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Pepe Reina beim FC Bayern München: Ein Frontmann im Schatten

Er ist Führungspersönlichkeit, Anheizer, Pool-Ikone: Trotzdem kennt Reina das Leben als Ersatzmann nur zu gut. Bei Bayern hofft er sich von einem Familien-Trauma zu befreien.

München. Da sind sie wieder, die unliebsamen, verstaubten Erinnerungen. Dieser verhängnisvolle Moment, als ein Verzweiflungsschuss vorbeirauscht. Miguel Reina lag auf dem Boden, geschlagen, in den letzten Zügen der Verlängerung. Fassungslos blickte er 1974 in das Heysel-Oval.

Zuvor, so besagt es die Legende, hatte er sich der Torwarthandschuhe entledigt und bereitwillig für einen heimischen Fotografen posiert. Er sehnte den Landesmeister-Triumph herbei - und leistete sich den größten Fehlgriff seiner Laufbahn. Hans-Georg Schwarzenbeck erzwang aus der Distanz eine Entscheidungspartie. Atletico Madrid ging mit 0:4 unter. Gegen den FC Bayern.

Im Hause Reina herrschte dieser Tage wohl Zwiespalt: Hier Miguel, der gedanklich sein Drama abermals Revue passieren ließ. Da Filius Jose Manuel, kurz Pepe, der ausgerechnet in München anheuert. "Es war unser Ziel, auf der Position etwas zu tun, um für jede Eventualität gerüstet zu sein", betont Karl-Heinz Rummenigge.

Causa Reus: Dortmund schießt gegen Rummenigge

Erst unlängst forderte Pep Guardiola: "Wir brauchen einen Torwart – sonst nix!" Nach dem Abgang von Lukas Raeder entstand Vakanz. Statt einen Jungspund internationale Luft schnuppern zu lassen, dürstete Guardiola nach Routine. Der Vorstandsboss erfüllte ihm den Wunsch, erklärte mit Reina die Kaderplanung für beendet. "Er", so Rummenigge, "ist ein sehr erfahrener, etablierter Spieler, der das Profil der sportlichen Leitung erfüllt."

GUARDIOLA SCHWÄRMT VON GAUDINO
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Valdes als Sargnagel

In Barcelonas Nachwuchsschmiede La Masia ausgebildet, führte sein Weg ob fehlender Perspektive zu Villarreal. 2005 übersiedelte er an die Anfield Road. Acht Spielzeiten bastelte er beim FC Liverpool am eigenen Mythos. Etwa im Halbfinale der Champions League: In einer Nervenschlacht entzauberte er Chelsea, hielt zwei Strafstöße und ließ Elfmeter-Hampelmann Jerzy Dudek im zweiten Jahr vergessen.

Reina lebte für den Traditionsklub, identifizierte sich mit dessen Werten, mit den Anhängern. Das huldigte die berühmteste Stehplatztribüne der Welt, The Kop. "Mit ihr im Rücken fühle ich mich sicher. Das ist ein Privileg. Es ist so, als ob der Gegner bergauf angreifen muss." Er faszinierte die Treuesten der Treuen mit südländischem Charisma, gefiel als Einpeitscher, als normaler Typ frei von Allüren. Frei von prätentiösem Gehabe.

Wenn andere Fußballer Party-Inseln unsicher machen, schart er spanische Kinder auf dem Platz um sich. Bodenständig, heimatverbunden. So überraschte es kaum, dass er vergangenen Sommer mit einer Rückkehr zu Barca liebäugelte. Mündlich sollen beide Parteien sogar Einigung erzielt haben. "Der Vollzug stand unmittelbar bevor", gestand Miguel Reina. "Leider wechselte Victor Valdes nicht." Liverpool war vom Theater not amused.

Brendan Rodgers verpflichtete Simon Mignolet und degradierte die Nummer eins. Ein Wagnis. Reina war Anführer auf dem Platz. Ein Rädelsführer in der Kabine. "Er soll mitunter die Shirts organisiert haben, mit denen Liverpools Stars mit Luis Suarez Solidarität zeigten, als die Rassismusvorwürfe von Patrice Evra untersucht wurden", erinnert sich Jamie Dunn von Goal UK.

Ein Torwart für Pep

Reina pochte darauf, um seinen Status zu kämpfen, schrieb er danach in einem überaus emotionalen Brief an die Fangemeinde. Das gewährte ihm der neue Trainer nicht, verschiffte ihn lieber nach Italien, "ohne mich zu fragen". So zerbrach die Liebesbeziehung zu den Reds. Beim SSC Neapel parierte die Leihgabe glänzend, überzeugte mit Führungsstärke. Eine langjährige Verpflichtung scheiterte jedoch an zu hohen Gehaltsansprüchen - rund 140.000 Euro pro Woche soll er gefordert haben. Nun schlug Bayern zu.

"Er wollte zu uns", betont Rummenigge, "obwohl er Angebote von anderen großen Klubs hatte." Der 31-Jährige ist bereit, sich hinten anzustellen. Das Gefühl kennt er. Mit Spanien staubte er 2010 den WM-Titel ab, 2008 und 2012 die Europameisterschaft. Als Reservist. Unantastbar war Iker Casillas. Manuel Neuer ist es ebenfalls. Reina wird nicht aufmucken, obwohl er gerne den Frontmann mimt, immerhin entlohnt ihn Bayern fürstlich. Er soll schlicht das Konkurrenzdenken schüren, hofft Guardiola, der ihn aus Barcelona kennt.

Der jüngste Zuwachs im spanischen Verbund (Javi Martinez, Thiago, Juan Bernat) scheint jedenfalls nach Peps Geschmack: Er beherrscht das moderne Torwartspiel, kann Bälle präzise verteilen. Im Wettstreit mit Tom Starke von Vorteil. Beide werden sich um spärliche Einsätze duellieren. Im Pokal. Vielleicht auch mal in der Bundesliga. Selten in der Königsklasse.

Ähnlich wie sein Vater konnte Pepe diese bislang nicht erobern. Damals, mit Liverpool, hatte er im Finale gegen den AC Milan das Nachsehen. Vielleicht erfüllt er sich bald den Traum. Dann würde selbst Miguel Reina mit dem FC Bayern endlich Frieden schließen.

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