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Sportpsychologe Gregor Nimz: „Bayerns Niederlagen können sogar förderlich sein“

EXKLUSIV - Wie verarbeiten die Bayern-Profis den Tiefschlag vom Saisonende und wie kann Jogi Löw helfen? Wir haben darüber mit einem renommierten Sportpsychologen gesprochen.

Berlin. Wie verdauen die Profis des FC Bayern die Nackenschläge aus dem Endspurt der abgelaufenen Spielzeit. Drei Titel verspielte der Rekordmeister und das gipfelte in der dramatischen Pleite gegen Chelsea im Kampf um die Königsklasse. Bayern Nationalspieler reisen mit einem immens schweren Rucksack zur Europameisterschaft und es drängt sich die Frage auf, wie die Spieler den wieder loswerden.

Dr. Gregor Nimz ist als freiberuflicher Sportpsychologe tätig und unterstützt seit mehreren Jahren Mannschaften und Einzelsportler im Leistungs- und Spitzensport bei der Erreichung ihrer sportlichen Ziele. Er ist Inhaber des „Instituts für systemisches Coaching in Sport & Wirtschaft“ mit Sitz in Wiesbaden und zudem Dozent an der Hochschule für Gesundheit & Sport, Berlin. Er stand unserer Seite Rede und Antwort.

Der FC Bayern München hat alle drei Saisonfinals (Meisterschaft, Pokal, Champions League) verloren, dabei war der Showdown vom Samstag eine ganz bittere Pille - wie geht es nach solch einer Saison im Kopf eines Spielers vor?

Nimz: Natürlich überwiegt erst einmal die Enttäuschung. Die Mannschaft um den Trainer hat keines der ausgegebenen Ziele erreicht. Primär möchte man in dieser Phase kurz nach dem Spiel nur seine Ruhe haben. Das ist vergleichbar mit einem langen Aufstieg auf einen Berg, der viel Kraft gekostet hat, und bei dem man am Ende nicht den Gipfel erreicht. Das Ziel kurz vor Augen, aber den Weg doch nicht erfolgreich zu Ende gegangen. Trotzdem wird den Spielern nach ein paar Wochen bewusst, welche Leistung sie auf dem gesamten Weg vollbracht hat. Nicht viele Mannschaften schaffen die Schritte bis in drei Finalspiele. Zumal auf diesem Weg auch Real Madrid geschlagen wurde.

Der Verein musste sich zum Ende der Saison wiederholt dem Hauptkonkurrenten aus Dortmund geschlagen geben, was auch an den Nerven lag, im Finale der Champions League hatte man gute Möglichkeiten, sogar ein Strafstoß wurde verschossen. Im abschließenden Elfmeterschießen traute sich dann aber kaum noch ein Spieler zu schießen, sodass sogar Keeper Neuer die Verantwortung übernahm. Welcher Faktor spielte die Angst? War das Spiel schon vor dem Elfmeterschießen verloren?

Nimz: Sobald ein Spieler an den Elfmeterpunkt tritt, muss er von seinen Fähigkeiten überzeugt sein, dass er den Ball in diesem Moment im Netz versenken wird. Da kann der kleinste Zweifel oder auch ein Bild von einem verschossenen Elfmeter im letzten Spiel, welches kurz im Kopf auftaucht, schon dazu führen, dass der Ball nicht verwandelt wird. Der Spieler sollte den Fokus also auf die Handlung und nicht das Ergebnis bzw. mögliche Konsequenzen legen. Sobald ein Spieler denkt, „Oh je, den habe ich letzte Woche verschossen. Kann mir das heute wieder passieren?“, sollte er nicht zum Elfmeter antreten. Man hat gut gesehen, welche Spieler sich den Ball auf den Punkt gelegt haben und genau wussten, wo der Ball hingehen soll. Egal was der Torwart macht. Diese Überzeugung, also keine Angst und Selbstzweifel zu haben, sondern einen genauen Handlungsplan, macht einen guten Schützen aus.



Ganz Deutschland hatte von München den Heimtitel erwartet, trotz vieler Möglichkeiten konnte man den Erwartungen jedoch nicht gerecht werden. Welche Rolle spielt in solch einem Spiel der Druck?

Nimz: Neben dem allgemeinen Druck, der vor einem solchen Spiel bei jedem Spieler herrscht, vor allem bei denjenigen, die noch nie in einem Championsleague Finale standen, kommen noch andere Faktoren hinzu. Erstens die angesprochenen Erwartungen der Fans und Medien, das Spiel vor eigener Kulisse gewinnen zu müssen.  Zudem ist der Druck mit den beiden verloren gegangenen „Endspielen“ in der Bundesliga und dem DFB-Pokal nochmals gestiegen. Und schließlich kam nach dem Ausscheiden von Barcelona den Bayern die Favoritenrolle zuteil, die manchmal und gerade in solchen Spielen schwer wiegen kann. Dabei kann das Team entweder gut mit solchen Drucksituationen umgehen, diese als Herausforderung annehmen und sie für sich nutzen. Also zum Beispiel die Aufmerksamkeit und die Favoritenrolle gezielt für sich auslegen, um Selbstbewusst in das Spiel zu  gehen. Der Druck kann aber auch zu einer Art „Bedrohung“ werden und sich somit nicht förderlich auswirken.

