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Pace, Power und Technik – Das ist Liverpools Neuer Divock Origi

Der 19-Jährige machte letzte Saison die Beobachter der Ligue Un auf sich aufmerksam und war der ideale Mann, um bei der WM für Christian Benteke in die Bresche zu springen.

PORTRÄT
Von James Eastham

Vor zwei Jahren stand ich bei einem Spiel der U19-Junioren des Lille OSC neben einem Vater. Mit offenem Mund bestaunte er den großen Stürmer, der die gegnerische Abwehr im Alleingang auseinandergenommen hatte. "Geschwindigkeit, Kraft, Touch, Technik – er hat das alles", raunte er leise.

Der Junge, über den er sprach, war Divock Origi. Zu dieser Zeit war Liverpools Zwölf-Millionen-Neuzugang nur einer der talentierten 17-Jährigen, die in dieser Partie groß aufspielen wollten – aber an ihm war etwas Besonderes.

Immer wenn Origi für Lilles U17 oder U19 auf dem Platz stand, war er der Spieler, der alle Blicke auf sich zog. Derjenige, der den Ball so oft wie möglich haben wollte - der aus Lilles tollem 95er-Jahrgang noch herausragte.

Als 16- und 17-Jähriger sprengte Origi förmlich die gegnerischen Abwehrketten in den regionalen Jugendligen. Schwächere Teams walzte er buchstäblich nieder, tyrannisierte sie, war er doch so viel schneller und kraftvoller als seine Altersgenossen. Gegen bessere Gegner ließ er all seine technische Klasse aufblitzen und bestach durch Momente brillanter Improvisation. Kurzum: Er zeigte allen, was für ein immenses Potenzial in ihm steckte.

Als Lilles damaliger Trainer Rudi Garcia (inzwischen in Diensten des AS Rom) Origi im Februar 2013 zu seinem Profidebüt verhalf, hatte dieser noch zweieinhalb Monate bis zu seinem achtzehnten Geburtstag. An diesem Abend traf er zum 1:1-Endstand gegen Troyes, stand aber noch am Anfang eines weiten Weges. Origi absolvierte in der Spielzeit 2012/2013 zehn Partien, allesamt als Einwechselspieler, und kam dabei lediglich auf 161 Spielminuten.

In der letzten Saison ging der Stern des Talents dann langsam auf. Origi stand zwölf Mal in der Startelf, kam 18 Mal von der Bank und so unterm Strich auf 1285 Einsatzminuten. Dabei erzielte er fünf Tore, traf also alle 257 Minuten. Wenn man bedenkt, dass es für einen Nachwuchskicker schwierig ist, seinen Rhythmus bei den vielen Ein- und Auswechslungen zu finden, und er sich in mehreren Systemen auf verschiedenen Positionen zurechtfinden musste, kann sich diese Bilanz durchaus sehen lassen.

Trotz der positiven Entwicklung, die der Youngster in Lille nahm - die entscheidende Wendung seiner Karriere ereignete sich 400 Kilometer entfernt in Bodymoor Heath, dem Trainingsgelände von Aston Villa. Als am dritten April Christian Bentekes Achillessehne riss, ebnete dies Origis Weg in den belgischen WM-Kader.

Origi war dem Trainerteam der Landesauswahl aufgrund seiner beeindruckenden Trefferquote in der U19-Nationalmannschaft Belgiens bereits wohl bekannt. Die zu den Spielen von Lille entsandten Späher wussten viel Positives zu berichten und so landete Origi schnell ganz oben auf der Liste der potenziellen Nachrücker für den verletzten Benteke.

Keine Überraschung: Origi fliegt mit nach Brasilien

Als Marc Wilmots dann seinen 23 Spieler umfassenden Kader für Brasilien bekannt gab, war Origi dabei. Die Medien sprachen von einer Überraschung – aber das war es längst nicht mehr. Er war ganz einfach der beste Mann für diesen Job. Seine Vielseitigkeit und seine Besonnenheit waren idealtypisch für die Anforderungen eines solchen Großturniers. 

Bei der Weltmeisterschaft zeigte Origi dann die Fähigkeiten, nach denen es den Liverpool-Fans dürstet, auf die sie aber noch zwölf Monate warten müssen: Seine kraftvolle Art, mit oder ohne Ball hinter die gegnerischen Abwehrreihen zu kommen. Seine unglaubliche Präsenz im Strafraum, die er bei Belgiens 1:0-Sieg gegen Russland in der Gruppenphase eindrucksvoll unter Beweis stellte, als er die Kugel nach einem Tempolauf zielgenau unter die Latte wuchtete. Und vor allem sein sensationelles Tempo: Bei voller Geschwindigkeit ähnelt er einem 200-Meter-Sprinter, der aus der Kurve kommend den Turbo zündet. Für keinen Innenverteidiger der Welt wäre es klug, sich auf ein Sprint-Duell mit Origi einzulassen.

Noch ist er kein fertiger Spieler. Er ist zwar schwer ausrechenbar, auch wenn zwei Verteidiger gegen ihn stehen, aber manchmal verliert er auch den Faden und trifft die falschen Entscheidungen. Seine Leistungen können während eines Spiels schwanken. Sein Spielverständnis, seine Laufwege, wie man den Gegner mit den angreifenden Kollegen am besten unter Druck setzt – all dies lässt sich noch veredeln.

Wenn Origi, der zunächst ein Jahr zurück an den OSC Lille ausgeliehen wird, alles in die Waagschale wirft, kann er die Ansprüche seines Trainers Brendan Rodgers erfüllen und nach dessen Worten "eines der aufregendsten Talente im Weltfußball" sein. Das Potenzial, für das Liverpool viel Geld bezahlt hat, ist bei dem jungen Belgier reichlich vorhanden. Er hat bereits die Ecken und Kanten, die man von einem Spieler mit 19 Jahren so nicht unbedingt erwartet.

Seine physischen und athletischen Voraussetzungen gepaart mit seiner Leidenschaft und Technik, sein Auge für das Tor und seine Einstellung lassen erahnen, dass Origis Weg ihn schon bald bis ganz an die Spitze führt.

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