Thomas Tuchel: „Rennen können wir alle, aber wir müssen lernen an unsere Grenzen zu gehen“

EXKLUSIV - Thomas Tuchel steckt mit seinen Mainzern nach einer tollen letzten Saison nun mitten im Abstiegskampf. Eine echte Herausforderung für den jungen Coach.

Von Sandra Specks

Volle Power von Thomas Tuchel (TORSTEN SILZ/AFP/Getty Images)
Mainz. Ein neues Jahr wird besonders gerne auch im Fußball als Neuanfang gesehen. Sieglose Serien werden auf Null gesetzt und eine Besserung ist fest eingeplant. So auch bei Mainz 05. Nach einer wenig zufriedenstellenden Hinrunde mit dem 15.Tabellenplatz als Ergebnis, soll es in der Rückrunde für das Team von Thomas Tuchel um einiges besser laufen. Doch bereits am ersten Spieltag in Leverkusen setzte es erneut eine (unglückliche) Niederlage (2:3).

Wir sprachen anschließend exklusiv mit dem Mainzer Coach:

Herr Tuchel, was nehmen Sie trotz der Niederlage in Leverkusen positives aus dem Spiel mit?

Tuchel: „Das wäre nicht so schwer, wenn wir diese Wellentäler, die wir schon wieder durchlaufen haben, nicht die ganze Saison schon durchlaufen würden. Dann läge es eigentlich auf der Hand: Wir haben 18 zu zehn Torschüsse im Auswärtsspiel gegen Leverkusen. Ich denke wir haben die zweite Halbzeit dominiert, spielerisch, läuferisch und auch in der Aggressivität dominiert. Wir haben die zweite Halbzeit  gewonnen und hätten sie sogar noch höher gewinnen können. All diese Dinge würde ich auch gerne in den Mittelpunkt meiner Analyse stellen, aber es ist ein bisschen zu oft jetzt, dass uns das passiert und wir können uns auch selber nicht mehr hören. Es ist zwar auch ein Fakt, dass die positiven Dinge auch da sind, aber das Ergebnis haben wir uns selber zuzuschreiben, mit  45 Minuten, die so gar nicht gingen.“

Haben Sie Beispiele, was ihrer Meinung nach gar nicht ging?

Tuchel: „Was ich meine ist, das wir eine mangelnde Emotionalität gezeigt haben. Ich spreche da auch gerne vom Klebstoff, den die Spieler mit einbringen in ein Spiel, um sich als Mannschaft gemeinschaftlich auf ein neues Niveau zu heben. Unabhängig von der Taktik oder wer auf dem Feld steht oder auch gegen wen man spielt. Und das haben wir einfach total vermissen lassen. Wir haben alle Attribute die auch ein Spiel von Mainz 05 auszeichnet, Griffigkeit, Zweikämpfe führen und auch Lust am Zweikampf, Lust auf die Balleroberung völlig vermissen. Und wenn man halt nur mitspielt und ängstlich ist und gehemmt wirkst, dann gibt es nichts zu holen.“

Wie erklären Sie sich denn die Emotionalitätslosigkeit oder die fehlende Lust?

Tuchel: „Das ist eine gute Frage, weil das begleitet uns nun schon die ganze Saison. Ich denke, dass  unterm Strich, gerade weil es uns auch so häufig passiert und immer wieder in anderen Ausprägungen so ist, zu wenig Spieler auf dem Platz stehen, wie zum Beispiel mit Jan Kirchhoff, mit Marcel Risse oder Bo Svensson die verletzt sind und die solche Attribute aber ganz natürlich in die Mannschaft mit einbringen und an denen man sich dann auch aufrichten kann. Die vor allem so ein Gerüst halten und stabil halten. Da fehlen uns im Moment einfach wie bereits gesagt, zu viele und das hat man auch gegen Leverkusen wieder gemerkt. Und alle anderen müssen deshalb schleunigst Fortschritte machen und an ihre Grenzen gehen, damit wir überhaupt konkurrenzfähig bleiben. Wir sind gefordert, uns weiter zu entwickeln. Auch wenn es schwer fällt.“



Was erwarten Sie vom nächsten Spiel? Was muss bis dahin auf jeden Fall besser klappen, damit es im Abstiegskamp nicht noch weiter nach unten geht?

Tuchel: „Ja gut, rennen können wir alle. Aber ich glaube, es ist für mich persönlich und auch für die Mannschaft gar nicht so sehr das Thema aus welcher Ausgangslage du so ein Spiel bestreitest oder wer uns da gegenüber steht. Ich glaube es geht auch nicht darum, einen Pass sauberer zu spielen oder eine Freilaufbewegung sauberer zu machen. Es geht um etwas, was zwischen den Zeilen liegt. Um so eine Wut, um eine Leistungsbereitschaft. Darum, absolut an meine Grenzen in meiner Aufgabe zu gehen, um dann als Mannschaft daran zu wachsen. Standartsituationen zu verteidigen und die Verantwortung zu übernehmen für meine Leistung. Zu sagen: 'Mein Mann macht dieses Tor nicht'. Und da fehlen uns ein paar Prozent. Das ist nicht viel und das ist schleichend. Aber wenn wir das nicht endlich abstellen, wird’s auch gegen Freiburg wieder Phasen geben, in denen das Spiel kippen kann. Von daher: Ein beruhigendes Gefühl im Ausblick ist es natürlich nicht.“

Trotzdem ist Freiburg ja ein ganz anderer Gegner als Leverkusen. Haben die demnach nicht doch etwas mehr Hoffnung?

Tuchel: „Natürlich liegt das auch immer an der Qualität des Gegners, ob uns das dann passiert. Gegen Leverkusen ist es uns aber jedenfalls passiert und am Wochenende müssen wir es abwarten. Klar ist Freiburg sicherlich individuell schwächer als Leverkusen. Das würde, glaube ich, in Freiburg auch niemand bestreiten. Aber trotzdem gilt es für uns, auch in der Rolle in der wir spielen, unsere Attribute bis an einhundert Prozent auszufüllen. Wenn wir da nicht in der Lage zu sind, da rein zugehen, da reinzuwachsen, dann wird's schwer in den kommenden Wochen Konstanz in die Punkte reinzukriegen.“

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