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Im zweiten Teil des exklusiven Interviews mit dem ehemaligen Torhüter Frank Rost spricht der 38-Jährige über Hierarchien, Verantwortung und Sicherheit in deutschen Stadien.

Hamburg. Nach einem kurzen Abstecher in die amerikanische MLS bei den New York Red Bulls beendete Frank Rost im Februar seine aktive Laufbahn als Profifußballer. In der Bundesliga stand der 38-jährige für Werder Bremen, FC Schalke 04 und dem HSV zwischen den Pfosten. Goal.com traf den passionierten Golfspieler zum Interview in seiner Wahlheimat Hamburg.

Herr Rost, der heutigen Spielergeneration wird im Vergleich zu früheren Zeiten eine fehlende Identifikation mit ihren Vereinen vorgeworfen. Wie sehen Sie das?

Frank Rost: Vergleiche zu früher zu ziehen, ist müßig. Die Voraussetzungen sind heute andere. Es ist nun mal so, dass die Spieler immer häufiger die Vereine wechseln. Jedoch wird ein Spieler, der fünf oder sechs Jahre in einer Mannschaft spielt, eine völlig andere Identifikation mit dem Verein und dem Umfeld haben, wenn er nicht nur in seiner eigenen
Suppe schwimmt, als jemand, der alle zwei Jahre zu einem neuen Club geht. Auch die Funktionäre schreien jede Saison nach Verstärkungen, wobei ich bezweifele, dass neue Leute zwangsläufig eine Verbesserung nach sich ziehen. Es wird ganz nach dem Preußischen Motto gehandelt: Fällt die erste Reihe um, muss man die Zweite nach vorne holen. Es wird deshalb auch immer weniger Spieler geben, die sich mit ihren Klubs wirklich identifizieren. Der Ursprung dieser Entwicklung liegt allerdings nicht bei den Spielern sondern beginnt schon in der Ausbildung.


Werden Spieler, die auch mal kritische Meinungen äußern, überhaupt noch akzeptiert?

Rost: Es kommt immer auf die Führungsebenen und die Philosophie der Vereine an. Ein pauschales Urteil abzugeben, wäre fatal. Ich würde jedoch der These zustimmen, dass es immer weniger Spieler gibt, die auch mal etwas sagen, weil sie genau wissen, was sie dann erwartet. Diesen unnötigen Stress erspart man sich lieber, zumal man nur selten Gehör findet.

Was für eine Hierarchie innerhalb einer Mannschaft halten Sie am geeignetsten für
sportlichen Erfolg?

Rost: Heutzutage gibt es doch überhaupt keine gewachsenen Hierarchien mehr in den Teams. Wie soll das denn auch funktionieren? Hierarchien entstehen erst dann, wenn eine Mannschaft längere Zeit zusammenbleibt. Im Mannschaftssport wird man allerdings immer an einen Punkt kommen, wo einige wenige das Heft in die Hand nehmen und andere die Drecksarbeit machen müssen. Das ist in der heutigen Zeit schwieriger, weil jeder im Fokus stehen möchte. Und im Fokus stehen, bedeutet zwangsläufig mehr Geld verdienen. Machen wir uns doch nichts vor: Wenn ein Spieler aus der Jugend kommt und drei gute Spiele in der Bundesliga macht, ist er doch schon fast Top-Verdiener. Wer soll den Jungs dann noch etwas sagen? Um diese Entwicklung richtig einordnen zu können, braucht man als junger Spieler ein stabiles Umfeld.


Sehen Sie die Vereine in der Verantwortung?

