RB Leipzig: Pionierarbeit für die Zukunft

RB Leipzig will so bald wie möglich in die Bundesliga. Für langfristigen Erfolg im Oberhaus setzt man auf die Jugend - und ein Pionier-Modell.

Das deklarierte Ziel von RB Leipzig ist die Bundesliga. Dieses Jahr wird es wohl nicht reichen für den Aufstieg, derzeit liegen die Bullen sieben Punkte hinter den Teufeln aus Kaiserslautern und dem direkten Aufstiegsplatz. Im Top-Duell treffen die Sachsen am Montagabend auf Lautern (ab 20.15 im LIVE-TICKER) und können den Abstand auf vier Zähler schmelzen lassen. Wenn es dieses Jahr nichts wird mit dem Traum vom Oberhaus - kommende Saison soll es dann klappen. Ein Premium-Kader mit Spielern wie Dominik Kaiser, Yussuf Poulsen, Emil Forsberg und natürlich Davie Selke soll die Ostdeutschen in die Beletage des deutschen Fußballs führen.

Nicht nur am Ziel in puncto Ligenzugehörigkeit, sondern sogar mittendrin im Kampf um den Bundesliga-Titel befindet sich derzeit die U19 von RB. Die A-Junioren sind in der Bundesliga Nord/Nordost Tabellenführer und wollen wie im letzten Jahr wieder ins Finale, wo dann auch Stuttgart und oder Dortmund warten könnten. Die U19 ist dabei nur die Spitze einer Jugendabteilung, die das Fundament für ein stabiles und starkes Bundesliga-Team gießen soll.

Schrof ist der Architekt

Auch die U17 ist auf Titelkurs, vor einem Quartett, dessen Senioren in der Bundesliga spielen, belegt sie derzeit den ersten Platz. Die Erfolge des Red-Bull-Imperiums, das in Leipzig seinen fußballerischen Standort verortet hat, in der Jugend sind kein Zufall. Akribische Arbeit, absolute Fachkräfte auf ihrem Gebiet und eine auf Kontinuität ausgerichtete Philosophie haben die RB-Talente innerhalb kürzester Zeit in die Premium-Riege der Nachwuchs-Branchenführer um den VfB Stuttgart katapultiert.

Leipzigs Nachwuchschef Frieder Schrof im Goal-Interview

Der Architekt des Erfolges und derjenige, der sich in einigen Jahren als Macher verstehen darf, wenn die ersten Talente es in den Profi-Kader schaffen, ist Frieder Schrof. Während Rangnick sich um vordergründig um die Profis kümmert und Arbeitsabläufen der Nachwuchsabteilung nur beratend zur Seite steht, ist der 60-Jährige das Hirn. Schrof trainierte Rangnick einst in der Bezirksauswahl, heute ist es andersherum, jetzt ist Rangnick der Chef. Er war es auch, der Schrof zu RB lotste. 2012 übernahm der zusammen mit Thomas Albeck die Geschicke der Leipziger Jugend. Erfahrung und Repertoire hatte sich das Duo zuvor in jahrelanger Arbeit beim VfB Stuttgart angeeignet.

"Neue Maßstäbe": Nachwuchsleistungszentrum für 30 Millionen Euro

"Für alle unsere Mannschaften gibt es eine einheitliche Spiel- und Ausbildungsphilosophie, die auf die jeweilige Mannschaft altersgemäß angepasst und vermittelt wird. Aggressive, ballorientierte Vorwärtsverteidigung mit schnellem Umschaltspiel wird bei uns in allen Teams intensiv trainiert und gespielt", fasste Schrof die Philosophie im Gespräch mit Goal zusammen. Was einfach klingt, bedarf umfangreicher Arbeit. Die Kader der jeweiligen Junioren werden in die Hände versierter Fußballlehrer gegeben, die dann die taktischen Vorgaben umsetzen und die Talente schleifen, damit sie perfekt ausgebildet das zukünftige Nachwuchszentrum verlassen.

Ebenjenes Nachwuchszentrum soll das Herzstück der schon jetzt überragenden Jugendarbeit werden. Kommenden Sommer wird das 30 Millionen Euro teure und insgesamt 13.000 Quadratmeter große Jugend-Zentrum fertig gestellt werden. Es soll dann mit den Top-Zentren der Welt mithalten können – die Jugend ist die Zukunft. Das hat man längst erkannt bei RB, Kosten werden deshalb nicht gescheut, um ihr bestmögliche Bedingungen zu bieten.  "Es wird uns einen weiteren Schub geben und uns infrastrukturell noch bessere Möglichkeiten bieten. Wir werden in puncto Unterbringung, Versorgung, schulische Betreuung und Trainingsmöglichkeiten neue Maßstäbe setzen", so Schrof optimistisch.

