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Einst Maradona, nun Medel – Wie hat die Serie A ihre Vormachtstellung eingebüßt?

Die Superstars der Szene meiden mittlerweile Italiens Eliteliga. Aber was ist in der einst besten Spielklasse der Welt schief gelaufen?

ANALYSE
Von Kris Voakes

Es gab einmal eine Zeit, da war die italienische Liga die unangefochtene Nummer eins des Fußballs. Die besten Spieler der Welt kickten in der Serie A, die Klubs standen regelmäßig in den Endspielen um den Europapokal und rund um den Globus verfolgten die Menschen an ihren TV-Geräten die ausverkauften Partien aus dem Land mit dem Stiefel.

Für eine jüngere Generation mag das wie eine Geschichte aus einem Märchen klingen, aber vor 20 Jahren war das die Realität. Die Serie A hatte keinen ebenbürtigen Gegner und war ganz einfach die beste Liga der Welt.

Zwischen 1989 und 1998 waren italienische Vereine in neun von zehn Finals des Landesmeisterwettbewerbs vertreten. Vier davon gewannen sie. Von den sieben UEFA-Cup-Endspielen zwischen 1989 und 1995 gewannen die Italiener sechs. Legendäre Spieler wie Diego Maradona, Roberto Baggio, Zinedine Zidane, Marco van Basten, George Weah und Lothar Matthäus waren die Aushängeschilder und sorgten dafür, dass die Fans weltweit den italienischen Fußball liebten. Es waren berauschende Zeiten.

Doch im Jahr 2014 ist ein Tiefpunkt erreicht.

Konstante Sieger | Der finanzstarke AC Milan führte Italiens Dominanz in den 1980ern und 90er an

Die talentiertesten Spieler der Welt sind längst nicht mehr in Italien zuhause – die meisten von ihnen verdienen ihr Geld in Spanien. Es sitzen auch keine Massen mehr vor den Fernsehern, um die Matches zu schauen – das ist bei den Begegnungen der Premier League der Fall. Die Tifosi füllen auch nicht mehr die Stadien. Vielmehr sitzen sie in Kneipen und schauen dort Spiele anderer Ligen. England, Spanien und Deutschland haben Italien im Europacup längst überholt und das spiegelte sich spätestens 2012 im Verlust des vierten Startplatzes für die Champions League wieder. Dass sich dies in absehbarer Zeit wieder ändert ist unwahrscheinlich.

Die Unterschiede zwischen damals und heute sind enorm und das aktuelle Geschehen auf dem Transfermarkt in diesem Sommer zeigen das glasklar.

Die verbliebenen Stars werden seit geraumer Zeit von ausländischen Klubs gelockt und es wäre keine Überraschung, sollten sie sich aus der Serie A verabschieden. Arturo Vidal und Paul Pogba flirten mit Klubs aus anderen Ligen, Mario Balotelli hat sich vor wenigen Tagen Richtung Liverpool verabschiedet.

Italien ist nicht mehr der Ort, an dem die besten Spieler in diesen Tagen sein möchten. Und die Vereine haben auch nicht die finanzielle Power, um namhaften Ersatz für das verloren gegangene Talent zu verpflichten.

Das Kräfteverhältnis im Fußball ist meist auch ein Ausdruckt der wirtschaftlichen Potenz. Italiens Entwicklung verdeutlicht das: Zwischen 1952 und 1992 wurde der Ablöserekord für einen Spieler 17 Mal gebrochen. 15 dieser Transfers wurden von einem Verein aus der Serie A getätigt. Luis Suarez, Omar Sivori, Paolo Rossi, Maradona, Ruud Gullit, Baggio und Jean-Pierre Papin kamen, später folgten Ronaldo, Christian Vieri und Hernan Crespo.

Die Serie A gab auf dem Transfermarkt den Ton an und die Vereine setzten die Maßstäbe im Geldverdienen. Alex Thorpe, Berater bei der Deloitte’s Sports Business Group erklärte Goal: "In der Saison 1989/90 war die Serie A die lukrativste Liga, es folgte die Football League auf dem zweiten Platz. Heute ist die Premier League weit enteilt und die Serie A zurückgefallen."

