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Bereits mit drei Vereinen wagte Kölns Flügelspieler das Abenteuer Bundesliga. Im vierten Anlauf will er sich jetzt endlich etablieren – und dem FC den Klassenerhalt sichern.

Köln. Es gibt diese eine Szene in Tom meets Zizou, dem Dokumentarfilm über Thomas Broichs Fußballerleben. Broich sitzt da im Winter 2009 zusammen mit seinem Teamkollegen Marcel Risse in einem gutbürgerlichen Restaurant im Herzen von Nürnberg. Die beiden sind ins Gespräch vertieft. Auf der einen Seite des Tisches Broich: einst hochgelobt als "Mozart am Ball", als kommender Netzer-Nachfolger. Ein fußballerisches Ausnahmetalent, aber auch ein reflektierter, sensibler Feingeist, der wenig Erbauliches am manchmal fragwürdigen Geschäftsgebaren der Bundesliga finden konnte.

Ein Verehrer Zinedine Zidanes, dem trotz bester Anlagen der Sprung in höchste Fußballsphären schlussendlich verwehrt blieb und der, zum Zeitpunkt des Restaurantgesprächs schon 28 Jahre alt, Nürnberg und dem deutschen Fußball nur wenig später den Rücken kehren sollte, weil er sich im Bundesligazirkus am Ende nur noch als Clown verstand.

Zwei Freunde, zwei Lebenssituationen

Ihm gegenüber sein Mannschaftskamerad beim "Club", Marcel Risse: Jahrgang 89, blonde Mähne, pfeilschnell und ebenfalls hochveranlagt. Ein junges Talent, im letzten Jahr gerade erst U19-Europameister geworden, das sich beim 1. FC Nürnberg die nötige Bundesligareife für seinen Stammverein Bayer Leverkusen holen soll – Lebenssituationen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Trotzdem verstehen sich beide blendend. 

Bei dampfenden Knödeln und Schweinshaxe hört Risse aufmerksam zu, als Broich aus seinem reichen Erfahrungsschatz berichtet, nickt ab und an verständnisvoll. Doch bei allem Mitgefühl für Freund und Kollege Broich und seine schwierige Situation – in Risses Gesicht ist vor allem eines abzulesen: Er will auf keinen Fall den gleichen Weg wie sein Gegenüber einschlagen.

Risses vierter Anlauf auf die Bundesliga

In der kommenden Bundesligasaison könnte sich klären, ob der Flügelspieler diesem Vorsatz fast fünf Jahre später endlich gerecht werden kann. Risse, das Haar jetzt kürzer und ein wenig lichter, aber immer noch erst 24, ist mittlerweile beim 1. FC Köln gelandet. Als Aufstiegsheld und unumstrittener Stammspieler will er sich bei seinem vierten Angriff auf das Abenteuer Bundesliga beweisen.

Denn viel ist passiert, seit der damals erst 18-Jährige am siebten Mai 2008 für Bayer Leverkusen sein Debüt in Deutschlands höchster Spielklasse gab. Drei weitere Karrierestationen stehen für den gebürtigen Kölner seitdem zu Buche. Doch erst beim "Effzeh" fand er, nach schwierigen, von Verletzungen und Trainerwechseln geplagten Jahren, die so wichtige Lust am Fußballspielen wieder.

 "Als Fußballer willst du so viel spielen wie möglich. Das hatte mir in den letzten Jahren gefehlt. Zum anderen fühle ich mich in Köln rundum wohl. Ich habe immer jemanden um mich, wenn ich nach Hause komme. Das war in Mainz und in Nürnberg nicht so gegeben", verriet Risse der Kölnischen Rundschau den Grund für seine Leistungsexplosion im vergangenen Jahr. Dass ihm der Verein sowieso besonders am Herzen liegt, ist für den 24-Jährigen selbstverständlich: "Ich bin schon als kleiner Junge ins Stadion mitgenommen worden. Ich bin als FC-Fan aufgewachsen. Das prägt natürlich. Deshalb kann ich mich auch gut in die Fans hineinversetzen, kann beim Erfolg, aber auch bei Niederlagen mit ihnen fühlen."

