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FC Bayerns Juwel Gianluca Gaudino: Der Balljunge mit Barca-Gen

Gaudino verblüfft die Bundesliga: Bayerns Führungsriege schwärmt, der Papa warnt. Für Guardiolas Vortrag scheint der Teenager wie geschaffen - einen Makel gibt es.

München. "Er ist kein Sprinter. Kein überragender Kopfballspieler, auch kein brutaler Zweikämpfer." Für Matthias Sammer, mahnender Sportvorstand des FC Bayern, spiele er "nur richtig gut Fußball". Er, das ist Gianluca Gaudino, Debütant, mit exakt 17 Jahren, neun Monaten und elf Tagen. Inmitten der Weltmeister und hoch dekorierten Stars überzeugte er zum Auftakt gegen den VfL Wolfsburg.

Dabei wirkte er noch beim Aufwärmen irgendwie fehl am Platz. Wie ein Balljunge, mag sich manch Fan gedacht haben. Zu farblos sein Äußeres, zu schmächtig die Statur. Sie staunten nicht schlecht, als er, der vermeintliche Balljunge, gekonnt das Leder streichelte, im Münchner Ensemble mitdirigierte. Um danach in Begleitung eines Betreuers aus der Allianz Arena geschleust zu werden. Vorbei an den wartenden Fragenstellern, durch die Mixed Zone aus dem Rampenlicht. Ohne Wortspende.

Der Rekordmeister schützt sein Juwel vor dem Hype. Es soll den Boden unter den Füßen bewahren, nicht zu früh gen Himmel gehoben werden und in den unendlichen Weiten des Fußball-Kosmos verglühen. So musste freitags, nach verheißungsvollem Auftritt, Medienprofi Sammer vor die Mikrofone. "Seine Entwicklung", sagte er, "ist unglaublich." Gaudino beherrsche etwas, "das schwierig zu erlernen ist". Diese Einfachheit, die Klarheit.

Müller: "Gaudino hat Qualität"
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Einer wie Iniesta

Nüchtern, frei von selbstinszenierenden Einlagen, lieferte dieser auf der großen Bühne ab. Den Stil auf das Wesentliche reduziert: punktegenaue, risikominimierende Pässe. 59 davon spielte er gegen den VfL. Beeindruckende 96,61 Prozent fanden ihren Abnehmer. Von der Tribüne wurde er mit stehenden Ovationen bedacht. "Es ist nicht einfach, in dem Alter hier zu spielen, gegen Wolfsburg, gegen Luiz Gustavo", lobte Guardiola. Überragt habe seine jüngste Entdeckung.

In Abwesenheit der WM-Fahrer stärkte er Gaudino während der Vorbereitung, förderte ihn. Dieser sei schneller im Kopf als andere. Mit seiner Präsenz und Ballsicherheit auf dem Grün, der Zurückhaltung abseits gleicht er einem Prototypen des Pep-Lieblings. Er vereint Abgeklärtheit und Spielwitz, Antizipationsgabe und Übersicht - die hohen Künste.

"Er hat eine unheimliche Ruhe und eine super Technik", erklärte Michael Tarnat, Jugendkoordinator beim Rekordmeister, unlängst gegenüber SPOX. Der Mittelfeldakteur trägt gewissermaßen das Barca-Gen in sich. Mit allen Vorzügen wie Defiziten. Er ist variabel, klein und wendig, zwangsläufig jedoch in Zweikämpfen unterlegen, zu schmächtig. Für den Durchbruch auf europäischer Bühne muss er zulegen.

Geerdeter als der Papa

National weiß er fehlende Grundschnelligkeit zu kaschieren, gegen rasante Kontermannschaften á la Real Madrid hätte sie wohl verhängnisvolle Konsequenzen. Gaudino, sein Umfeld, lässt sich deshalb nicht vom kometenhaften Aufstieg blenden. Zu gut kennt Papa Maurizio, einst lebensbejahender Nationalspieler, das Geschäft.

Als Aktiver verfiel er den Verlockungen und ließ mit nächtlichen Eskapaden aufhorchen. Den Filius will er davor bewahren. Nunmehr als Berater umtriebig, kümmert er sich um dessen Belange: "Er bekommt von mir einen ehrlichen, direkten Rat, wenn er fragt, und muss keine Angst haben, aus Profitgründen transferiert zu werden." Ohnehin handelt Gaudino Junior bodenständiger. Von öffentlichen Avancen, der plötzlichen Popularität lässt er sich nicht verrückt machen.

"Er ist mental sehr stabil", attestiert Guardiola, "nett, korrekt und hält sich mit den Jungen im Hotel auf." Den Arrivierten läuft Gianni, wie er gerufen wird, keineswegs hinterher. Vielmehr gehören die Nachwuchskräfte Lucas Scholl oder Julian Green zu seinen Bezugspersonen. Mit ihnen teilt er sein Schicksal. Mit ihnen redet er, witzelt mal. Sonst ist er kaum aus der Reserve zu locken.

"Wir müssen ihn schützen"

Ganz Egal, ob schlichte koordinative Übungen oder Trainingsspielchen - hochkonzentriert spult er sein Pensum ab. Er genießt den stetigen Lernprozess, wenngleich taktische Unzulänglichkeiten von Kollegen lautstark korrigiert werden. Man beschäftigt sich eben intensiv mit ihm. Da kann es schon passieren, dass Guardiola, die Arme durch die Luft werfend, vor ihm tänzelt.

"Er ist ein guter Junge", so Thomas Müller, teamintern einer der Anführer. "Ich werde jetzt aber nicht mit Lobeshymnen um mich werfen, weil ihm das, glaube ich, nichts bringt. Außer eine Schlagzeile." Mittelfristig ist Gaudinos Rolle fraglich. Bislang profitierte er von personellen Sorgen. Die Rückkehrer Bastian Schweinsteiger sowie Thiago Alcantara könnten ihn den Kaderplatz kosten. Für die Zukunft ist er indes ein Versprechen.

Er verkörpert Guardiolas Denke. Trotzdem warnte Sammer bereits im Rahmen des USA-Trips, wohl in weiser Voraussicht: "Wir müssen ihn ein Stück weit schützen, damit er sich so weiterentwickeln kann." Wochen später fliegen Gaudino die Herzen junger Fans zu. Er schreibt Autogramme, ist gefragtes Fotomotiv - und wirkt selbst wie einer von ihnen.

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