Hannovers Sergio Pinto: Eine erneute Qualifikation für die Europa League wäre fantastisch

EXKLUSIV - Sergio Pinto ist aus dem hannoverschen Team kaum mehr wegzudenken. Im Goal.com-Interview sprach der Sechser über Schmadtke, die Europa League und die Ziele mit 96.

Von Claas Philipp

Sergio Pinto, Hannover 96
Bongarts

Hannover. In der Europa League steht man in der Zwischenrunde, in der Bundesliga auf einem ordentlichen siebten Platz - auch in dieser Spielzeit spielt das Team von Hannover 96 eine überzeugende Saison. Trotz der längeren Durststrecke vor dem 1:0-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg am vergangenen Freitag, als die „Roten“ acht Liga-Spiele nicht gewinnen konnten, ist Hannover nach wie vor auf Tuchfühlung zu den Europapokal-Rängen.

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Wie in der vergangenen Saison, als die Niedersachsen auf Rang vier stürmten, ist der 96-Erfolg nicht zuletzt an Sergio Pinto auszumachen, der im defensiven Mittelfeld die Fäden zieht und einer der Schlüsselspieler in der Elf von Mirko Slomka ist. Der 31-Jährige ist für das Aufbauspiel seines Teams enorm wichtig und strahlt dank seiner starken Schusstechnik zudem Torgefahr aus - ein echter Gewinn für Hannover. Im exklusiven Goal.com-Interview verriet Pinto uns unter anderem, was er sich von Xavi & Co. abgucken kann.

Herr Pinto, gegen den 1. FC Nürnberg hat 96 endlich wieder einen Sieg eingefahren. Wie wichtig war der erste Dreier nach zuvor acht sieglosen Spielen?

Sergio Pinto: „Das zeigt die Tabelle deutlich. Wir haben den Anschluss an die Plätze vor uns gehalten, wir haben den Abstand zu Bremen und Leverkusen reduziert. Mit den vier Punkten aus den Begegnungen in Hoffenheim und gegen Leverkusen ist uns ein guter Start in die Rückrunde gelungen.“

Ihr Teamkollege Emanuel Pogatetz wurde nach einer angeblichen Tätlichkeit in dem Spiel gegen Philipp Wollscheid nachträglich für drei Spiele gesperrt. Eine zu harte Entscheidung?

Sergio Pinto: „Das Urteil hat das DFB-Sportgericht gefällt. Ich maße mir nicht an, das zu bewerten. Es gab schon zu viele Leute, die sich dazu geäußert haben und so etwas mit ihren Äußerungen überhaupt erst zu einem Thema gemacht haben. Emi wird uns fehlen. Für ihn und die Mannschaft ist die Strafe sehr bitter.“


„Emi wird uns fehlen. Für ihn und die Mannschaft ist die Strafe sehr bitter.“

- Sergio Pinto zur Sperre von Pogatetz

Wie lautet nun das Ziel in der Bundesliga? Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass Hannover sich erneut für das internationale Geschäft qualifiziert?

Sergio Pinto: „Das Ziel hat sich ja seit Saisonbeginn nicht verändert. Wir wollen in der Bundesliga am Saisonende in der oberen Hälfte stehen. Für uns wird es darum gehen, nach Möglichkeit den Kontakt zu Rang sechs zu halten. Eine erneute Qualifikation für die Europa League wäre natürlich fantastisch. Aber sie ist nicht maßgebend dafür, ob es für Hannover 96 eine erfolgreiche Saison ist.“

In der Europa League geht es im Februar gegen Christoph Daums Klub FC Brügge. Wie stark schätzen Sie die Belgier ein? Wie groß sind die Chancen auf ein Weiterkommen?

Sergio Pinto: „Fifty-fifty. Ich erwarte zwei enge Spiele, in denen ein Fehler alles entscheiden kann. Wir sind immer auch auswärts in der Lage ein Tor zu machen. Deswegen ist es auch kein Nachteil, dass wir im Rückspiel auswärts antreten. Es wird sehr spannend.“

Im Falle eines Weiterkommens könnte 96 auf Standard Lüttich treffen, gegen die Hannover bereits in der Gruppenphase gespielt hat. Woran lag es, dass man sich nach dem 0:0 im Hinspiel in Belgien geschlagen geben musste? Was könnte man - falls 96 das Achtelfinale erreicht - bei einem erneuten Duell besser machen?

Sergio Pinto: „Lassen Sie uns doch erst mal gegen Brügge spielen. Wenn wir weiterkommen sollten, können wir uns über alles andere unterhalten. Zumal ja Lüttich mit Wisla Krakau auch erst mal noch einen Gegner vor der Brust hat.“

Beim Auswärtsspiel in Lüttich gab es einige unschöne Szenen. Lüttichs Bürgermeister und die örtliche Polizei wurden für ihr Vorgehen kritisiert, da die Einreisebedingungen für die 96-Fans wenig gastfreundlich erschienen und die Beamten offenbar nicht wirklich deeskalierend agierten. Wie bewerten Sie die Ereignisse?

