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EXKLUSIV - Der japanische Markt wird für die Bundesliga immer interessanter, Paradebeispiele sind Kagawa und Okazaki. Wir sprachen mit deren Berater und Japan-Experte Thomas Kroth.

Dortmund. Als Spieler trat er unter anderem für den Hamburger SV und Borussia Dortmund gegen den Ball, sogar ein Länderspiel hat Thomas Kroth auf dem Konto. Heute ist der 52-Jährige als Berater tätig - unter seinen Klienten sind prominente Namen wie Manuel Neuer oder Shinji Kagawa zu finden.

Seine Beraterfirma ist zudem Ansprechpartner Nummer eins, wenn es um japanische Akteure geht, neben Kagawa werden unter anderem auch Shinji Okazaki, Atsuto Uchida oder Makoto Hasebe von der Pro Profil GmbH betreut. Im exklusiven Goal.com-Interview stand Kroth uns Rede und Antwort - und gab Interesse Einblicke in die Arbeit als Spielerberater und seine Einschätzung zum japanischen Fußball ab.

Warum wagen vor allem japanische Spieler den Schritt in die Bundesliga, andere Ostasiaten
wie Koreaner und Chinesen eher weniger? Besitzt der japanische Fußball ein höheres Niveau
als der Fußball in anderen asiatischen Ländern? Wie bewerten sie die Jugendarbeit in
Japan? Wo hat die Liga noch Defizite?

Thomas Kroth: Die J-League hat sicherlich ein höheres Niveau als die Ligen der Nachbarländer. Aber es ist auch ein wenig Glück dabei. Naohiro Takahara sowie Makoto Hasebe und letztendlich natürlich Shinji Kagawa haben einfach eine Welle der Begeisterung losgetreten, die sehr viele japanische Spieler vor allem nach Deutschland gebracht hat. In der Nachwuchsarbeit wird in den japanischen Klubs hervorragende Arbeit geleistet, die Jugendlichen werden hervorragend ausgebildet. Konkrete Defizite sind mir nicht bekannt.

Als Spieler haben Sie ihre Bundesliga-Karriere beim BVB beendet, Sie leben in der Gegend
und ihr Hauptbüro ist in Dortmund. Ist es ein Zufall, dass der bisher erfolgreichste Japaner in
der Bundesliga beim BVB untergekommen ist? Wie ist Ihre persönliche Bindung zum Club
und zur Region und inwiefern konnte der Spieler Kagawa bei seiner Entwicklung davon
profitieren?

Kroth: Borussia Dortmund hat sich von allen Interessenten am intensivsten um den Spieler bemüht. Für die direkte Betreuung ist die Nähe natürlich von Vorteil. Borussia Dortmund pflegt
traditionell einen sehr guten Kontakt zu den ehemaligen Spielern. Als Spielerberater bewahre
ich mir aber eine Neutralität, denn hier sind Entscheidungen Kopfsache und weniger
Herzensangelegenheit.

Die Fußballfans in Japan und Deutschland, vor allem natürlich in Dortmund, warten auf
Neuigkeiten bezüglich der Vertragsverlängerung von Shinji Kagawa. Wann, glauben Sie,
wird es da eine Entscheidung geben? Gibt es eine Tendenz?

Kroth: Hier halte ich mich an meine Grundsätze, die auch bei Manuel Neuers Transfer von Schalke 04 zum FC Bayern München sehr gut funktioniert haben: Ich gebe keine
Wasserstandsmeldungen ab und beteilige mich nicht an Spekulationen. Von mir wird es
außerhalb des Verhandlungsraumes erst ein Statement geben, wenn Fakten geschaffen sind.

Man hört immer wieder, dass englische Vereine wie Arsenal, ManUnited oder Chelsea
Interesse an Shinji Kagawa haben. Ähnliches liest man von Clubs aus der Serie A und der La
Liga. Können Sie dortiges Interesse am Spieler bestätigen? Ist die EPL eine Liga, in der Shinji
Kagawa seine Karriere (bald) fortsetzen wollen würde? Passt Herr Kagawa mit seinen
Anlagen auf „die Insel“? Können Sie einen Wechsel innerhalb Deutschlands ausschließen?

