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Lars Stindl ist längst einer der Besten Deutschlands. Und obwohl er bei Gladbach groß aufspielt, bleibt er unter dem Radar. Dabei ist er einzigartig. Auf und neben dem Platz.


HINTERGRUND

Als Lars Stindl in den Neunzigern von der Tribüne des Karlsruher Wildparkstadions aus seinem Held Thomas Häßler bei der Arbeit zusah, hatte er dieses Glänzen in den Augen, das Kinder nur beim Erblicken ihrer Idole haben. Wenn Icke Freistöße in den Knick zirkelte, war für den kleinen Lars klar, dass er das auch machen wollte, Fußball spielen.

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20 Jahre später hat er es längst geschafft. Er ist Kapitän von Borussia Mönchengladbach, schießt Tore. Heute sehen die Kinder ihm mit glänzenden Augen zu und tragen sein Trikot, wie er jede Saison das neue von Häßler trug, das er sich Jahr für Jahr zum Geburtstag wünschte. Er ist Identifikationsfigur am Niederrhein, Antreiber, Scorer. Dreimal traf er alleine in seinen letzten beiden Bundesliga-Spielen, unter Dieter Hecking findet er zurück zur Top-Form, die er unter Andre Schubert zuletzt verloren hatte.

17 Scorerpunkte hat er in dieser Saison gesammelt, 29 waren es in der letzten Saison. Stindl ist zu einem Top-Spieler gereift. Und nicht nur das. Im Sommer ist er Vater geworden. Er, der schüchterne Youngster von einst, den man sich außerhalb der Komfortzone KSC kaum vorstellen konnte, jubelt inzwischen mit herausgestreckter Zunge vor der Fohlen-Kurve.

Bester Deutscher ohne Länderspiel

Und dennoch schwimmt er irgendwie immer ein wenig unter dem Radar. Die hitzige Debatte, Löw müsse ihn endlich für die Nationalmannschaft nominieren, ist abgekühlt, längst werden an den Stammtischen dieser Republik andere Namen debattiert. Dabei ist der 28-Jährige einer der spannendsten Spieler der Liga. Er ist Mittelstürmer, Falsche Neun, Achter und Spielmacher in Personalunion. Er ist ist nach Packingwerten einer der führenden Akteure, hat die Transformation vom laufstarken Sechser zum kompletten Offensivallrounder abgeschlossen.

Federico Bernardeschi: Florenz' zweite Renaissance

Er ist der wahrscheinlich beste Deutsche der Bundesliga, der kein Nationalspieler ist. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn den "namhaftesten Namenlosen". Eine passende Beschreibung für einen, der stets ein Mann im Windschatten war. "Ich war schon in der Jugend mehr im Hintergrund. Aber diejenigen, die damals herausstachen und im Blickfeld standen, haben es nicht nach oben gepackt", sagte er im Interview mit 11 Freunde. "Ich konnte mich in Ruhe im Windschatten weiterentwickeln, immer Schritt für Schritt. So wie mein Laufstil: immer zwölf Kilometer, aber keine Sprints."

Einer hatte ihn trotz Windschatten schon seit U19-Tagen genau im Blick. Max Eberl hat sie immer im Kopf, diese Liste mit Spielern, die eines Tages interessant sein könnten. "Ich verfolge seinen Weg seit Karlsruher A-Jugend-Zeiten", bestätigt der Sportdirektor, der 2015 zuschlug, als Hannover abstieg und 96-Kapitän den Verein dank einer Klausel für nur drei Millionen Euro verlassen konnte. Die Mitbewerber damals: Borussia Dortmund, Schalke 04, Bayer Leverkusen. Ein typischer Eberl-Transfer. Denn er überzeugte Stindl von der Perspektive bei der Borussia, von dem, was Lucien Favre mit ihm vor hatte.

Auch neben dem Platz ganz besonders

Und das war einiges. "So ein facettenreicher Spieler regt natürlich die Fantasie von Lucien Favre an", so Eberl damals nach dem Wechsel. Das Stichwort, damals wie heute, das im Zusammenhang mit Stindl oft fällt, ist Polyvalenz. Er spielte im Laufe seiner Karriere bereits sieben verschiedene Positionen.