"Noch 1996/97 lag der Umsatz der englischen Vereine bei 685 Millionen Euro. Italien folgte mit 551 Millionen Euro. Der Rückstand war also nicht allzu groß. Mittlerweile liegt der Unterschied bei etwa 1,3 Milliarden Euro", so Thorpe weiter.

GROSSES GELD | Weltrekordtransfers von 1952 bis 1992
JAHR SPIELER VON ZU ABLÖSE
1952 Hans Jeppson Atalanta Napoli 78.000 €
1954 Juan Schiaffino Penarol Milan 108.000 €
1957 Omar Sivori River Plate Juventus 139.500 €
1961 Luis Suarez Barcelona Inter 228.000 €
1963 Angelo Sormani Mantova Roma 375.000 €
1967 Harald Nielsen Bologna Inter 450.000 €
1968 Pietro Anastasi Varese Juventus 750.000 €
1973 Johan Cruyff Ajax Barcelona 1,38 Millionen €
1975 Giuseppe Savoldi Bologna Napoli 1,8 Millionen €
1976 Paolo Rossi Vicenza Juventus 2,63 Millionen €
1982 Diego Maradona Boca Juniors Barcelona 4,5 Millionen €
1984 Diego Maradona Barcelona Napoli 7,5 Millionen €
1987 Ruud Gullit PSV Milan 9 Millionen €
1990 Roberto Baggio Fiorentina Juventus 12 Millionen €
1992 Jean-Pierre Papin Marseille Milan 15 Millionen €
1992 Gianluca Vialli Sampdoria Juventus 18 Millionen €
1992 Gianluigi Lentini Torino Milan 19,5 Millionen €
* Ablöse in Euro umgerechnet nach dem Originalbetrag in Lire

Er stellte aber auch klar: "Der Fairness halber sollten wir auch festhalten, dass der Unterschied zwischen der Premier League und der zweitgrößten Liga, der Bundesliga, auch bei 900 Millionen Euro liegt. Nächste Saison wird es sogar noch mehr sein. Dieser Vergleich ist also nicht der Beste. Man kann allerdings mit Fug und Recht behaupten, dass die Serie A nicht mehr die herausragende Liga ist, die sie noch vor 20 Jahren war."

Der Reichtum italienischer Vereine in den 1990er Jahren war nicht nachhaltig. Die Cirio-Gruppe, die bei Lazio Rom die Mehrheit der Anteile hielt, konnte ihre Kredite nicht mehr bedienen. Parmas Sponsor Parmalat brach zusammen und die Fiorentina musste wegen horrender Schulden Insolvenz anmelden und zwangsabsteigen. Als dann auch noch Napoli 2004 Bankrott ging hatte die Serie A einen Großteil ihrer finanziellen Stärke in der Breite eingebüßt.

Heute geben die Bankkonten im "Bel Paese" extravagante Verpflichtungen á la Maradona und Papin einfach nicht mehr her. Während die Umsätze aus den Ticketverkäufen im Rest Europas seit Jahren in die Höhe schießen, beträgt der Anteil aus diesem Segment am Gesamtumsatz in Italien gerade einmal elf Prozent.

Für Alex Thorpe ist diese Tatsache der Katalysator für einen Teufelskreis: "Wenn Du ein volles Stadion hast und kommerziell attraktiv bist, dann gibt es natürlich auch mehr Augenpaare, die im Stadion den Sponsor auf Deinem Shirt sehen. Es ist einfach verlockender für Marken, damit in Verbindung gebracht zu werden. Man muss sich nur anschauen, was in Großbritannien passiert ist, um zu verdeutlichen, wie ein gutes Stadion kommerzielle Partner anziehen kann."

Und weiter: "In ähnlicher Form gilt das auch für die Übertragungsrechte. Wenn mehr Leute im Stadion sind und die Atmosphäre besser ist, dann liefert man ein besseres TV-Produkt."

