Wie Nils Petersen doch noch Fußballprofi wurde: „Eigentlich sollte ich an dem Tag gar nicht dort sein“

EXKLUSIV - Teil eins des Goal.com-Interviews mit Nils Petersen. Eine Reihe von Zufällen ermöglichte ihm den Traum von einer bereits unerreichbar scheinenden Karriere als Fußballer.

Von Maximilian Bensinger

Nils Petersen
Alexander Hassenstein

München. Zu Beginn der Saison wettete ich, dass Nils Petersen in seiner Debütsaison beim Rekordmeister mindestens zehn Tore schießt. Am Anfang sah es gut aus, doch in letzter Zeit wurden die Einsatzzeiten kürzer. Der Bayern-Stürmer ist dennoch guter Dinge und sucht nach dem nächsten Erfolgserlebnis. Der 23-Jährige gibt aber zu, dass er mittlerweile seine Ansprüche hochgeschraubt hat. Als ich ihm damals von meiner Wette erzählte, da lachte er noch ungläubig und sagte: „Das wäre schön!“

Wenige Monate später steht er uns nun Rede und Antwort – und hat bereits vier Saisontreffer auf dem Konto. Goal.com sprach mit Nils Petersen im exklusiven Interview über den unglaublichen Zufall, der ihm die Profikarriere ermöglichte, andere Interessenten und das Leben in Cottbus.

Servus, Nils Petersen! Dein Name klingt skandinavisch, hast du etwa dänische Wurzeln?

Nils Petersen: „Meine Oma hat mal etwas gesagt. Es kann sein, dass mein Uropa aus der Ecke stammt. Genaueres weiß ich aber nicht.“

Aufgewachsen bist du in Wernigerode, oder?

Nils Petersen: „Ja, das stimmt. Wir sind dort hingezogen, als meine Mutter gerade mit mir schwanger war. Wir haben direkt an einem Fußballplatz gewohnt und mein Vater war auch Trainer und hat dort sämtliche Aufgaben übernommen. Für mich war der Weg schon irgendwie vorgezeichnet. Ich bin von Anfang an mit Fußball aufgewachsen.“

Dein Vater ist momentan Trainer in der vierten Liga. Welchen Anteil hat er an deiner steilen Fußballkarriere?

Nils Petersen: „Er hat sicherlich einen sehr großen Anteil daran. Durch ihn wurde ich an den Fußball herangeführt, er hat mich dafür begeistert. Für mich war mein Vater immer ein großes Vorbild, so wie er den Fußball lebt, über ihn denkt und welche Einstellung er zu dieser Sportart hat.“

Eine sehr innige Vater-Sohn-Beziehung also…

Nils Petersen: „Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und uns für sämtliche Dinge des Fußballs interessiert – von den unterklassigen Ligen bis hin zu den ausländischen Ligen. Wir haben einfach alles geschaut. Zudem war meine Schwester auch lange Fußballerin (2. Bundesliga).“

An einem typischen Wochenende in den deutschen Jugendligen zeigt sich oft das gleiche Bild. Da steht eine ganze Reihe von motivierten Spielervätern, bei denen der eine oder andere auch mal über das Ziel hinaus schießt. Der Traum von „Mein Sohn, der Fußballprofi“ ist ein weitverbreitetes Phänomen. Wie war das bei dir und deinem Vater? Motivator, Kritiker, Pusher, verbissen oder alles auf einmal?

Nils Petersen: „Das war ein Zwischending. Natürlich gab es auch manchmal Streit, aber wir haben uns eigentlich immer super verstanden. Der Unterschied ist, dass mein Vater auch lange mein Trainer war. Wenn es dann mal nicht so lief, dann wurde er natürlich auch laut. Aber er hat eigentlich wenig rumgemeckert. Als ich dann 16 oder 17 Jahre alt war, dann hat sich das sowieso komplett erledigt. Dann haben wir nach dem Spiel telefoniert und noch über das Spiel geredet.“

Du hast dann den Schritt ins Sportinternat in Jena gewagt. War es damals eine schwere Entscheidung?