Kroth: Zu diesem Fragenkomplex habe ich ja in meiner vorherigen Antwort genug gesagt. Nur eins: Ein herausragender Spieler wie Shinji passt in jede Liga.



Eine verbreitete Sorge unter Beobachtern ist, dass der Zustrom junger japanischer Spieler
nach Europa in der J-League einen „talent drain“ bewirkt. Dazu kommt nach, dass Spieler wie
Kisho Yano, Tomoaki Makino oder auch Takashi Usami nach Deutschland kamen, ohne bei
ihren jeweiligen Klubs einzuschlagen. Sollten japanische Spieler daher länger warten, bis sie
älter sind, bevor sie sich in Europa versuchen?

Kroth: Vor allem warne ich immer wieder davor, es mit Transfers aus Japan zu übertreiben. Nicht jedes japanische Talent passt in die Bundesliga. Es wäre ganz in meinem Sinne wenn hier
etwas Ruhe einkehren würde. Ich beobachte den japanischen Markt seit vielen Jahren und bin
mehrfach im Jahr vor Ort. Das ist kein Basar, auf dem man mal vorbeigeht und sich ein
Schnäppchen greift. Man muss mit den Menschen, die ja aus einer anderen Kultur kommen,
behutsam umgehen, sie verstehen lernen und dann prüfen, ob es zum einen von der
Persönlichkeit, von der Reife und vom Talent her passt.

Welche Vorteile bietet die Bundesliga für japanische Spieler gegenüber anderen
europäischen Ligen?

Kroth: Die japanische Mentalität ähnelt der deutschen sehr. Deshalb fühlen sich Japaner in
Deutschland sehr schnell wohl. Das mag in anderen Ländern etwas anders sein.

Sehen wir Hiroshi Kiyotake, Hiroki Sakai und Yuya Kubo bald bei Vereinen in der
Bundesliga? Welche Rolle trauen sie Ihnen zu? Wie ist da der aktuelle Stand?

Kroth: Es ist noch zu früh, um darüber zu reden. Sicher aber ist, dass es noch den ein oder anderen interessanten Spieler in Japan gibt, den wir in Zukunft in der Bundesliga sehen werden.

Gibt es momentan andere junge Spieler in Japan, denen sie einen baldigen Sprung in die
Bundesliga – oder nach Europa - zutrauen? Warum sind vor allem japanische Stürmer in
Europa so rar gesät?

Kroth: Ich habe ein paar interessante Talente im Blick. Mehr sage ich dazu nicht. Aufgrund ihrer
körperlichen Struktur sind die Japaner meist eher für die laufintensiven Außen- bzw.
Mittelfeldpositionen geeignet.

Als früherer Bundesliga-Spieler: Hätten Sie gedacht, dass Japaner in dieser Liga so
erfolgreich sein können, wie im Falle von Kagawa, Okazaki etc.? Wie wichtig ist sprachliche
Integration?

Kroth: Der japanische Fußball hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten unheimlich entwickelt. Fußball besitzt in Japan einen hohen Stellenwert und was der Japaner anpackt, möchte er dann auch erfolgreich umsetzen. Deshalb überrascht mich die Entwicklung keineswegs. Die sprachliche Integration ist sehr wichtig. Deshalb hat Shinji Kagawa immer einen Dolmetscher an seiner Seite. Und bei Shinji Okazaki hat der VfB Stuttgart einen japanischen Jugendtrainer zum Bundesliga-Co-Trainer gemacht, damit er einen Ansprechpartner hat.

Mit Gotoku Sakai kam im Winter der vorerst letzte Japaner – ebenfalls von ihrer Agentur
beraten – in die Bundesliga. Der VfB Stuttgart bezeichnete dies als „Transfer für die Zukunft“.
Mittlerweile hat er seit dem 21. Spieltag jedes Spiel durchgespielt. Hätten sie ihm zugetraut,
sich beim VfB so schnell für einen Stammplatz zu empfehlen?

