auf eine unfaire Art regelrecht fallengelassen.

Welchen Klub oder welches Nationalteam hätten Sie gern nochmal trainiert?

Rudi Gutendorf: England. Damals beim Kick & Rush hatten die sehr harten und schweren Bälle einen ganz besonderen Sound, insbesondere bei langen Pässen, wie es ihn nur in England gab. Doch damals akzeptierte England leider nur englische Trainer. Das jetzt zu viele Ausländer auf Schlüsselpositionen in der Liga und zu viele Saisonspiele die Mannschaft schwächen, sieht man an den Ergebnissen der Nationalelf der letzten Jahre. Sie sind bei den Turnieren dann meist ausgemergelt. Zudem fördert die Beanspruchung viele Mikroverletzungen.



Gibt es eine Anekdote oder eine Begebenheit, nach all ihren Stationen, an die Sie sich besonders erinnern?

Rudi Gutendorf: Ich war Nationaltrainer von Nepal und wir standen im Halbfinale eines großen Turniers. Wir hatten dort die Inder geschlagen – eine riesige Nation im Gegensatz zum kleinen Nepal. Der Trick war, dass ich nach einem Wolkenbruch Adidas 16mm Stollenschuhe hergezaubert habe und die Inder nur Nockenschuhe hatten – wir gewannen 2:0. Leider haben die Kuwaitis versucht, durch mich mit einem unmoralischen Angebot die Garantie für ihren benötigten 8:0 Sieg gegen uns zu verschaffen. Ich konnte und wollte das nicht – meine Spieler waren ehrenhafte Gurkas, denen ich Fairness gepredigt hatte. Geht nicht! Obwohl deren Minister extra zum Spiel kam, haben wir die Kuwaitis enttäuscht und ein 1:1 erkämpft!

Wo haben Sie am liebsten gearbeitet?

Rudi Gutendorf: Auf Schalke. Ich war glücklich dort – Fußball pur und Fans, die Fußball leben. Ich übernahm das Team dort in der Winterpause – eine halbleere „Glück auf Kampfbahn“ und wir waren Letzter und das mit Spielern wie Kuzorra, Szepan usw. Eigentlich hatte ich an dem Tag gerade auf den Bermudas einen Vertrag unterschrieben, da las ich in der Zeitung „Schalke sucht Gutendorf“.  Das mit den Bermudas haben wir mit Detmar Cramers Hilfe hinbekommen und meine erste Aktion mit meinem neuen Team war, dass ich alle Trikots verbrennen ließ – gemeinsam für einen Neustart. Dann sind wir um 5 Uhr morgens an den Zechen vorbei mit unseren Konditionsübungen gelaufen, was auch die „Kumpels“ und Fans sahen. Wir waren ein Team, hatten unsere Fans zurück und erreichten noch Platz 7, das Cupfinale und danach das Halbfinale im Europapokal.

Mobilität, Flexibilität und Internationalität sind immer mehr gefragt. Haben Sie einen Rat an junge Spieler und Trainer? Wie wichtig ist es, mal Erfahrungen im Ausland zu sammeln? Beispiel Philipp Lahm, der mehrere Chancen für einen Wechsel ins Ausland verstreichen ließ, um beim FC Bayern zu bleiben.

Rudi Gutendorf: Ich halte Auslandserfahrungen für junge Spieler in ihrer Entwicklung für sehr wichtig! Schon damals, ich war bei Valladolid Trainer, haben wir gegen Spieler wie Breitner und Netzer bei Real gespielt. Die aktuellen Positivbeispiele sind Khedira und Özil. Wenn man allerdings den Weg wie Lahm wählt, dann geht das nur, wenn man bei einem Club spielt, der auf höchstem Niveau und international spielt – das geht nur bei Clubs wie Bayern München.

In exklusiver Zusammenarbeit mit presented by (hier das komplette Interview mit Rudi Gutendorf lesen).

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