Rost: Es gibt doch kaum noch Vereine, in denen über einen längeren Zeitraum konstant gearbeitet wird. Auch in den Führungsebenen ist inzwischen die Fluktuation relativ hoch. Darum ist es schwer, eine Philosophie zu entwickeln und an dieser nachhaltig zu arbeiten. Sicher ist aber, dass die Vereine mehr als früher die Verantwortung für die Entwicklung
junger Spieler tragen. Sie übernehmen fast die Rolle von Erziehungsberechtigten. Immer jüngere Talente aus dem gesamten Bundesgebiet und auch aus dem Ausland werden von den Klubs eingekauft. Diese leben dann in den Vereins-Internaten und auch die regionalen Spieler verbringen fast den ganzen Tag auf dem Vereinsgelände. Da ist es wichtig, auch erzieherische Aufgaben zu übernehmen – Herr Sammer nennt das die „Prägung der Charaktere“ - und sehr eng mit den Eltern zusammen zu arbeiten. Das ist eine große Aufgabe.


Nach dem Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin entfachte eine hitzige Debatte über die Sicherheit in deutschen Stadien. Fühlen Sie sich im Stadion sicher?

Rost: Ja! Wir leben in einer Zeit, in der der Boulevard solche Themen hochkocht. Selbst Innenminister springen auf diesen Zug auf, aber das tun sie nicht, um dem Fußball zu helfen. Da geht es einzig um Wählerstimmen. Natürlich war das, was in Düsseldorf passiert ist, keineswegs in Ordnung. Aber die Reaktion der Düsseldorfer ist aus der Euphorie heraus entstanden. Dass das trotzdem nicht passieren darf, steht außer Frage. Zu bengalischen Feuern muss man festhalten, dass es dadurch meines Wissens noch nie zu Todesfällen gekommen ist, auch wenn das abbrennen viele Gefahren birgt, die ich nicht verharmlosen möchte. Doch der Weg zum Stadion ist mit Sicherheit gefährlicher für die Fans als in ihrer Kurve zu stehen. Die bengalischen Feuer sind nicht das eigentliche Problem. Es ist die wachsende Zahl von Chaoten und Idioten unter 50 000 friedlichen Besuchern. Meiner Meinung nach trägt dafür auch der Rechtsstaat, der diese Menschen nicht konsequent genug verurteilt, eine Mitschuld. Auf der anderen Seite sprechen Polizei und Vereine inzwischen auf Verdacht Stadionverbote aus, die nach dem rechtsstaatlichen Prinzip eigentlich nicht haltbar sind. 99 % der Fans verhalten sich korrekt, das eine Prozent darf nicht die Kriminalisierung aller Fans rechtfertigen.

Was ist die Lösung des Problems?

Rost: Eigenverantwortung, sodass ein Selbstreinigungsprozess in den Fanszenen stattfindet. Ich würde es gut finden, wenn man das Anzünden von Bengalischen Feuern unter Kontrolle und im Einvernehmen mit der Polizei legalisiert, wie das auch in anderen Ländern praktiziert wird. Aber wenn irgendwo einer illegal ein Feuer zündet, dann soll konsequent gegen ihn Anklage erhoben, ein Urteil gesprochen und dann ein langjähriges Stadionverbot ausgesprochen werden. Wenn man alles nur diktiert oder verbietet, führt das zum Gegenteil. Man muss die Meinung der Fans in die Diskussionen miteinbeziehen und sie selbst mit in die Verantwortung nehmen. Ich denke, dass die Fangruppierungen dann viel mehr selbst in den Kurven für Ordnung sorgen werden.


Die mögliche Abschaffung der Stehplätze würde demnach nichts an der Ursache des
Problems ändern.


Rost: Richtig, aber wenn ich jetzt ketzerisch sein darf, würde ich behaupten, dass man für einen Stehplatz weniger Geld verlangen kann, als für einen Sitzplatz. Ich habe viele Stadien gesehen und muss sagen, dass ich mich nie unsicher gefühlt oder sogar Angst gehabt habe. Wir werden nicht verhindern können, dass Idioten und Chaoten den Weg ins Stadion unter die friedlichen Fans finden. Es ist aber Unsinn zu behaupten, dass der Fußball die Bühne der Gewalt ist. Die Hemmschwelle muss einfach nach oben getrieben werden – intern wie auch extern. Das erreicht man durch die konsequentere Anwendung der Gesetze.

Eure Meinung: Hat Frank Rost mit seinen Einschätzungen recht?


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