Kroth: Diese Entwicklung kam schon sehr überraschend. Wobei ich hier die Aussage des VfB-Sportdirektors Fredi Bobic wiedergeben möchte, der sagte, bei Sakai könne man überhaupt
nicht erkennen, welches sein starker Fuß sei, weil beide absolut gleichstark seien. Das ist
schon ein besonderes Talent und deshalb steht er, ob links oder rechts, seinen Mann.

Ab wann dachten Sie, dass es interessant und sportlich lohnenswert sei, japanische Spieler
nach Deutschland zu vermitteln? Wie hat sich das entwickelt?

Kroth: Zuerst habe ich ja Spieler aus Deutschland nach Japan gebracht. Ich war zu Pierre Littbarski Abschiedsspiel eingeladen. Das war mein erster Kontakt zu Japan. Ich habe dann Michael Rummenigge, Reinhard Stumpf und Ned Zelic nach Japan vermittelt. Auf den Reisen habe ich dann schnell festgestellt, wie gut der japanische Fußball ist. 2002 ist mir mit Naohiro
Takahara zum Hamburger SV der erste Transfer eines japanischen Spielers in die Bundesliga
gelungen.

Auf welche Charakteristika achten Sie besonders bei japanischen Spielern, wenn sie für
einen Verein in Deutschland in Frage kommen sollen? „Disziplin“ wird immer wieder
genannt. Ab wann sagen Sie sich: „Der wäre was für die Bundesliga!“?

Kroth: Das ist wie schon geschildert ein langer Prozess. Inzwischen habe ich ein toll
funktionierendes Netzwerk in Japan, bekomme viele Tipps und beobachte die Spieler über
einen langen Zeitraum.

Wo gibt es Unterschiede bei den Verhandlungen mit deutschen und japanischen Vereinen?

Kroth: Die Gespräche in Japan sind umfangreicher und benötigen mehr Zeit als in Deutschland. Das ist Mentalitätssache.

Wie oft reisen Sie selbst nach Japan und sprechen sie Japanisch?

Kroth: Ich bin mehrmals im Jahr in Japan. Wie oft kann ich nicht sagen, da das ja auch davon
abhängt, ob ich Vereine beim Scouting begleiten muss. Japanisch sprechen kann ich aber
nicht. Einige Worte sind mir aber natürlich geläufig.

Die japanischen Spieler sehen Sie teilweise als Helden, da Sie viele von ihnen in besseren
Ligen unterbringen. Einige Klubs, darunter besonders Shimizu S-Pulse im Falle von Shinji
Okazaki, werfen Ihnen dagegen krasses Abwerben der Spieler vor. Ist das einfach nur die Art
und Weise, wie mittlerweile das Transfer- und Beratergeschäft läuft?

Kroth: Das kann ich beides so nicht bestätigen. Die Sportler sehen mich sicher nicht als Helden.
Medien bezeichnen mich als den „berühmten Deutschen", den Sportlern versuche ich ein
fairer Partner zu sein. Und zu Shinji Okazaki: Sein Vertrag bei Shimizu S-Pulse war zum
31.1.2011 ausgelaufen und der Spieler wollte nach Europa.

Vor allem in Fankreisen und in der Boulevardpresse werden Spielerberater gerne als
raffgierig oder nur auf ihre Provision aus dargestellt. Manchmal wird sogar der Vorwurf
erhoben, dass die Spielerberater ihren Klienten zu einem Wechsel raten, der finanziell zwar
lukrativer ist, sportlich aber fragwürdig zu sein scheint. Was halten Sie davon, dass ein
solches Bild des Spielerberaters in Medien- und Fankreisen kursiert? Gibt es Berater-
Klischees, mit denen man Ihrer Meinung nach mal aufräumen muss?

Kroth: Leider trifft das in vielen Fällen zu. Das wissen wir auch. Wir, und damit meine ich die
lizenzierten Berater, die in der Deutschen Fußballspieler Vermittler Vereinigung (DFVV)
zusammengeschlossen sind, müssen einfach darauf achten, dass wir gesetzeskonform, seriös
und korrekt zum Wohle der Spieler arbeiten. Die schwarzen Schafe in unserer Branche, die
auch mir ein Dorn im Auge sind, muss der gesamte Fußball bekämpfen. Aber das ist wohl ein
Wunschtraum.

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