Ein Kölner in Leverkusen

Sein eigener Karriereweg führte ihn aber schon früh aus der Domstadt fort. 1996 wechselte er ausgerechnet zum großen Rivalen auf der anderen Rheinseite – Bayer Leverkusen hatte sich das Talent für die Zukunft gesichert. "Bayer hat damals bei uns gesichtet, mich schon mit sechs zum Probetraining eingeladen und meinem Vater auch gleich noch einen Trainerjob angeboten. Ich wollte damals einfach nur Fußball spielen und dafür gab es in Leverkusen sehr gute Bedingungen", erinnert sich Risse im Gespräch mit der Kölner Fanseite Kölsche Ziege. Von der traditionell guten Jugendarbeit beim Werksklub profitierte auch der junge Marcel. "Ohne die Ausbildung bei Bayer Leverkusen wäre ich wohl heute auch nicht hier", gibt er zu.

Doch schon damals war für den Juniorennationalspieler klar: Sein Weg sollte irgendwann wieder in die Domstadt führen. Als sein Berater Volker Struth ihn einmal fragte, bei welchem eintrudelnden Transferangebot sie eine Flasche Champagner köpfen sollten, kannte Risse nur eine Antwort – Köln. "Das war kurz nach meinem Einstieg als Profi. Mein Berater war doch etwas überrascht, dass ich nicht Liverpool oder Madrid, sondern Köln gesagt habe", erinnert sich der Mittelfeldspieler lachend.

Im Juni 2013 war es dann schließlich soweit. Risse kehrte nach einer für ihn enttäuschend verlaufenen Saison beim FSV Mainz 05 in seine Heimatstadt zurück. Trotz Angeboten aus dem Ausland und der ersten Liga hatte er sich für den Zweitligisten entschieden. Im Nachhinein eine goldrichtige Wahl: Allein in der Hinrunde 2013/14 konnte der eigentlich eher für seine starken Vorlagen bekannte Flügelspieler doppelt so viele Tore erzielen wie in seiner gesamten vorherigen Profikarriere. Elf Tore und vier Torvorlagen standen für ihn bei Saisonende zu Buche.

Die Leistung bei "MR7" stimmt, das Umfeld auch

  Eine beeindruckende Leistung, die sich auch in großer Wertschätzung seitens Vereins und Fans niederschlägt. Risse erhält in dieser Saison sogar erstmals seine erklärte Lieblings-Rückennummer Sieben. "MR7" hat er sich deshalb, vielleicht mit einem Hauch Selbstironie, in Anlehnung an Cristiano Ronaldos berühmtes Kürzel "CR7" auf die Schuhe nähen lassen.

Von Selbstüberschätzung ist der ehemalige Leverkusener aber meilenweit entfernt und auch öffentliche Lobhudelei perlt an ihm weitestgehend ab. "Mir geht es darum, dass die Mannschaft, der Trainer und letztlich auch ich mit meiner Art Fußball zu spielen zufrieden sind und es zum Erfolg beiträgt. Die öffentliche Beurteilung eines Spielers ist auch deshalb teils schwierig, weil die taktischen Vorgaben einem Außenstehenden nicht bekannt sind", gibt er dem Express gegenüber zu Protokoll.

Für die Bundesligasaison mit seinen Kölner hat er sich aber einiges vorgenommen: "Ich war im letzten Jahr 1000 Prozent motiviert, um den Aufstieg zu schaffen. Jetzt bin ich genauso motiviert, alles für den Klassenerhalt zu tun." Den Verein sieht er in Deutschland wieder auf dem Vormarsch: "Ich glaube, dass jeder merkt, das sich etwas getan hat. Ich sehe das an den Kumpels, die ich aus der Mainzer Zeit habe. Die haben erst die Nase gerümpft, obwohl sie meine Entscheidung unterstützt haben. Das passiert nun nicht mehr." Auch vor den ganz großen der Branche hat Risse keine Angst. "Wir sind aufgestiegen, um uns mit den Besten zu messen. Da brauchen wir nicht vor Dortmund oder Bayern in Ehrfurcht erstarren", lässt er selbstbewusst verlauten.

Australien muss vorerst warten

Neben dem Platz bevorzugt der 24-Jährige aber eher die leisen Töne. "Ich gehöre nicht zu denen, die alles mitmachen und ständig in den Medien auftauchen. Ich versuche, mich auf den Fußball zu konzentrieren. Wenn ich mich da ins Rampenlicht spiele, reicht das", verrät er. Auch hier ähnelt er Freund und Vorbild Thomas Broich, dessen von immensem Erfolg gekrönter Wechsel zu Brisbane Roar Risse dann doch zu künftiger Zukunftsplanung inspiriert: "Gegen Ende der Karriere würde ich es gerne wie Thomas machen und in Australien spielen. Aber dafür ist ja immer noch Zeit."

Zeit um – anders als Broich – in der Bundesliga noch einmal richtig durchzustarten.

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