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EXKLUSIV - Die deutsche Fußballlegende haut auf die Pauke und spricht Klartext. Ronaldo war schlecht und Boateng nicht so gut.

München. Wie immer - Pierre Littbarski nahm auch dieses Mal kein Blatt vor den Mund. In einem ausführlichen Goal.com-Interview vor dem Länderspiel-Klassiker zwischen Deutschland und der Niederlande haut die deutsche Fußballlegende auf die Pauke. Dabei geriet auch unser Goal.com-Reporter Maximilian Bensinger ab und an in die Kritik, weil dieser Gefallen daran fand, den ehemaligen deutschen Nationalspieler mit nervigen Mainstream-Weisheiten zu reizen. Amüsant und guter Stoff für Diskussionen. Viel Spaß!

Guten Tag, Herr Littbarski. Wie hat Ihnen die deutsche Nationalmannschaft am Samstag gefallen?

Littbarski: „Sie können besser spielen und haben bereits schon viel besser gespielt. Das Eröffnungsspiel ist natürlich noch ein vorsichtiges Abtasten. Das erste Spiel ist immer schwierig, deswegen fehlte auch noch etwas die Risikobereitschaft und Fantasie. Andere Länder sind aber nicht mit einem Sieg gestartet. Ich war von der Leistung der Portugiesen auch ein bisschen enttäuscht. Ich hätte sie stärker eingeschätzt.“

Aber auch in den Testspielen war die Kreativität aus der EM-Qualifikation nicht mehr vorhanden…

Littbarski (lacht): „Die Kreativität hat bei uns früher auch gefehlt.“

Und wie hat ihnen der vermeintlich stärkste Vorrundengegner gefallen?

Littbarski: „Die Niederländer hatten ja massenhaft Chancen. Ich fand die Schlagzeile „Ego gegen Lego“ zwar auch lustig, aber sie waren gar nicht so ego. Sie haben nur ihre Chancen nicht genutzt. Das Spiel hätte eigentlich gut und gerne 3:1 ausgehen müssen. Ich habe die Holländer nicht so schlecht gesehen.“

Haben die Niederländer vielleicht die jetzige Situation unterschätzt und im Spiel gegen die Dänen auch deswegen etwas fahrlässig gehandelt?

Littbarski: „1982 haben wir bei der Weltmeisterschaft auch das erste Spiel verloren. Jetzt fängt natürlich das große Rechnen an. Aber bei dem Spielverlauf wie am Samstag - da hätte ich früher in der Halbzeit gesagt: `Wir sind besser. Wir machen schon noch das Tor‘. In der letzten Viertelstunde denken Sie dann vielleicht aber schon nach. Natürlich merkt man dann, dass es jetzt eng wird.“

Mir wurde beispielsweise erst einen Tag später richtig bewusst, dass für die Elftal am Mittwoch schon Schluss sein kann…

Littbarski: „Meistens kommt dieser Gedanke dann erst später. Wenn man das eigene Spiel analysiert und auch die Ergebnisse der anderen Teams gesehen hat. Wenn man dann das erste Mal auf die Tabelle blickt, dann wird das einem natürlich bewusst.“

Hat das auch Einfluss auf das Spiel gegen Deutschland?

Littbarski: „Das ist doch logisch. Alle, die verloren haben, fangen jetzt an zu rechnen. Die ändern ihre Taktik und gehen anders in das nächste Spiel.“

Wird es schwerer oder leichter für Deutschland?

Littbarski: „Die größte Problematik wird sein, dass man nicht weiß, wie die Niederlande spielen wird. Sie könnten mit beiden Stürmern spielen oder mit van der Vaart und Sneijder. Man weiß nicht, was uns erwartet. Wenn die Holländer gegen die Dänen gewonnen hätten, dann wäre es einfacher für Deutschland.“

Ist das die Theorie mit dem angeschlagenen Boxer?

Littbarski: „Exakt. Die sind ebenfalls gefährlich. Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Holländer gewonnen hätten.“

Provoziert Rafael van der Vaart deswegen bereits im Vorfeld? Er kennt lediglich drei herausragende deutsche Nationalspieler.

Littbarski (lacht): „Ist doch gut, wenn wir drei herausragende Spieler haben. Die restlichen Spieler sind auch alle nicht so schlecht.“

Ziemlich forsche Töne nach der Niederlage. Haben die Holländer mit dieser Defensive überhaupt eine realistische Chance auf den Titel?

Littbarski (lacht): „Darauf lasse ich mich nicht ein. Da kriegen Sie mich nicht hin. Da können Sie auch noch eine Weile reden. Ich bin kein Freund von Pauschalaussagen.“

Haben die Holländer also kein Abwehrproblem? Beim Gegentor ließ sich die gesamte Abwehr von einer simplen Körpertäuschung narren.

