thumbnail Hallo,

Das verflixte zweite Jahr: Iscos Aussichten bei Real Madrid

Im ersten Jahr bei Real kam Isco kaum über den Status des Ergänzungsspielers hinaus. Die Konkurrenz ist nicht kleiner geworden, doch es spricht auch vieles gegen einen Wechsel.

Madrid. Jeder Sommer bringt seine Helden hevor - zumindest im Fußball. Im Madrider Stadtteil Chamartin kennt man diese Gesetzmäßigkeit nur allzu gut. Dort hat man beobachtet, wie Toni Kroos Deutschland zum WM-Titel navigierte, Wunderkind James Rodriguez in Brasilien eines der schönsten Tore erzielte und Keeper Keylor Navas Costa Rica fast im Alleingang ins Viertelfinale des Turniers parierte. Alle drei WM-Helden wurden jüngst von Real Madrid unter Vertrag genommen.

Auch Francisco Alcaron Suarez, genannt Isco, kennt das alljährliche Sommerprozedere. Vor einem Jahr war der Mittelfeldspieler neben Gareth Bale selbst der Protagonist im Wechsel-Theater. Da hatte er mit der spanischen U20 gerade die Weltmeisterschaft in Israel gewonnen, gehörte gemeinsam mit Thiago Alcantara zu den Führungsfiguren der jungen Seleccion. Mit dem FC Malaga hatte er unter Trainer Pellegrini zuvor die heimische Liga überrascht und das Viertelfinale der Champions League erreicht, wo erst gegen den späteren Finalisten Borussia Dortmund Schluss war.

Madrid zahlte 30 Millionen Euro für einen der besten spanischen Nachwuchsspieler, der auch prompt die Hoffnungen weckte, den abgewanderten Mesut Özil zu ersetzen. Iscos Einstand hätte damals kaum besser geraten können: Mit vier Toren und einem Assist aus den ersten fünf Partien feierte der Andalusier damals den besten Start, den je ein Zehner bei Real hingelegt hatte. Nach acht Toren in der Hinrunde kam Iscos Höhenflug aber jäh zum Ende. Hauptgrund dafür war die Systemfrage unter dem neuen Trainer Carlo Ancelotti.

2013/14: Isco und die Systemfrage

Ancelotti suchte bis weit in die Saison hinein nach seiner idealen Aufstellung im Mittelfeld und variierte dabei immer wieder und je nach Personallage zwischen einem anfangs praktiziertem 4-4-2, einem 4-2-3-1 und einem 4-3-3. Der Italiener experimentierte lange, um eine Aufstellung zu finden, die dem "BBC"-Sturm aus Neuzugang Bale, Benzema und Cristiano Ronaldo den Rücken frei halten konnte. "Gleichgewichtssuche" nannte Ancelotti dieses zähe Forschen nach der perfekten Konstellation.

Nach der Verletzung von Sami Khedira setzte Reals Trainer nur kurz auf ein 4-2-3-1 mit Isco hinter der Spitze, ehe er sich im Januar auf ein 4-3-3 mit Angel Di Maria neben Modric und Alonso festlegte, das für die nötige defensive Stabilität sorgte. "Dieses System kommt Isco natürlich nicht entgegen", erkannte Ancelotti schon damals, der in dem jungen Spanier vor allem eine "falsche Neun" oder verkappte Spitze sieht, aber keinen Mann, der vor der Abwehr die Reihen schließt.

Als strikt offensiver Mittelfeldspieler blieb für Isco schlicht und einfach kein Platz. Und anders als Modric, Alonso oder auch der umgeschulte Di Maria war er sich für eine rein defensive Interpretation seiner Mittelfeldrolle zu schade, wenn er in den Dreier-Riegel vor der Abwehr berufen wurde. "Ronaldo und Bale verteidigen kaum, deswegen bleibt diese Arbeit den Mittelfeldspielern und Isco kannte das aus Malaga überhaupt nicht", sagt Goals Real-Korrespondent Alberto Pinero.

Ancelotti und der Springer Isco

Als vergeudete Zeit kann Iscos erstes Jahr bei den Königlichen aber kaum bezeichnet werden. Gegen Ende der Saison setzte Ancelotti immer öfter wieder auf ihn. Im Finale der Copa del Rey spielte er eine wichtige Rolle und im Champions-League-Endspiel ersetzte er nach einer Stunde den erschöpften Sami Khedira ordentlich. In dieser Phase der Saison entdeckte und schätzte Ancelotti Isco angesichts des Pensums an Spielen als idealen Ergänzungsspieler. "Er gehört wohl nicht zur idealen Elf, die Ancelotti und der Anhang sich ausmalen. Aber letztes Jahr war das auch der Fall, am Ende hat er wettbewerbübergreifend aber die meisten Partien bestritten", gibt Pinero zu bedenken.

Allerdings ist die Konkurrenz für die neue Saison durch die Ankunft von Toni Kroos und vor allem James Rodriguez nicht kleiner geworden. Robert Jarni, Teil von Kroatiens goldener Generation in den Neunzigern und damals für die Königlichen aktiv, wunderte sich über den Transfer des Kolumbianers: "Es hat mich überrascht, dass sie James verpflichtet haben, obwohl sie bereits Isco im Kader haben. Er ist jung, kann Tore schießen und ist durch seinen Einsatz wie ein zwölfter Spieler", erklärte der Kroate gegenüber Goal.

Beide Spieler seien sich von der Anlage her sehr ähnlich: "Mit Isco und James hat Real Madrid zwei herausragende offensive Mittelfeldspieler. Es wird interessant sein zu sehen, wie die beiden gemeinsam funktionieren", meint Jarni. Zuallererst sind beide aber Konkurrenten um einen vakanten Platz im Mittelfeld - und James dürfte als millionenschwerer Neueinkauf erstmal im Vorteil sein. Setzt Real weiter auf ein 4-3-3, dürfte James bessere Aussichten auf einen Platz vor der Abwehr haben. Ähnliches gilt wohl auch bei einem 4-2-3-1, in dem der Kolumbianer nach seiner starken WM wohl Anwärter Nummer eins auf den Platz hinter der einzigen Spitze wäre.

Isco als Ersatz-Neuner für Morata?

Kein Wunder, dass angesichts der personellen Dichte im Mittelfeld das Interesse an Isco groß ist. Zuletzt galt der FC Liverpool als handfester Kandidat auf den Spanier, der beim ICC-Turnier in den USA inmitten der durchwachsenen Saisonvorbereitung Reals gute Eindrücke mit technischen Kabinettsstücken hinterließ. Dennoch spricht auch manches dagegen, dass Real angesichts einer langen Saison mit zahlreichen Wettbewerben auf seinen "Back-Up" Isco verzichten wird.

Sollte Angel Di Maria, wie schon seit Wochen spekuliert wird, Madrid in Richtung Paris verlassen, hätte sich die Ausgangslage für den 22-Jährigen kaum verändert. Für Pinero bietet aber vor allem der Abgang von Nachwuchs-Stürmer Alvaro Morata Isco eine Chance, weil im Sturm ein Platz hinter Karim Benzema freigeworden ist. "Der Klub hat Morata an Juventus Turin verkauft und keinen Ersatz geholt. Ancelotti sieht ihn ohnehin mehr als Stürmer. Er wird auch dieses Jahr seine Minuten und Spiele kriegen", ist sich Pinero sicher. Und diesmal vielleicht viel näher an der gegnerischen Abwehr als der eigenen.

Dazugehörig