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Manchester United: Mit Macher van Gaal zurück an die Spitze

Der englische Rekordmeister setzt auf die Führungsqualitäten des Niederländers, um eine der miesesten Spielzeiten Uniteds überhaupt vergessen zu machen.

Manchester. Er hat sich wieder einmal durchgesetzt, auch privat: Nur zwei Möglichkeiten habe es nach seinem schon vor der WM angekündigten Rücktritt als Bondscoach gegeben, so Louis van Gaal: "Es war eine Entscheidung zwischen Karriereende und einem englischen Klub. Meine Frau Truus wollte den Rücktritt. Jetzt ziehen wir nach England." Fraglich, ob im Kopf des "Tulpengenerals" je eine andere Variante existierte – spätestens seit dem Angebot Manchester Uniteds dürfte seine Wahl festgestanden haben.

Dort erwartet ihn eine Aufgabe, die ihm liegen dürfte: Nach der schlimmen Saison 2013/14, die United auf dem siebten Rang jenseits einer Qualifikation für europäischen Wettbewerbe beendete, ist ein echter Neuaufbau vonnöten, und man vertraut ganz auf den Mann, der mit seiner "konkreten Spielidee" bei den Bayern den Grundstein für den Triplesieg 2013 legte, wenn man der Meinung eines Philipp Lahm glauben darf, die dieser nach dem Triumph im Spiegel darlegte.

Ein Hauptgrund für die Verpflichtung van Gaals dürfte sein unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke und Fähigkeit sein. Es wird erwartet, dass er, neben den bekannten Markenzeichen wie der Integration junger Spieler, dem Team wieder das Selbstbewusstsein einimpft, das zuletzt vollkommen verschwunden zu sein schien. Dieselben Spieler, die in der letzten Spielzeit unter Ferguson noch die Meisterschaft feierten, eierten plötzlich verschüchtert über den Platz und kamen selbst daheim gegen vermeintlich kleine Teams kaum zum Zug.

AUFBRUCHSTIMMUNG

Wayne Rooney: "Er ist ein harter Coach, aber er ist großartig, seit er hier ankam. Er hat unsere Sicht auf Fußball verändert."

Darren Fletcher: "Van Gaal verlangt viel, aber die Spieler folgen ihm und genießen es, unter ihm und im neuen System zu spielen. Wir haben gestern Abend noch darüber gesprochen: Wir haben einen fantastischen Teamspirit."

David De Gea: "Er hat mich wirklich überrascht. Er ist ein fantastischer Trainer und vermittelt dem Team einen großartigen Charakter – wie man bereits sehen kann. Ich glaube, wir sind im Vergleich zu letzter Saison wie ausgewechselt."

Ashley Young: "Jeder will ein Teil der Zukunft sein. Die letzte Saison war eine Enttäuschung und zum Vergessen, doch jeder hat die neue Philosophie des Trainers verinnerlicht, und man sieht, das jeder den Ball haben will. Alle greifen gemeinsam an, verteidigen gemeinsam und präsentieren sich als Einheit."

Carlo Ancelotti: "Ich denke, Manchester hat mit van Gaal eine fantastische Wahl getroffen."

Die Aura des Louis van Gaal

Nach dem von Sir Alex persönlich mit verantworteten Fehlgriff in Person von David Moyes soll nun ein echter Platzhirsch das alte Gefühl der Stärke zurückbringen, Begriffe wie "Aura" und "Charisma" fielen rund um seine Verpflichtung auffallend häufig – Attribute, die Moyes abgingen, van Gaal aber im Überfluss für sich zu reklamieren weiß. Nicht zu Unrecht.

Alle Vorschusslorbeeren wären jedoch verdorrt, wenn der Niederländer nicht liefern würde. Und in der Vorbereitungsphase könnte es kaum besser laufen: Beim International Champions Cup in den USA agierte Manchester United im neuen 3-5-2-System stark und besiegte erst Real Madrid, dann Liverpool im Finale jeweils mit 3:1.

Besonders Rooney, der als Nachfolger von Vidic wohl die Kapitänsbinde übernehmen wird, stach hervor, erzielte sein fünftes Tor in der Vorbereitung und resümierte anschließend: "Es waren gute Wochen. Wir haben einen neuen Coach, der uns einen anderen Fußball spielen lässt. Darauf mussten wir uns einstellen. Wir haben einige gute Ergebnisse gegen starke Gegner erzielt, also können wir zufrieden sein", so der Angreifer und United-Star, dem das neue taktische Gefüge gefällt.

"Ich denke, das System passt zum Team, nicht nur zu mir. Der Coach hat sich die Spieler angeschaut, die er zur Verfügung hatte. Er hat umgesetzt, was er für am besten geeignet hielt." Mit dem 3-5-2-System hat van Gaal mit den Niederlanden bereits bei der WM für Furore gesorgt und mit "Oranje" das Halbfinale erreicht, mit einem Team, dem niemand viel zugetraut hatte.

Streben nach Höherem

Die Situation bei United ist sicher eine andere, wenn auch nicht auf ganzer Linie. Der frische Wind scheint die unter Moyes völlig verschütteten Fähigkeiten der Red Devils zutage zu fördern, auch Sorgenkinder wie Young und Kagawa spielen plötzlich befreit auf.

Auf der anderen Seite ist die Erwartungshaltung bei den Fans sicherlich nicht die geringste. Niemand würde in der Vorbereitungsphase die Meisterschaft als Mindestanforderung in den Raum stellen, doch eine weitere Spielzeit wie die vergangene wird man im Old Trafford kaum akzeptieren. Wer den Trainerfuchs aus Holland kennt, weiß jedoch, dass er ohnehin immer nach Höherem strebt.

Über 50 Millionen Euro wurden in den jungen und hochtalentierten Linksverteidiger Luke Shaw sowie in Ander Herrera, der das Mittelfeld spürbar belebt, investiert. Den derzeit nach am Knie verletzten Kevin Strootman hätte van Gaal gerne noch, doch inzwischen ließ er durchblicken, dass es nicht ganz so dringend sei mit weiteren Zugängen.

"Es ist noch ein Monat Zeit", teilte er in Ann Arbor nach dem Sieg gegen Real mit, "und wir gewinnen. Vielleicht brauchen wir keine weiteren Spieler." Strootman fällt mit seinem Kreuzbandriss ohnehin noch bis Oktober aus und wird alles andere als günstig sein. Sollte sich Bedarf abzeichnen, besteht im Winter noch immer die Möglichkeit, sich um den hoch veranlagten Roma-Spieler zu bemühen.

Vor der Saison fällt es sicher schwer zu prognostizieren, wohin van Gaal den Verein in absehbarer Zeit bringen kann, doch neben einem gewissen Reinigungseffekt hat Uniteds Albtraum-Saison auch zur Folge, dass man sich komplett auf die Premier League und die nationalen Pokalwettbewerbe konzentrieren kann.

Die Kampfansagen der Spieler, die anscheinend den Spaß am Spiel unter dem neuen Trainer wiederentdeckt haben, machen eines klar: Ein ganzer Verein will unbedingt die Scharte auswetzen, sich für die Schmach der letzten Spielzeit rehabilitieren und das zuletzt brachliegende Potenzial endlich wieder ausschöpfen. Es wäre daher ebenso vermessen, Manchester United nicht auf dem Zettel zu haben, wenn es auf der Insel um die Vergabe von Pokalen geht.

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