Rechnet man die in dieser Saison bisher geholten Punkte der U17 und U19-Bundesliga-Nord/Nordost zusammen steht RB Leipzig mit 106 Zählern auf dem ersten Rang. Sowohl die A-, als auch die B-Jugend sind Tabellenführer und auf Meisterkurs.

Schulische Ausbildung wird groß geschrieben

Besonders ist in Leipzig auch die spezielle Fürsorge, mit der man der Schnelllebigkeit des Geschäfts begegnet. Mit Social-Media-Workshops und vor allem expliziter schulischer Förderung soll verhindert werden, dass die Härte des Geschäfts die Junioren zu sehr trifft. "Idealerweise streben die Spieler bei RB Leipzig die höchstmögliche Schulausbildung an und wir unterstützen sie zudem bei einem parallelen Studium zum Fußball", bestätigt U19-Trainer Frank Leicht, der ebenfalls lange beim VfB Stuttgart tätig war, exklusiv gegenüber Goal.

Wie professionell in der Jugend gearbeitet wird beschreibt Leicht so: "Sechs Trainingseinheiten pro Woche, zusätzlich Individualtraining im athletischen Bereich sowie Videoschulungen stehen auf dem Programm. Auf die schulischen Anforderungen müssen wir natürlich besonders Rücksicht nehmen." Leicht ist nur einer aus dem umfangreichen Roster der Trainer und Staff-Mitglieder, die für Präzisionsarbeit stehen. Rangnick, Schrof, Albeck und Leicht sind nur das Quartett, das im Scheinwerferlicht steht.

Jugend-Transfers sind branchenüblich

Kritik hagelte es für die RB-Verantwortlichen, als sie die älteren Jahrgänge, die noch nicht mit dem RB-Konzept fußballerisch groß wurden, vor allem durch externe Talente verstärkten, um sie schnellstmöglich nach oben zu bringen und an der Spitze zu etablieren. So wurden die Top-Torjäger der U17 Renat Dadachov (kam von Eintracht Frankfurt) und Ermedin Demirovic (kam vom HSV) beide bei anderen Vereinen ausgebildet.

Die Kritik am Retortenverein, der sich schon in der Jugend mit Geld Erfolg kauft, ist dennoch unangebracht. Erstens ist der Transfer von jungen Spielern in der Branche üblich und erfuhr durch den Wechsel von Sinan Kurt von Gladbach zu den Bayern auch medial zuletzt große Aufmerksamkeit. Und zweitens wollte Leipzig durch die Einkäufe von diesen Spielern nur breite und vor allem qualitativ hochwertige Kader schaffen. Jetzt, da dieser Prozess vollzogen ist, sollen talentierte Spieler im Idealfall früh entdeckt werden und dann die gesamte Abteilung durchlaufen, ehe sie den Profis weiter helfen können.

Pioniere in der Jugend

Man wolle Bundesligafußball am Standort Leipzig etablieren, heißt es auf der Vereinsseite. Der Weg dahin ist längst eingeschlagen, und es wird nicht mehr lange dauern, bis dieses Ziel vollbracht ist. Dann will man sich oben festsetzen und auf lange Sicht in die Champions League. An diesem Tag sollen dann keine teuren externen Stars den Kader dominieren, sondern kostengünstige Eigengewächse, die man mit punktuellen Transfers zu einer personellen Symbiose veredelt. "Wenn wir damit in der U8 beginnen, werden wir in zwei, drei Jahren entsprechend besser vorbereitete Spieler haben. So wird es auch im Profibereich fortgeführt werden. Das hat aber bisher noch niemand so gemacht“, sagte Albeck, Schrofs kongenialer Partner, der FAZ. Pioniere also schon in der Jugend – genau das will Leipzig sein. Vorreiter und Visionär.

Die U17 um ihre Säulen Chabot und Janelt steht in der Bundesliga auf dem ersten Rang. Dorthin wollen auch die Profis eines Tages. Mit nachhaltiger und leidenschaftlicher Jugendarbeit und keineswegs nur mit exzessiven Millionen-Transfers aus dem Red-Bull-Topf. Davie Selke soll die Ausnahme und nicht die Regel sein. Ähnlich wie bei den Junioren soll er das Team jetzt schnell verstärken, ehe in ein paar Jahren dann Spieler wie er von selbst aus der Jugend empor kommen. Oder, um es in den Worten von Thomas Albeck zu sagen: "Wir sind überzeugt: Unser Weg ist genau der Weg, der die Spieler der Zukunft auf den Markt bringen wird.“