Das liegt nicht etwa daran, dass er auf keiner herausragend ist, sondern daran, dass er auf allen herausragend ist. Wie Thomas Müller weiß er Räume zu deuten, hat ein exzellentes Timing, eine überragende Schusstechnik: mit dem Innenrist, nicht etwa mit dem Vollspann. Er weiß genau, was er wann tun muss.

Lars Stindl GFX

Übrigens auch außerhalb des Platzes. Da ist er bekannt für seine reflektierenden Aussagen. Er ist einer, der sich viele Gedanken macht, über die Fanszene, die Entwicklung des Fußballs. Ein kluger Kopf, der aber auch diese Qualität lieber aus dem Windschatten heraus ausübt. Zwar ist er nicht medienscheu, eine Rampensau, die seine Meinung immer und überall kundtut, aber auch nicht. Dabei hätte er einiges zu erzählen. Bei Hannover war er ein Vermittler zwischen unzufriedenen Fans und der Vereinsführung.

11 Freunde sagte er, man solle das Spiel einfach mal in Ruhe lassen. Investoren ohne regionalen Bezug hält er für fragwürdig. Und Sätze wie diese sind keine Seltenheit bei Lars Stindl: "Mich interessiert nicht nur, was auf dem Platz geschieht, sondern auch das Drumherum. Ich informiere mich über die Fanszenen und hatte bei meinen Stationen eigentlich immer einen guten Draht zu den Leuten."

Stindl im Fokus

Auf Twitter ist er zwar aktiv, beschränkt sich, wenn man mal von einem Retweet von Joko Winterscheidt absieht, ausschließlich aufs Sportliche. Er bedankt sich immer wieder bei den Fans, wünscht verletzten Mitspielern eine schnelle Genesung. Während andere sich beim Autofahren, Essengehen oder mit dem Neugeborenen präsentieren, trennt er sein Privatleben klar vom Leben des Lars Stindl in der Öffentlichkeit. Facebook oder Instagram hat er nicht.

Im Rampenlicht steht er dieser Tage trotzdem. Denn für die unter Hecking noch ungeschlagene Borussia geht es in der Zwischenrunde der Europa League gegen den AC Florenz (19 Uhr im LIVE-TICKER). Und Stindl ist ein gefragter Mann. Mit einem Augenzwinkern hatte er der Bild erzählt, er habe kein Telefon und Löw könne ihn deswegen nicht erreichen. Italienische Medien machten prompt seine Nummer ausfindig und riefen ihn an.

Er selbst konzentriert sich – natürlich - lieber aufs Sportliche. "Das wird eine ganz heiße Kiste. Wir haben uns ihre Spiele gegen den AS Rom und Udine angeschaut – da haben sie sehr stark gespielt. Da kommt viel Power auf uns zu", sagte er dem Express. Doch Power haben auch die Fohlen. Allen voran Lars Stindl.

"Leiser Chef" soll Boss sein

Auf dem Platz. Daneben hält er es wie immer und bleibt im Windschatten. Nachdem er nach dem Sieg gegen Freiburg in der Mixed Zone nicht sprach, schrieb die Bild: "Ist das der leiseste Chef der Bundesliga? Oder nur ein bisschen seltsam?" Dabei ist inzwischen klar, dass Stindl einfach nur lieber Fußball spielt als redet. Sah dann auch die Bild ein. "Lange kommt Löw an Stindl nicht mehr vorbei", titelte sie nur einen Tag später.

Stindl nimmt derweil die neu aufkeimenden Debatten stillschweigend zur Kenntnis. Denn wichtiger als alles andere ist das Erreichen des Achtelfinals gegen die Viola. Das Idol aus Kindertagen, Icke Häßler, spielte selbst fünfmal gegen die Fiorentina. Ein Tor gelang ihm dabei nicht. Wenn der Ball im Borussen Park rollt, will Stindl freilich genau das schaffen. Und mit seinem Treffer das Weiterkommen wahrscheinlicher machen und für glänzende Kinderaugen auf der Tribüne sorgen.

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