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EXKLUSIV - Am Rande von Bayerns Asienreise hat sich Christian Nerlinger für Goal.com Zeit genommen und stand in einem Interview Rede und Antwort.

Neu Delhi. Die Vorbereitung auf die Rückrunde neigt sich dem Ende zu, und der FC Bayern München sieht sich für die zweite Saisonhälfte bestens gerüstet - auch Christian Nerlinger macht sich für die Zukunft keinerlei Sorgen. Der FCB-Manager äußerte sich im Goal.com-Interview zu Manchester City, dem FC Barcelona und seinen Plänen mit den Bayern.

Goal.com: Nach den letzten Welt- und Europameisterschaften hat Bayern es jeweils nicht geschafft, den Liga-Titel zu holen. Angesichts der bevorstehenden EM 2012: Was tut Bayern, um einen erneuten Misserfolg in der Bundesliga zu verhindern? Soll der Kader entsprechend verbessert werden?

Christian Nerlinger:
„Natürlich machen wir uns darüber Gedanken, da wir in den letzten drei oder vier Jahren nach großen Turnieren Probleme hatten. Wir haben Titel gewonnen, wir haben das Double gewonnen, aber nach großen Turnieren hatten wir immer Probleme. Damit beschäftigen wir uns natürlich, aber es ist immer auch eine Sache der Philosophie - wir wollen kein Modell, wie Manchester City es hat. Wir wollen keine 22 Weltklasse-Spieler mit immer weiter wachsenden Gehaltskosten. Aber wir wollen auch Spieler mit Perspektive haben, die regelmäßig spielen können. Es geht immer darum, die richtige Struktur im Team zu finden, und natürlich machen wir uns darüber Gedanken. Gerade, wenn man bedenkt, dass die Spieler nach einem langen Jahr mit drei Wettbewerben zur Euro fahren. Wir müssen uns verbessern. Wir haben jetzt Langzeitverträge mit unseren Schlüsselspielern. Die Basis ist also geschaffen, aber wir müssen unseren Kader verbessern.“



Goal.com: Uli Hoeneß sprach davon, im Sommer eine „Bombe“ verpflichten zu wollen. Können Sie dazu mehr sagen?

Christian Nerlinger: „Es ist immer gut, wenn der Präsident es uns erlaubt, einen großen Transfer zu tätigen, denn er ist auch für die Finanzen verantwortlich. Das bedeutet, dass Bayern finanziell sehgr gut aufgestellt ist. Aber: Was ich gesagt habe, ist sehr wichtig. Man braucht die richtige Struktur im Kader und es bringt nichts, wenn Spieler keine Rolle im Team spielen. Wenn man Nummer 22 ist und nur elf Akteure spielen können, bringt das Unruhe in der Umkleidekabine mit sich, und für uns ist es sehr wichtig, eine gute Struktur zu haben und dass die Spieler selbstbewusst und konzentriert sind.

Goal.com: Warum hat Manchester City das falsche Modell?

Christian Nerlinger: „Heutzutage gibt es im Fußball keine Geduld mehr. Es gibt nur schwarz und weiß, und es wird einem Verein nicht gestattet, sich zu entwickeln und das ist natürlich ein Problem. Wenn Abramovich 100 Millionen Euro im Jahr ausgibt, will er natürlich die Champions League gewinnen, aber so etwas ist nicht berechenbar. Der Fußball ist anders; es gib viele Elemente, auf die es beim Team-Building ankommt. Alex Ferguson zum Beispiel hat bei Manchester United über die Jahre einen fantastischen Job gemacht. Er hat aus seinem Klub eine Marke gemacht und ein Weltklasse-Team geformt. Ich glaube, dass Geduld etwas ist, dass nicht mehr zählt. Das wird zu einem Problem, weil es Wechsel in der Führungsetage geben kann, was die Transferpolitik und die Strategie beeinflusst - das macht es schwierig, langfristig Erfolg zu haben. Wir als Bayern München wollen zum Beispiel auf der Trainerposition Kontinuität haben. Zuletzt ist uns das nicht gelungen, aber ich glaube, dass wir in den letzten 30 bis 40 Jahren in eine Richtung gegangen sind. Deswegen sind wir auch hinsichtlich des Financial Fair Plays gut aufgestellt. Wir haben uns im europäischen Fußball wirklich gut positioniert. Aber es gibt Vereine, die keine Basis haben.

