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Real geht als Favorit in die Duelle mit den Bianconeri. Aber aufgepasst: Juve verfügt über Waffen, die dem Titelverteidiger wehtun könne.

Ein Latein-Wörterbuch aus der achten Klasse verrät: "iuventus" wird mit "Jugend" übersetzt. Einerseits ein Gegensatz zum italienischen Rekordmeister aus Turin, der diesen Namen trägt, wenn man das Durchschnittsalter des Kaders der Bianconeri von über 29 Jahren betrachtet. Andererseits passt die Bezeichnung mehr denn je: Nimmt man den Zwangsabstieg 2006 als Neuanfang, steht der Verein nun im Lenz des Lebens. Das Ziel, sich wieder unter den Top-Klubs Europas zu etablieren, ist mit der 31. italienischen Meisterschaft und der Qualifikation für ein Halbfinale der Champions League erreicht.

Ausgerechnet jetzt, mitten in der Entwicklungsphase, beim ersten Erreichen des Halbfinals seit zwölf Jahren, wartet in der Königsklasse der scheinbar übermächtige Champion aus Madrid. Es hat etwas von einem Duell zwischen dem klassenbesten Abiturienten, der nach bestandener Decima-Prüfung den pubertierenden Emporkömmling aus der Mittelstufe in die Schranken weisen möchte.

Zugegeben, Juve als Emporkömmling zu bezeichnen ist angesichts zweier Champions-League-Triumphe und der bis dato 31 Scudetti ziemlich gewagt. Betrachtet man die Entwicklungen des italienischen Fußballs und dessen Rekordmeisters in den letzten zehn Jahren, scheint sie aber durchaus angemessen. Belegt wird das nicht zuletzt mit den Quoten der Buchmacher für die Begegnung im Halbfinale, die Real Madrid als haushohen Favoriten ausmachen.

Und trotzdem: Es sprechen einige Gründe dafür, dass die Alte Dame gegen das Weiße Ballett bestehen und damit in das Finale der Königsklasse einziehen kann.

Mit Dreierkette zum Erfolg

Coach Massimiliano Allegri lässt genau wie sein Vorgänger Antonio Conte alternativ zur klassischen Viererkette ab und zu mit nur drei nominellen Verteidigern spielen. Das könnte auch Mittel der Wahl sein, wenn es gegen das Team von Carlo Ancelotti und dessen extraordinäre Offensivkünstler geht. Denn: Was vorerst klingt, als sei das Spiel offensiver ausgelegt, ist in Wahrheit eher eine defensivere Taktik. Die beiden Flügelspieler, in dieser Saison vornehmlich Patrice Evra und Stephan Lichtsteiner, ziehen sich bei Ballbesitz des Gegners bis auf Höhe des Innenverteidiger-Trios, meist bestehend aus Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini, zurück.

Kommt Real über die furiosen Außenspieler Cristiano Ronaldo oder Gareth Bale, schiebt der entsprechende Außenverteidiger der Bianconeri weit vor und stellt den Angreifer, dahinter sichert selbst dann noch eine Viererkette. Wandert der Ball zurück ins Zentrum, rücken Evra respektive Lichtsteiner wieder ein – ballorientiertes Verschieben in Reinform. Vor der Fünferkette sorgen Arturo Vidal und Claudio Marchisio mit enormer Laufarbeit für Überzahl in Ballnähe und Kompaktheit im Zentrum gegen Toni Kroos und Co..

Bei eigenem Ballbesitz ziehen die äußeren Schlüsselspieler des Systems das Spiel extrem in die Breite, bieten dadurch Raum für Mittelfeld-Regisseur Andrea Pirlo oder sind selbst anspielbar, um die Linie zu beackern. Diese Spielphilosophie zu verwirklichen, verlangt höchste Disziplin. Zudem muss das System perfekt funktionieren, um erfolgreich zu sein. Da unter anderem Barzagli lange Zeit verletzt war, ist im Duell mit den Blancos auch eine Viererkette möglich.

Der Apache soll die Weißen richten

Was klingt wie der Titel eines Indianerfilms, ist die Hoffnung derjenigen, die es mit den Bianconeri halten. Real trifft zu einem Zeitpunkt auf Juve, an dem Stürmerstar Carlos Tevez zu absoluter Hochform aufläuft. Der "Apache", wie der Argentinier aufgrund seiner Kindheit in der rauen Hochhaussiedlung "Fuerte Apache" in Buenos Aires genannt wird, ist mit 20 Treffern Top-Torschütze in der Serie A, und auch in der Champions League schlug er schon sechsmal zu.

Damit hat Tevez seine bisherige Torausbeute in der Königsklasse binnen einer Saison verdoppelt. Das liegt vor allem daran, dass der 1,73-Mann unter Allegri enorme Freiheiten genießt und nicht an eine Position gebunden wird.

Morata gegen den Ex-Klub

Weiterer Grund für die tolle Quote von Tevez ist das hervorragende Zusammenspiel mit Alvaro Morata. Der Spanier ist seit dem Jahreswechsel endgültig in Italien angekommen und erlebte eine wahre Leistungsexplosion. Mit ihm als Sturmpartner von Tevez ist das Spiel facettenreicher als mit seinem Landsmann Fernando Llorente. Bestes Beispiel dafür sind die Achtelfinal-Spiele gegen Borussia Dortmund.

Ancelotti: Müssen das beste Real zeigen

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Morata knipste genau wie Tevez in beiden Partien gegen den BVB. Zudem legten sie sich jeweils einen Treffer auf. Jetzt geht es für den 22-Jährigen gegen seinen Ex-Klub Real Madrid, bei dem er sich nie durchsetzen konnte. Die Aussagen seines ehemaligen Trainers Ancelotti ("Wir bereuen es nicht, ihn verkauft zu haben") dürften weiterer Ansporn sein, dem einstigen Arbeitgeber einen Denkzettel verpassen zu wollen.

Festung Juventus Stadium

Erst 2011 wurde der Bau des Juventus Stadium in Turin fertiggestellt, doch schon jetzt ist die Arena ein Tempel und Grundstein für die Heimstärke von Pirlo und Co. Weder in der Champions League noch in der laufenden Serie-A-Saison konnte ein Team drei Punkte aus der 41.000 Plätze fassenden Festung entführen. Auch Real Madrid gelang es in der Gruppenphase der Champions-League-Vorsaison nicht, einen Sieg in der Heimspielstätte der Turiner zu ergattern (2:2).    

Gretchenfrage wird also sein, wie man sich im Rückspiel im Santiago Bernabeu schlägt. Sollte man mit einem torlosen Remis oder gar mit einem Hinspiel-Sieg nach Madrid fahren, könnte Juve feinstes italienisches Catenaccio zelebrieren, auch wenn das sonst nicht ihre Art ist. Real müsste das Spiel aufziehen, was zwangsläufig Räume für die sprintstarken Tevez und Morata eröffnen würde.

Juventus ist zweifelsohne in der Lage den Madrilenen ein Bein auf dem Weg zur Verteidigung des Henkelpotts zu stellen. Mit disziplinierter Abwehr-Arbeit, strategischer Aufteilung im Mittelfeld und einem Sturmduo in Top-Form kann Juve es schaffen, ins Finale von Berlin einzuziehen. Nach den vermeintlich leichteren Gegnern in den vorangegangenen K.O.-Spielen wäre ein Sieg über Real die endgültige Rückmeldung in der Weltspitze. Und damit der Beweis: Der fußballerische Reifeprozess der Alten Dame ist wieder weit vorangeschritten.

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