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FC Bayern München: Holger Badstuber 2.0

Das Schicksal traf ihn knüppelhart – aufgesteckt hat er trotzdem niemals. Von der Leidenszeit geprägt, hofft Badstuber nun durchzustarten. Reife und Spielstil sprechen für ihn.

München. Die Mähne hat sich Holger Badstuber unlängst abrasiert. Er mutet so präsenter, noch fokussierter an, bis in die kurzen Haarspitzen motiviert. Während der kräfteraubenden Rehabilitation legte er sich nicht nur einen anderen Look zu. Mitunter brachte er seinen Körper auf Vordermann. Er ist fitter denn je, das Gesicht kantiger. Die vergangenen zwei Jahre zeichneten ihn. Sie ließen ihn erwachsen werden.

"Ich bin nicht mehr der Alte", gesteht der Verteidiger, "sehe das Leben und den Hype um den Fußball mit anderen Augen. Ich bin vom Kopf her stärker." Vorüber der schier unendliche Alptraum. Die 19-monatige Nervenschlacht, die emotionalen Tiefpunkte. Badstuber ist zurück im Kader des FC Bayern.

In Hamburg feierte er auf der deutschen Fußball-Bühne sein medienwirksames Comeback. Gegen Borussia Mönchengladbach stand er die komplette Spielzeit (beim Telekom Cup 60 Minuten) auf dem Platz. Im Finale gegen den VfL Wolfsburg quittierte er nach 34 Minuten seinen Dienst. Es stand 3:0, alles war entschieden – und der Neuanfang geglückt.

Badstuber organisierte in Abwesenheit der etatmäßigen Strategen. Wenngleich selten gefordert, hielt er die Defensive zusammen, leistete sich kaum Unsicherheiten. Matthias Sammer beeindruckte er "extrem". Der vorsichtige Sportvorstand bestärkte, stellvertretend für den ganzen Klub, seinen Pechvogel stets. "Ich hätte mich selbst geohrfeigt, wenn ich nach der Rückendeckung gesagt hätte: Ich gebe jetzt auf."

Triumph in der Reha-Klinik

BADSTUBER "GENIESSE JEDEN TAG"
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Am 1. Dezember 2012 riss er sich das Kreuzband, drei Monate später wurde Narbengewebe entfernt. Zuvor verlängerten die Münchner mit ihm bis 2017. Ein Vertrauensbeweis. Ende April war schließlich der ersehnte Moment gekommen: Badstuber absolvierte ein erstes Lauftraining. Wenig später sollte er voll mitwirken dürfen. Inmitten der Triple-Wochen ereignete sich die Tragödie. Das störrische Knie streikte. Wieder das Kreuzband. Wieder Operation. Wieder ein halbes Jahr ohne Fußball.

Vielerorts spekulierte man über verheerende Konsequenzen, das Karriereende stand plötzlich im Raum. Er hegte keinerlei Gedanken daran, entfloh der Öffentlichkeit, dem Mitleid, wurde in den USA behandelt. Weit fern der Heimat. Fern der Euphorie. Während seine Kollegen die Chance ihres Lebens nutzten, kämpfte er in der Anonymität um das Leben als Profi. Vor der Mattscheibe sah er die Mannschaft im Champions-League-Finale ihre Sternstunde zelebrieren – in den Händen das Trikot mit der 28.

"Fast wichtiger als diese Geste", gestand Badstuber 11 Freunde danach, "war, dass sie während der ganzen Zeit ständig auf mich zugekommen ist." Das half ihm, manch "Scheißtag" zu überstehen. Er saugte diese positive Stimmung auf, konnte den Erfolg zumindest etwas auskosten. Man gab ihm das Gefühl, ein Teil zu sein, in den Planungen eine zentrale Rolle einzunehmen.

"Endlich ein Teil der Mannschaft"

Im Sommer, als Pep Guardiola übernahm, reiste er mit an den Gardasee. Als Zaungast verschaffte er sich ein Bild, schuftete in der Kraftkammer. Fortan herrschte zwischen ihm und dem Taktiker reger Austausch. Sie sprachen über den Heilungsverlauf, philosophierten über Fußball allgemein, dessen Ideal im Speziellen. Bis Badstuber erstmals im Mai zart gegen den Ball trat.

"Seitdem bin ich noch heißer. Endlich bin ich wieder ein richtiger Teil der Mannschaft." Jede Minute genießt er. Besonders jene 58 in Memmingen, seinem Geburtsort. Sie waren Balsam für die geschundene Seele. Lohn für die Strapazen der 593 Tage zuvor. Für den zentralen Mann einer Dreierkette pure Glücksgefühle. Zumal er gar die Kapitänsbinde trug.

Einfach dankbar sei er, heilfroh, dass er keine Hemmungen habe. Um das zu verkörpern, was ihn zum festen Bestandteil der bayrischen Abwehr und der Nationalelf machte, benötigt er indes Zeit. "Die Fehler, die mir passiert sind, passieren mir bald nicht mehr. Jede Partie, jede Einheit bringt mir Sicherheit." Ihm fehle es an Power, an Ausdauer, der Zweikampfhärte, der Ruhe am Ball. Charakteristika, über die er verfügt, die für Guardiola von essentieller Bedeutung sind.

Gute Aussichten im Team

Badstuber ist keiner, der schlicht auf Sicherheit spielt. Mit flachen, präzisen Pässen durch das Mittelfeld reißt er Lücken, bedient die offensiven Freigeister zwischen den Linien. Eine Facette, die das Tiki-Taka gegen dicht gestaffelte Kontrahenten bereichern, wodurch es unberechenbarer werden könnte. Genau damit schindete er offenbar mächtig Eindruck. In einem von FCB.tv eingefangenen vertrauensvollen Gespräch mit Co-Trainer Hermann Gerland adelte Guardiola seinen Schützling.

"Hermann, Hermann. Wir haben zwei überragende Spieler, Innenverteidiger, in der letzten Saison gehabt. Aber Badstuber ist besser! Er ist der beste Spieler, den ich je hatte", war von seinen Lippen zu lesen. Nicht zuletzt deshalb sah die Chefetage des Rekordmeisters davon ab, einen Ersatz für Daniel van Buyten zu engagieren. Sie zählt auf den "neuen Badstuber", wie er sich bezeichnet.

Nachdem er durch den Tod seines Vaters schon früh die jugendliche Unbekümmertheit verlor, legte er sie auch im Beruf ab. Seine Leiden haben ihn gezeichnet. "Für mich", so der Defensivakteur, der sowohl in der Mitte wie links auflaufen kann, "beginnt ein neuer Abschnitt, was Tolles, worauf ich mich freue." Die zweite Karriere. Mit abrasierten Haaren, durchtrainiertem Körper, kantigerem Gesicht.

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