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Der Spanier, der bei Liverpool lange als einer der besten Stürmer der Welt galt, ist in London zu einer anonymen Figur geworden. Dies hat mit mehreren Faktoren zu tun.

London. Es ist in England inzwischen ein Running Gag: Immer wenn Fernando Torres mal trifft, heißt es: "Ist nun der wahre Torres zurück?" - einst ernsthaft in den Raum gestellt, nun nur mehr ein müder Scherz. Der Stürmer, für den der FC Chelsea den Rekordbetrag von 58,5 Millionen Euro überwies, erreichte die Form, die er einst beim FC Liverpool hatte, nie wieder.

Das war im Januar 2011, und seither schaffte er nicht ein einziges Mal mehr eine zweistellige Ausbeute in der Premier League, brachte es auf insgesamt 20 Tore in 110 Ligaspielen für die Blues. Torres konnte 2012/13 immerhin in der Europa League auftrumpfen, die Chelsea auch durch seine sechs Treffer in dem Jahr gewann; die letzte Saison schloss er mit dem Tiefstwert von fünf Ligatoren ab.

Doch woran liegt es, dass Fernando Torres der Killerinstinkt der früheren Jahre abhanden kam, der ihn zu dem gefürchteten Torjäger machte? Es ist nicht ein einziger Faktor, der diese Abwärtsentwicklung bedingt – vielmehr eine Kombination aus Verletzungen, schlechtem Timing und daraus resultierendem Verlust an Selbstbewusstsein.

Mou: Alle Augen auf Torres

Dies sieht Jose Mourinho offensichtlich ähnlich: "Vielleicht ist es mit seinem Selbstvertrauen als Torschütze nicht zum Besten bestellt", äußerte der Portugiese vor wenigen Tagen. "Alle Augen ruhen auf ihm, und wenn er einmal das Tor nicht trifft, erinnert sich jeder daran." Doch seine Arbeit für das Team sei unerlässlich und wichtig, er wolle Torres nicht verkaufen, so der Coach.

Einen dieser bitteren Momente, von denen  Mourinho sprach, erlebte er just in einem Testspiel, dessen Video um die Welt ging – es mag ihn an den 18. November 2011, ein Spiel gegen ManUnited, erinnert haben, als er beim Stande von 0:3 im Old Trafford stark zum 1:3 traf, Minuten später jedoch eine der größten Chancen überhaupt zum Anschluss vergeigte. Die Partie ging verloren, im nächsten Spiel flog der Spanier vom Platz und musste dreimal zuschauen. "Ist nun der wahre Torres zurück?" Wieder nicht.

Nicht erst bei Chelsea, bereits in seiner letzten Saison an der Anfield Road gab es jedoch Anzeichen, dass die Torres seinen Zenit bereits früh überschritten haben könnte. Die immer wiederkehrenden Knieprobleme zwangen ihn zu regelmäßigen Pausen, sein Tempo war nicht mehr dasselbe. Auch wenn Torres noch einmal neun Treffer in seiner letzten Halbserie für die Reds gelangen, waren die meisten davon gegen Teams aus der unteren Tabellenhälfte. Im Nationalteam war er seit 2010 nicht mehr zwingend gesetzt, war bei der WM nicht immer erste Wahl, ein Prozess, der sich fortsetzen sollte.

Ein Missverständnis

Seine Zeit bei Chelsea geriet danach zum ausführlich dokumentiertem Missverständnis: Der Spanier war selten der Stürmer, den Chelsea glaubte, gekauft zu haben. Mit 30 Jahren ist der Nationalspieler nun eigentlich im besten Fußballeralter, doch die biologische Uhr tickt nun einmal bei jedem in unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Die physischen Attribute, die Torres' Stürmerspiel einst auszeichneten und denen Philipp Lahm bei der EM 2008 im Finale nichts entgegenzusetzen hatte, sind nicht mehr dieselben. Den Torres, der damals mit einem Sprint dem damaligen deutschen Linksverteidiger davonzog, um das hoch verdiente Siegtor für Spanien zu erzielen, gibt es nicht mehr.

Seine aktuelle Lage beim FC Chelsea ist daher in sportlicher Hinsicht nicht gerade rosig: Mit Diego Costa und Rückkehrer Drogba sind zwei Stürmer gekommen, die vor dem Spanier stehen sollten. Torres hat bei den Blues noch einen Vertrag bis 2016 und kassiert ein stattliches Gehalt, was einen Wechsel kompliziert gestaltet, auch wenn seine Zeit in London an sich abgelaufen scheint.

Dritter Frühling unwahrscheinlich

Mourinho äußerte sich zuletzt mehrfach positiv und pries seinen Wert für das Team, aber an eine Wiederauferstehnung des einstigen Torjägers glaubt auch "The Special One" vermutlich eher weniger, er, der sich in der vergangenen Saison immer wieder aufregte, er habe "keine Stürmer" – nun hat er zwei geholt, hinter denen Torres vermutlich die dritte Geige spielen wird.

Gerüchte aus Italien über ein Angebot vom VfL Wolfsburg muten eher unwahrscheinlich an: Auch wenn der VW-Klub einen Stürmer sicher brauchen könnte, kann man sich kaum vorstellen, dass man beim Werksklub dieses finanzielle Risiko bei einem Spieler eingehen würde, der seit Jahren auf dem absteigenden Ast ist.

So bleibt abzuwarten, wie sich der Karriereherbst des schweigsamen Stürmers, der selten Interviews gibt, fortsetzen wird. Sitzt er seinen hochdotierten Kontrakt an der Stamford Bridge aus, geht es noch einmal zum Heimatverein Atletico, von dem gerade Diego Costa den Weg nach London nahm? Mit Mario Mandzukic ist als Ersatz auch dort ein Weltklassestürmer geholt worden, von dessen Niveau ein Torres meilenweit entfernt ist. Es sieht nach einem stillen Abgang von "El Nino" aus.

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