 Umsatz aus Ticketverkäufen
(2012/13)
127,3 Mio € Manchester United
119 Mio € Real Madrid
117,6Mio € Barcelona
108,3 Mio € Arsenal
87,1Mio € Bayern Munich
82,5Mio € Chelsea
59,6Mio € Borussia Dortmund
53,2Mio € Paris Saint-Germain
52,1Mio € Liverpool
46,9Mio € Tottenham Hotspur
46,2Mio € Manchester City
43,2Mio € Hamburg
42,5Mio € Schalke
38Mio € Juventus
8Quelle: Deloitte Football Money League 2014

Stand jetzt sind von den 20 Vereinen der Serie A nur Juventus und Sassuolo die Besitzer ihrer Spielstätten. Udinese hat mit den Arbeiten an der eigenen Arena begonnen und bei der Roma soll es 2016 so weit sein. Abgesehen von diesem Quartett hat kein Klub bislang sonderlich viel Glück mit seinen Plänen für eine neues, eigenes Rund gehabt.

An kleinen Stellschrauben kann die Lega Serie A bereits selbst drehen. Die Entscheidung, jede Woche eine Partie sonntags um 12.30 Uhr anzupfeifen, wurde getroffen, um hohe Einschaltquoten in Asien zu generieren. Allerdings ist es so, dass nur selten Zugpferde wie Inter, Milan und Juventus zu dieser Zeit spielen. Kein Wunder also, dass dieses Konzept bis dato gescheitert ist und nicht den erhofften positiven Effekt hatte.

Außerdem sind die Rahmenbedingungen für den Fußball seit einigen Jahren nicht gerade rosig. Die Rezession 2008 hat die Wirtschaft des Landes hart getroffen. Die Ausgaben wurden seitdem generell massiv zusammengestrichen und der Wille, in den Fußball zu investieren, ist nicht vorhanden.

Dazu gesellen sich die Regeln zum Financial Fairplay der UEFA. Die Tage, in denen ein Mäzen wie Silvio Berlusconi einen AC Mailand aus dem Mittelmaß zum siebenfachen Europokalsieger machte, sind vorbei. Die Bücher müssen ausgeglichen sein. Angelo und Massimo Moratti können ihr Vermögen nicht mehr zum Wohle Inters verjubeln und die Agnelli-Familie darf die Fiat-Einnahmen nicht mehr blind Juve zur Verfügung stellen.

Der heutige Fußball braucht indes mehr als nur Geld. Auch Geduld und Fürsorge sind gefordert.

Die Realität ist nun: Einst wurde Maradona vor 60.000 Fans präsentiert, heute finden eher bescheidene Neuzugänge wie Gary Medel den Weg nach Italien. Inter Mailands neuer Mittelfeldspieler zählt mit einer Ablöse von 13 Millionen Euro zu den größten Transfers der Liga. Auch die Gehaltsetats sind vor allem in den letzten fünf Jahren drastisch gesenkt worden. Resultat: Große Namen wie Zlatan Ibrahimovic, Samuel Eto’o und Wesley Sneijder sind nicht mehr da.

Alex Thorpe sieht aber einen Silberstreif am Horizont: "Es gibt einige zarte Pflänzchen, die Anlass zu Hoffnung geben. Die Vereine haben eingesehen, dass sie die Situation der Stadien verbessern müssen. Juventus hat die Ticketeinnahmen mit dem neuen Stadion verdreifacht und die Konkurrenz hat das mit großem Interesse zur Kenntnis genommen."

"Ausländische Investoren kommen nun, Inter und die Roma haben seit kurzer Zeit Besitzer aus dem Ausland. Sollte die Roma ihre komplexen Pläne zum Stadionneubau umsetzen, dann wäre das meiner Meinung nach ein signifikanter Meilenstein. Von den Mailänder Klubs hört man auch, dass sie darüber nachdenken, ihr Stadion weiterzuentwickeln und Udinese hat bereits damit begonnen", erklärte der Deloitte-Experte. "Vor zwei Jahren herrschte echte Untergangsstimmung. Aber die richtigen Schlüsse wurden gezogen und positive Änderungen könnten sich schon bald bemerkbar machen."

Es gibt also Hoffnung für die Zukunft. Je schneller die Klubs dem Trend folgen, desto besser. Es wird wieder Zeit, dass Italiens Fußball die Maradonas des Fußballs anzieht.

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