Littbarski: „Das sind ja keine Blinden, sondern die haben alle auf hohem Niveau bereits ihre Klasse bewiesen. Ich sehe das Problem in der gesamten Rückwärtsbewegung. Mit der Doppel-Sechs haben die Niederländer eigentlich immer eine gute Absicherung. Sollten Sie nun das System umstellen, dann könnte die Rückwärtsbewegung gegen Deutschland noch ein wesentlich größeres Problem werden. Das wird Bert van Marwijk schlaflose Nächte bereiten, weil die Offensivspieler nun natürlich ihre Rechte einfordern.“

Glauben Sie wirklich, dass Bert van Marwijk die Mannschaft nun wesentlich offensiver einstellt?

Littbarski: „Sie haben nun den Druck, da sie gewinnen müssen. Die Niederländer sind ein Volk, das das offensive Spiel liebt. Der Druck auf van Marwijk ist also immens.“

(Mit einem Augenzwinkern) Und das mit dieser Defensive…

Littbarski: „Was sollen wir denn dann sagen? Die Portugiesen haben auch Chancen gehabt. Hätte Neuer den letzten Ball nicht so gut pariert, dann hätten wir nicht gewonnen. Man muss sich ja auch mal überlegen, wie viel Torchancen die Dänen überhaupt hatten.“

Mats Hummels war aber überragend und Jerome Boateng hat gegen Ronaldo auch klasse gespielt.

Littbarski: „Stopp! Ich muss jetzt mal was sagen. Ich kann es nicht mehr hören. Der Ronaldo hat doch gar nichts gemacht. Schauen Sie sich den doch mal bei Real Madrid an. Da reden alle davon, dass der Boateng eine hervorragende Leistung gezeigt hat. Der war doch nicht so überragend, dass er Ronaldo ausgeschaltet hat. Ronaldo hat einfach nur wieder einmal in einem wichtigen Länderspiel seine Leistung nicht gebracht. Leute, lasst doch die Kirche im Dorf. Ronaldos Leistung war doch enttäuschend und dann werden unsere Spieler so hochgelobt. Ich kann mich damit nicht anfreunden.“

Also ich finde, dass gerade die Defensivleistung der deutschen Nationalmannschaft Grund zur Hoffnung gibt.

Littbarski: „Mats Hummels hat überragend gespielt. Er hat auch Druck nach vorne ausgeübt. Das habe ich so nur bei Per Mertesacker und Arne Friedrich in ihren besten Zeiten gesehen. Das war klasse. Aber ansonsten – Lahm hatte einen schwarzen Tag und Boateng hat auch Glück gehabt. In den wenigen Situationen, wo Ronaldo mal angezogen hat, da wurde Boateng vernascht.“

Ihre These im Hinterkopf – dann wird es gegen die Niederländer aber kein bisschen einfacher. Sollte man Philipp Lahm vielleicht doch auf der rechten Seite einsetzen und dafür mal Marcel Schmelzer testen?

Littbarski: „Die höchste Gefahr geht von Sneijder aus, weil er von der Außenbahn ins Zentrum zieht. Aber wir haben doch keine wirklichen Alternativen. Wir müssen uns ja auch nicht unnötig Probleme schaffen.“

Okay, okay! Aber die Stürmerdiskussion hat schon begonnen.

Littbarski: „Wir können froh sein, dass wir beide Stürmer haben. Die Entscheidung für den einen oder anderen Spieler ist so eng, also ich will nicht in Jogi Löws Haut stecken. Ich würde Mario Gomez starten lassen, weil ich nicht um die genaue Fitness von Miroslav Klose weiß. Außerdem hat Gomez das Tor gemacht und wieso sollte man jetzt etwas daran ändern?“

Naja, viele sehen in Gomez immer noch den technisch limitierten Stoßstürmer. Stimmt das etwas nicht?

Littbarski: „Das ist doch alles Quatsch. Vergessen Sie jegliche Theorie bei Stürmern. Die Diskussion, ob er nicht genug mitgemacht hat, das ist doch sinnlos. Er hat das Ding reingemacht. Ich bin froh, dass ich früher mit klasse Torjägern zusammengespielt habe, und ich bin froh, dass wir heute einen Mario Gomez haben.“

Aber wenn der Mehmet Scholl sogar Kritik übt?

Littbarski: „Man muss ja nicht alles so ernst nehmen, was da in der ganzen Berichterstattung gesagt wird.“

Es war immerhin die Liveberichterstattung des TV-Senders. Absolut meinungsbildend!

Littbarski (lacht): „Ja, das ist ja auch okay. Aber das interessiert mich nicht.“

Also halten Sie nichts von Schollis Ansichten?

Littbarski (lacht): „Das sagen Sie. Ich habe gesagt, was ich dazu sage.“

Also, ja!

Littbarski: „Das sind alles Meinungen. Ich kenne keine drei deutschen Spieler, die den Ball so reingeköpft hätten.“

Zum Schluss noch ihre Tipps für die kommenden Spiele der DFB-Elf…

Littbarski: „Ich tippe auf ein 1:1-Unentschieden gegen Oranje. Gegen die Dänen feiern wir einen 2:0-Sieg.“

EURE MEINUNG: Was sagt Ihr zu den Aussagen von Pierre Littbarski?

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