Arjen Robben entwickelte sich zur tragischen Figur der Saison, die zwei wichtigsten Elfmeter der Saison vergab er jeweils kläglich (dazwischen hatte er aber auch einen wichtigen getroffen), dennoch trat er (obwohl er für seine Nervenschwäche bekannt ist) immer wieder an. Wie sehr leidet sein allgemeines Selbstvertrauen darunter, welche Auswirkungen könnte diese Saison auf den Rest seiner Karriere haben?

Nimz: In der Sportpsychologie unterscheidet man zwei Typen von Athleten. Handlungs- und Lageorientierte. Erstgenannte können mit Niederlagen gut umgehen, diese ausblenden und suchen sich schnellstmöglich neue Herausforderungen. Lageorientierte Sportler haben es im Gegensatz dazu schwer sich von Misserfolgen zu lösen. Es kann passieren, dass ihr Kopf auch bei zukünftigen Aufgaben, wie zum Beispiel einem Elfmeter, noch an den verschossenen aus dem letzten Spiel denkt. Das ist wie oben beschrieben hinderlich für die erfolgreiche Ausführung einer Aufgabe. Es kommt also darauf an, den Fokus im „Hier und Jetzt“ zu behalten und störende Gedanken auszublenden. Dazu gehören auch Erlebnisse wie mehrere verschossene Elfmeter. Gelingt dies dem Spieler, ist die Chance größer, dass er wieder Erfolgserlebnisse haben kann, und somit auch sein Selbstbewusstsein wieder steigt.

Die EM 2012 steht in weniger als drei Wochen an, wie wirkt sich für einen Sportler ein solcher moralischer Dämpfer auf ein kurz bevor stehendes Großevent aus? Hemmend oder sogar trotzend, beziehungsweise fördernd?

Nimz: Die Spieler können sich von solch einem Erlebnis stark beeinflussen lassen und dies „im Gepäck“ auch mit zur Europameisterschaft bringen. Dann ist es hinderlich. Gelingt es den Athleten aber nach einer gewissen Erholungsphase, den Fokus wieder auf zukünftige Handlungen zu legen und Lerneffekte aus dem Vergangen mitzunehmen, kann es sogar förderlich sein. Die Perspektive könnte sein: „Was haben wir aus diesem Ereignis gelernt? Was kann ich beim nächsten Mal anders machen? Was hat bei allem Vorgehen auch sehr gut funktioniert?“. Meist finden sich hier wichtige Anhaltspunkte für zukünftige Aufgaben, die sehr hilfreich sein können.  

Wie muss Bundestrainer Joachim Löw mit den Spielern umgehen, damit sie ihre Leistungen bringen?

Nimz: Der Trainer kann in diesem Kontext versuchen, die Stärken der einzelnen Spieler wieder herauszuarbeiten und sie diesen bewusst zu machen. Dabei kann er durch sein Auftreten und seine Ansprache dazu beitragen, dass die Spieler wieder zu ihrer alten Stärke finden. Unbestritten ist ja, dass sie Fußball spielen können. Zudem kann durch das Erarbeiten eines neuen, gemeinsamen Zieles, der Fokus der Spieler auf neue Herausforderungen gelegt werden.



Und zum Schluss, wie lange hängt dieser Tag noch in den Köpfen der Spieler, werden sie auch in der kommenden Saison immer wieder an Vergangenes denken müssen? Welche Instrumente könnte man den Akteuren mit auf den Weg geben, um besser mit der Situation zurecht zu kommen?

Nimz: Das ist sehr individuell, wie oben schon am Beispiel der zwei unterschiedlichen Spielertypen dargestellt. Primär sehe ich die Aufgabe darin, den Spielern kleine Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Sowohl im Training, als auch in Spielen. Zudem sollte mit einer klaren Analyse das Erlebte sowohl der positiven, als auch der Situationen, die Verbesserungspotential beinhalten, aufgearbeitet werden. Dann aber auch vom Sportler ein Schlussstrich darunter gezogen werden. Ich vergleich das mit einer „Reset-Taste“ beim Computer. Sobald diese mental gedrückt wurde, ist der Kopf wieder frei und neuer Speicher wird frei. Das kann dem Spieler unter anderem als „Werkzeug“ mit an die Hand gegeben werden. Schließlich kann durch ein regelmäßiges  „mentales Training“, der Kopf trainiert werden, sodass ein Spieler mehr dazu neigt, Niederlagen schneller abzuhaken und neue Ziele zu suchen. Außerdem hilft es natürlich auch das Erlebte bewusste einzuordnen – Auch wenn Fußball mitunter das wichtigste ist, ist es nur ein Sport. Solche Ereignisse gehören zum Sport nun mal dazu. Gerade sogenannte Ausnahmesportler haben aus Niederlagen gelernt und sind im Anschluss gestärkt wieder gekommen.


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