Nils Petersen: „Natürlich war das hart. Ich war zweieinhalb Stunden von zu Hause entfernt und habe in einer anderen Stadt gelebt. Magdeburg und Halle waren näher, aber die wollten mich nicht. Ich war auch nicht der Typ, der sich dann, wie 80 andere Spieler, für ein Probetraining angemeldet hätte. Entweder sie wollen mich oder eben nicht. Dabei haben wir oft gegen Magdeburg gewonnen…“

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Tja, hätte denen mal jemand gesagt, dass du im Sommer 2011 zum FC Bayern wechseln würdest. Gab es denn auch Tiefpunkte in der Jugendzeit?

Nils Petersen: „Ich spielte mittlerweile bei Halberstadt, weil unsere Mannschaft auseinandergebrochen war. Das war in meinem ersten C-Jugend-Jahr. Wir spielten damals in der Verbandsliga. Man ist da in einem Alter, wo man bereits nicht mehr wirklich daran glaubt, dass man den Sprung vielleicht noch schaffen kann. Ich habe zu Beginn auch kaum gespielt. Ich war fast zwei Jahre jünger als viele meiner Teamkameraden. Ich hab nun mal im Dezember Geburtstag und die meisten gehörten dem älteren Jahrgang an.“

Wie hat es dann doch noch mit der großen Karriere funktioniert?

Nils Petersen: „Das war bei einem Hallenturnier, bei dem eben auch Heiko Weber, der Trainer von Jena, anwesend war. Der war mit meinem Vater in einer Schulklasse und so wurde er auf mich aufmerksam. Ich hab an dem Tag auch gut gespielt und so kam es dann dazu, dass er mich zu einem Probetraining eingeladen hat. Ein unglaublicher Zufall, denn eigentlich sollte ich an dem Tag gar nicht dort sein. Nur weil ein anderer Termin abgesagt wurde, war ich damals doch bei dem Turnier. Vielleicht würde ich sonst immer noch in Halberstadt spielen.“

Welche Terminabsage hat dir die Fußballkarriere gerettet?

Nils Petersen: „Es waren gleich mehrere Zufälle. Ich habe bei diesem Turnier in der Mannschaft meines Vaters ausgeholfen, dem SV Südharz. Dann wiederum hätte ich eigentlich gar nicht gekonnt, weil ich mit Freunden verabredet war. Die Verabredung wurde abgesagt und so half ich dann doch in der Mannschaft aus. Dass er dann ausgerechnet seinen früheren Klassenkameraden trifft, der Trainer bei Jena war… viele Zufälle!“

Unglaublich! Du hast das nötige Glück gehabt. Ist es in Ostdeutschland schwerer oder leichter Fußballprofi zu werden? Es kommen ja viele gute deutsche Fußballer aus dem Osten der Republik und viele renommierte Jugendakademien liegen dort…

Nils Petersen: „Ich kann natürlich nur von der Region um Magdeburg sprechen. Aber man hört auch beispielsweise von Rostock, das es dort nicht mehr nur Eliteschulen des Sports gibt, sondern auch Eliteschulen des Fußballs. Ich kann von meiner Zeit in Jena sagen, dass man mich wohl viel besser gar nicht hätte fördern können. Es war ein großes Gelände, wo Schule und Fußballplätze nur wenige Meter voneinander entfernt waren. Auch die Trainer dort waren super. Es wurde immer sehr darauf geachtet, dass auch die schulischen Leistungen stimmen. Da waren die Schule sowie die Trainer immer wachsam, dass ich mein Abitur mache. Ich hab eine gute Ausbildung genossen.“

Von Jena hast du den Sprung zu Energie Cottbus geschafft. Was war das für ein Gefühl?

Nils Petersen: „Als der Wechsel feststand, da hatte ich eigentlich gerade überhaupt keine gute Phase. Im Abstiegsjahr habe ich einige Tore als Joker geschossen. Ich habe mich dann damit angefunden, dass ich in der dritten Liga spiele würde. Es lief jedoch so gar nicht. Ich musste mich damit abfinden. Wenn man nicht mal für 15 Tore in der dritten Liga gut ist, dann gehört man auch nicht in eine höhere Klasse. Das Problem war, dass ich andauernd im linken Mittelfeld eingesetzt wurde und somit auch keine gute Statistik möglich war.“