Goal.com: Warum sind Real Madrid und der FC Barcelona so dominant? Geht es nur ums Geld? Was braucht Bayern, um dieses Level zu erreichen?

Christian Nerlinger: „Besonders Barcelona ist ein Team mit Jahrhundert-Spielern. Xavi, Iniesta, Messi - das ist eine goldene Generation. Als wir von Doha nach Delhi gereist sind, haben wir einen Film über Gerd Müller gesehen. Wenn man diese Typen aus den 70ern sieht, vor allem Beckenbauer und Müller, muss man sagen, dass das etwas Besonderes war. Das darf man nicht vergessen. Natürlich muss man auch die richtige Philosophie verfolgen. Barca bildet diese Spieler aus und entwickelt sie, und derzeit scheint es so, als sei Barca sportlich gesehen das große Vorbild. Wirtschaftlich sieht das anders aus, ganz anders. Aber sportlich sind sie das Nonplusultra. Ansonsten aber können wir sportlich mit allen Teams mithalten. Wir haben eine Mannschaft, die an guten Tagen jeden schlagen kann und wir sind so selbstbewusst zu sagen, dass wir eine wichtige Rolle im europäischen Fußball spielen. Deswegen freue ich mich auf den Wettbewerb. Jetzt treffen wir auf Basel, und dann werden wir sehen, wie sich die Dinge in der Champions League entwickeln.
Vor allem aber ist es unsere Hauptaufgabe, die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. National haben wir mit Borussia Dortmund einen aufstrebenden Rivalen. Deswegen müssen wir uns zunächst der nationalen Konkurrenz stellen und dann schauen, was in Europa geht. Aber ich bin sehr selbstbewusst.“

Goal.com: Ist es ein Vorteil für Borussia Dortmund, dass sie sich nach dem Ausscheiden aus der Champions League auf die Meisterschaft konzentrieren können?

Christian Nerlinger: „Ja, das wird ein Vorteil sein. Es geht nicht nur um die Physis, sondern auch um die Psychologie. Man hat große Spiele in Europa und spielt dann drei Tage später wieder in der Bundesliga. Da ist es natürlich schwierig, die gleiche Leistung abzurufen. Aber unser Team ist das gewohnt. Aber ich glaube, es ist ein Vorteil für Dortmund, dass sie sich ausschließlich auf den Pokal und die Meisterschaft konzentrieren können.“



Goal.com: Haben Sie schon ausgemacht, auf welchen Position Sie sich personell verstärken wollen?

Christian Nerlinger:
„Wir beschäftigen uns immer mit Neuverpflichtungen, aber im Moment ist das nicht akut. Man muss sich unsere Situation anschauen - wir haben in der Bundesliga die beste Defensive und die besten Stürmer. Deswegen glaube ich, dass wir gut aufgestellt sind. Natürlich analysiert unsere Scouting-Abteilung Spieler auf der ganzen Welt, damit wir im Sommer tätig werden können. Jetzt aber geht es darum, sich auf eine Saison vorzubereiten, die eine sehr erfolgreiche werden könnte. Und wir wollen sehen, wie sich die Dinge entwickeln und agieren und nicht reagieren. Wir werden sehen, wie wir uns punktuell verstärken können.“

Goal.com: Sie sprechen davon, dass Sie die beste Defensive der Liga haben. Nach dem Schlüsselbeinbruch von Bastian Schweinsteiger hat das Team vermehrt Tore zugelassen. Wie ist die Mannschaft mit seinem Ausfall umgegangen? Und wie sind Ihre Gedanken zur jüngeren Entwicklung von Toni Kroos?