Sergio Pinto: „Das ist Vergangenheit, ich kann und will das im Nachhinein nicht bewerten. Ich freue mich auf eine ausverkaufte AWD-Arena gegen Brügge. Aber vorher haben wir noch zwei sehr wichtige Bundesligaspiele in Berlin und in Mainz. Danach können wir über die Europa League reden.“

Der damalige Schalke-Coach Marc Wilmots hat Sie 2003 in den Bundesliga-Kader berufen, nachdem Sie drei Spielzeiten lang nicht zum Profi-Kader gehörten, obwohl Sie in Gelsenkichen schon seit 1999 einen Profi-Vertrag besaßen. Wie groß war die Erleichterung, als Sie von dieser Entscheidung in Kenntnis gesetzt worden?

Sergio Pinto: „Erleichterung ist das falsche Wort. Ich war sehr froh, dass mein Aufwand belohnt wurde und ich in der Bundesliga spielen durfte. Ich wollte zeigen, was ich kann.“

Dieter Hecking hat Sie dann 2005 zu Alemannia Aachen gelotst. Zwei Jahre später sind Sie ihm zu 96 gefolgt. Welchen Anteil hat der heutige Nürnberg-Coach an Ihrer Entwicklung?

Sergio Pinto: „Nein, das muss ich korrigieren. Ich hatte in Aachen bereits zugesagt, bevor Dieter Hecking als Trainer verpflichtet wurde. Mein Wechsel war recht früh klar. Ich halte aber auch grundsätzlich nichts davon, Entwicklungen immer nur einer Person fest zu machen. In Aachen war ja nicht nur Dieter Hecking mein Trainer, sondern auch Michael Frontzeck.“

Mit Jörg Schmadtke haben Sie bei 96 einen Sportlichen Leiter, den Sie ebenfalls aus Ihrer Zeit in Aachen kennen. Waren Sie erfreut, als Schmadtke 2009 nach Hannover kam?

Sergio Pinto: „Ja, es ist doch immer schön, wenn jemand kommt, den man kennt und mit dem man sehr gut klar gekommen ist.“

Wie bewerten Sie die Arbeit von Jörg Schmadtke? Wie viel bekommt man als Spieler von seinen Tätigkeiten mit?

Sergio Pinto: Er arbeitet sehr erfolgreich als Manager und Sportdirektor. Das war schon in Aachen so und hat sich nun in Hannover fortgesetzt. Er ist verantwortlich für die Transfers und die Kaderzusammenstellung. Ich meine, dass wir bei 96 eine richtig gute, homogene Mannschaft haben. Jörg Schmadtke hat eine klare Linie und ist für uns Spieler ein verlässlicher, ehrlicher Ansprechpartner.“

Mirko Slomka hat Sie 2010 ins defensive Mittelfeld beordert, nachdem Sie zuvor unter anderem als Zehner gespielt haben. Wie entscheidend war diese taktische Umstellung für Ihre persönliche Entwicklung?

Sergio Pinto: „Das weiß ich nicht. Ich versuche in jedem Spiel, der Mannschaft mit meiner Leistung zu helfen – unabhängig von der Position. Zumal sich die Position ja auch in einem Spiel aufgrund von taktischen Umstellungen verändern kann.“

Nach der WM 2010 in Südafrika haben Sie gesagt, dass sie während des Turniers genau hingeschaut haben, wie Bastian Schweinsteiger, Xavi und Andres Iniesta diese Position interpretiert haben. Was genau haben Sie sich dabei abgeschaut? Haben Sie auf der Sechser-Position ein großes Vorbild im aktuellen Weltfußball?

Sergio Pinto: „Nein, kein Vorbild. Aber natürlich kann es hilfreich für das eigene Spiel sein, zu beobachten, wie die Besten auf höchstem internationalem Niveau agieren. Wie verschieben sie? Wie ist ihre Spieleröffnung? Wie flexibel sind sie in ihrem Spiel? Wie sorgen sie in der Rückwärtsbewegung für Ordnung der Mannschaft bei Ballbesitz des Gegners?“

Sie agieren in der Regel neben Manuel Schmiedebach. Das Zusammenspiel scheint bestens zu funktionieren. Wie wichtig ist es in einer Doppel-Sechs, einen starken Nebenmann zu haben?

Sergio Pinto: „Das ist natürlich sehr wichtig, ist doch klar. Mit Manu verstehe ich mich wirklich gut, wobei wir in dieser Saison ja auch schon mit einer Raute im Mittelfeld und nur einem Sechser gespielt haben.“

Ihr Vertrag bei 96 läuft noch bis Juni 2013. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie es dann weitergehen soll?

Sergio Pinto: „Nein, das werden wir sehen. Die Entscheidung treffe ich in Ruhe mit meiner Familie. Irgendwann nach meiner aktiven Zeit werden wir aber sicherlich wieder in den Aachener Raum ziehen. Dort stammt meine Verlobte her, dort haben wir uns mit Familie und Freunden sehr wohl gefühlt.“

Welches Abenteuer haben Sie sich für die Zeit nach Hannover vorgenommen? Gibt es eventuell Gedankenspiele um eine Rückkehr nach Portugal, wo Sie bis zum 13 Lebensjahr in der Jugendmannschaft des FC Porto gespielt haben? Oder könnten Sie sich einen Wechsel in eine andere ausländische Liga vorstellen?

Sergio Pinto: „Das Schöne am Fußball ist, dass alles möglich ist. Ich möchte grundsätzlich nichts ausschließen. Ich lasse das alles auf mich zukommen.“

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