Und dann kam das Angebot…

Nils Petersen: „Plötzlich kam im Winter das Angebot von Cottbus. Sie waren bereit 300 000 Euro für mich zu zahlen. Da hatte ich gar nicht viel Zeit zu überlegen. Ein halbes Jahr vorher hatte ich beim 1. FC Köln eigentlich schon so gut wie unterschrieben. Durch meine guten Leistungen im Abstiegsjahr hatte Jena aber mehr gefordert und so hat sich das zerschlagen. Ein halbes Jahr später hat es dann zum Glück geklappt.“

Im Dress von Energie Cottbus gewann Nils Petersen die Torjägerkanone der zweiten Bundesliga

Wieder ein Zufall! Durch die etwas schlechtere Halbsaison ließ dich Jena dann doch gehen. Kann man das so sehen?

Nils Petersen: „Auf jeden Fall! Köln wollte sogar 200 000 Euro mehr bezahlen, als die Cottbusser ein halbes Jahr später. Ich war schon sehr erstaunt, aber so war die schlechte Hinrunde ein Glücksfall.“

Wie ging es dann weiter und wie war die Anfangszeit in Cottbus?

Nils Petersen: „Ich musste das dann schnell mit meiner Freundin besprechen und dann ging es schon nach Cottbus und ins Trainingslager. Es war eine schwierige Anfangszeit, denn ich habe vier Monate im Hotel gewohnt, weil ich keine Bleibe gefunden habe.“

Liegt das am Standort Cottbus?

Nils Petersen: „Das glauben viele. Aber ich habe mich in Cottbus super wohl gefühlt. Das war einfach die Anfangszeit. Ich musste alles mit meiner Freundin koordinieren und ich musste sofort ins Trainingslager. Da war es schwierig etwas zu finden.“

Man muss aber schon zugeben, dass Cottbus nicht für seine schönen Ecken bekannt ist, sondern im Volksmund eher als Synonym für „Irgendwo im Nirgendwo“, Buxtehude oder die rumänische Walachei steht.

Nils Petersen (lacht): „Sagen wir mal so: Am Anfang bin ich immer bei Cottbus-Süd abgefahren. Da hab ich im Januar dann die ganzen Wohnblöcke gesehen. Das war nur der erste Eindruck. Danach war es die beste Zeit, die ich bisher hatte.“

Hattest du nur glückliche Zeiten bei Cottbus?

Nils Petersen: „Die ersten eineinhalb Jahre waren schon schwer. Das hätte besser laufen können. Aber die Erfahrung musste ich machen. Danach hat man dann viele Dinge viel mehr geschätzt, beispielsweise mit jungen Spielern und einem guten Trainer, der immer zu einem steht, zusammenzuarbeiten. Ich hatte plötzlich einen anderen Status. Auf einmal wurde ich akzeptiert, respektiert und sogar geliebt. Da sieht man erst, wozu man fähig sein kann. Ich habe plötzlich Leistungen gezeigt, die ich mir selber nicht zugetraut hatte.“

Goal.com-Reporter Maximilian Bensinger nach dem Interview mit Nils Petersen

Wie darf man sich das vorstellen? Noch mehr Tore? Noch schönere Tore?

Nils Petersen: „Nicht nur Tore schießen, sondern Spiele voranzutreiben. Ich war nie der Typ dafür, aber wenn man von außen so gepusht wird, dann ist man plötzlich zu so etwas fähig. Wenn wir drei Spiele in Folge verloren haben, standen die Fans trotzdem zu einem. Ich bin auf der Straße von Fans zum Essen eingeladen worden und mir wurde Mut gemacht. Sie wollten einfach, dass wir für sie kämpfen und rennen. Für Cottbusser Fans gibt es nur Fußball.“

Ein richtiger Fan-Kult also…

Nils Petersen: „Dort gibt es eben nur Fußball und Eishockey. Wir sind zum Eishockey gegangen und sie sind zu uns gekommen. Man hatte das Gefühl, die gesamte Region stand hinter uns. Ein sehr schönes Gefühl.“

Das war der erste Teil des großen Petersen-Interviews. Morgen folgt Teil zwei: Wer ist Petersens Bowlingkumpel? Welche Ziele hat er neben dem FC Bayern? Wie hat er sich in seinen ersten Monaten in München tatsächlich gefühlt? Die Antworten lest Ihr morgen bei uns!

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