Christian Nerlinger: „Natürlich spielt Bastian Schweinsteiger eine Schlüsselrolle bei uns. Er ist ein sehr professioneller Typ. Er ist eine Persönlichkeit, die auch gerne mal einen Witz macht, aber nur zur rechten Zeit. Er ist total fokussiert und konzentriert. Er hat sich in den vergangenen Jahren großartig entwickelt. Was Sie sagen, stimmt natürlich. Nach seinem Ausfall hatten wir ernsthafte Probleme. Er ist sehr wichtig für uns, nicht nur als Spieler, sondern auch als Persönlichkeit. Ich schätze ihn sehr, nicht nur als Spieler für Bayern, sondern auch wegen seiner Bedeutung für den Fußball allgemein. Er ist sowohl bei uns als auch in der Nationalelf Kapitän.
Toni Kroos hat sich großartig entwickelt und wir sind darüber sehr glücklich. Wir haben ihn als 16-Jährigen zu Bayern geholt. Und natürlich hat man als junger Spieler Aufs und Abs. Aber in der Champions League hat er eine entscheidende Rolle gespielt. Ich glaube, nicht viele Spieler können auf dem Standard spielen, den er im Moment zeigt. Deswegen sind wir sehr glücklich mit ihm.

Goal.com: Sie haben zu der Zeit gespielt, als das Bosman-Urteil gefällt wurde. Wie sehr hat das das Fußballgeschäft verändert, auch angesichts von Vereinen wie Manchester City?

Christian Nerlinger: „Ich muss zugeben, dass ich einer der ersten Bosman-Transfers war, als ich von Bayern zum BVB gewechselt bin. Bosman war ein großer Einschnitt für den Fußball. Das hat im Fußball eine Entwicklung angestoßen. Bei Klubs wie Chelsea oder ManCity sind Leute bereit, eine Menge Geld auszugeben, um in Liga und Champions League auf den Thron zu steigen. Das ist natürlich gegen jede wirtschaftliche Grundregel. Ich habe drei Söhne - vier Jahre, zwei Jahre und sieben Monate - und die spielen gerne mit Dingen. Bei Fußball-Klubs müssen wir dafür sorgen, dass man nicht mit ihnen spielt, dass man gewisse Regeln hat und das Ganze wirklich ernst nimmt. Ich bin mir nicht sicher, aber hoffe, dass das durch das Financial Fair Play geregelt wird. Dank der Philosophie des FC Bayern München in den letzten 20 Jahren sind wir wirtschaftlich gut aufgestellt. Das wird dann wichtig sein und so werden wir als Verein eine wichtige Rolle spielen.“

Goal.com: Wo kann man die Grenze zwischen den Ansprüchen eines Besitzers und denen der einzelnen Spieler ziehen?

Christian Nerlinger: „Unser Interesse ist immer der Sport. Das ist sehr wichtig für uns, es ist sehr wichtig, die Nummer Eins in Deutschland zu sein - und das sind wir derzeit auch. Wir könnten natürlich 50 Millionen Euro für einen Spieler ausgeben. Aber das werden wir niemals tun. Selbst, wenn der Druck von außen sehr groß ist, würden wir niemals so viel für einen Akteur ausgeben, weil wir in den letzten 30 Jahren auf wirtschaftliche Balance geachtet haben - und das ist sehr wichtig für uns. So werden wir auch langfristig erfolgreich sein.

Goal.com: Deutschland hat vergleichen mit den übrigen europäischen Ländern die höchsten Zuschauerzahlen. Was macht man richtig?

Christian Nerlinger: „Der Meilenstein war die WM 2006. Dadurch haben wir eine völlig neue Infrastruktur bekommen. Als kleiner Junge bin ich mit dem Olympiastadion in München aufgewachsen, und dort habe ich auch gespielt. Deswegen habe ich eine große Leidenschaft für dieses Stadion, und plötzlich hieß es, dass man die Allianz-Arena braucht. Damals war ich nicht bei Bayern, aber als Außenstehender habe ich gedacht: „350 Millionen Euro?!“ Ich habe erkannt, dass Fußball zu einer völlig anderen Erfahrung geworden ist. In sechs Jahren war jedes Spiel ausverkauft. Familien kommen ins Stadion. In Italien hat man ein großes Gewaltproblem in den Stadien. Bei uns herrscht eine eher unterstützende Atmosphäre, die weltweit einmalig ist. Daran müssen wir festhalten und darauf achten wir. Natürlich muss man alle Fangruppen respektieren. Wir haben auch Anhänger, die mit uns nach Indien oder Doha kommen. Die muss man respektieren, aber auch daran festhalten, dass wir eine positive Stimmung im Stadion haben. Das ist bei Bayern und anderen deutschen Vereinen der Fall. Das ist wichtig und daran müssen wir festhalten.

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