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Durchbruch oder graue Maus - 1899 Hoffenheim vor wegweisender Saison?

Zwei Hochkaräter wurden gehalten, der Kader weiter verstärkt - und der Trainer hat eine klare Spielidee. Von Europa will man bei 1899 trotzdem (noch) nicht reden.

Sinsheim. Überraschte Gesichter folgten auf jene Verkündung Ende März diesen Jahres. „Mir gefällt der vom Verein eingeschlagene Weg“, erklärte Roberto Firmino die vorzeitige Verlängerung seines Vertrages bei der TSG Hoffenheim bis 2017. Ein unerwartetes Bekenntnis, da etliche Topklubs aus In- und Ausland (unter anderem Dortmund, Schalke, Liverpool, Arsenal, Inter Mailand, AC Mailand, Juventus) Interesse an einer Verpflichtung des Brasilianers hatten - und dem Vernehmen nach weiterhin haben.

Doch Firmino hält vorerst der TSG die Treue. Ebenso wie Kevin Volland, der bereits im Sommer 2013 seinen Kontrakt vorzeitig verlängert hatte. „Ich kann alle beruhigen, sie bleiben definitiv hier“, echauffierte sich Trainer Markus Gisdol unmittelbar nach Ende der vergangenen Spielzeit über die nicht enden wollenden Wechselgerüchte um die beiden Kraichgau-Stars.

Forsche Töne? Fehlanzeige!

Dass man für deren Verbleib in Hoffenheim einen hohen finanziellen Aufwand betreiben musste, steht angesichts ihrer Begehrtheit auf dem Transfermarkt außer Frage. Bringt man sich bei 1899 damit nun selbst unter Zugzwang, mit Nachdruck den erstmaligen Sprung ins internationale Geschäft anzupeilen? Zumal Geldgeber Dietmar Hopp seit Jahren Minusgeschäfte auffangen muss und ungeduldig werden könnte. Manager Alexander Rosen verzichtete vor einigen Wochen im Kicker auf anspruchsvolle Vorgaben: „Allein mit der Formulierung eines forschen Ziels sind wir noch keinen Schritt weiter“, gab Rosen zu bedenken. Mit der gleichen Demut blickte Freistoßkünstler Sejad Salihovic bei Bild voraus: „Es war in den letzten Jahren falsch über Ziele wie Euro- oder Champions League zu sprechen. Deshalb: Schau’n wir mal.“

Hinsichtlich sportlicher Konkurrenzfähigkeit sind Ambitionen dagegen offenkundig. Vor allem dank besagtem Durchhaltevermögen in den Verhandlungen mit Firmino und Volland.  Denn die beiden Offensiv-Wirbler sind absolute Schlüsselfiguren für den Stil von Fußball, den Gisdol seinem Team seit Amtsantritt vor gut einem Jahr einimpft. „Wir wollen am liebsten auch immer den Ball haben, aber vor allem wollen wir ihn so schnell wie möglich zurück haben, wenn wir ihn verlieren“, erklärte der Coach vor einigen Monaten im Interview mit Spiegel Online.

Prädestiniert, geradezu Paradebeispiel für die Umsetzung derlei Devisen: Firmino und Volland. Risikofreudig und erfolgreich in der Offensive, aber ebenso geistesgegenwärtig im Gegenpressing nach Ballverlusten. Beleg: Der Brasilianer war 2013/14 mit 16 Toren und elf Assists nicht nur Topscorer von 1899, sondern bestritt gleichzeitig die mit Abstand meisten Zweikämpfe im Kader (850) – gefolgt von Volland (685 Zweikämpfe geführt, dazu elf Tore und vier Assists), ehe eine Lücke klafft. Derlei Zahlen sind Ausdruck der Gier, bereits das initiale Offensivdenken des Gegners nach Ballbesitzwechsel in einen eigenen Vorteil umzuwandeln. So wie Gisdol es fordert: „Der Moment, in dem der Gegner den Ball gewinnt; In diesem Augenblick ist die eigene Chance auf eine Tormöglichkeit am größten. Denn wenn du jetzt den Ball zurückgewinnst, ist der Gegner entblößt“, ist der 44-Jährige überzeugt und ergänzt: „Wenn ein Spieler nach einem Ballverlust stehen bleibt und nicht direkt umschaltet, dann gibt es Ärger.“

Es wächst etwas zusammen

Klar ist: alleine mit zwei Superstars lässt sich eine auf das Gesamtkonstrukt angelegte System-Entwicklung nicht fortführen. So ist es der Funktionalität der Gisdol’schen Philosophie zuträglich, das Personal aus dem Vorjahr beinahe komplett beieinander gehalten zu haben. Die Kontraktverlängerungen von Volland und Firmino erwiesen sich dabei als Bestärkung für weitere Spieler, externen Offerten zu widerstehen. „Das ist auch für mich ein Zeichen, dass ich nächstes Jahr hier Fußball spielen will“, sagte etwa Salihovic, der im Winter nach eigener Aussage ein gutes Angebot aus Katar vorliegen hatte, kürzlich dem Kicker.

Überdies wurden punktuell, gleichermaßen für die Breite wie auch potenziell für die Spitze namhafte Verstärkungen an Land gezogen. Insgesamt gut 16 Millionen Euro hat man investiert – ein weiterer Fingerzeig in Richtung der Konkurrenz um die europäischen Fleischtöpfe?

Welche Rolle spielt Schwegler?

Der einzige Abgang, der schmerzt ist Fabian Johnson, letzte Saison eine feste Größe auf der rechten oder linken Defensivseite. Bleibt abzuwarten, ob - ganz gleich auf welcher Seite - Neuzugang Jin-Su Kim oder Eigengewächs Jeremy Toljan in die Bresche springen, für die Variante links hinten ist auch Salihovic eine Option. Insbesondere da jener in der Mittelfeldzentrale nach der Verpflichtung von Pirmin Schwegler nicht mehr zwingend benötigt wird. Neben dem Schweizer, der für knapp zwei Millionen Euro von Eintracht Frankfurt kam, stehen mit Sebastian Rudy, Eugen Polanski und Tobias Strobl drei weitere etablierte „Sechser“ zur Verfügung.

Allerdings könnte Schwegler, wie in den bisherigen Testspielen bereits teilweise gesehen, auch etwas offensiver agieren, als Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive eine Art verkappte Sechs auf der Achterposition verkörpern. Taktische Intelligenz des Schweizers spräche dafür, ihn als Mit-Organisator des Gegenpressings in vorderster Linie einzusetzen. Und Schweglers Pass- und Ballsicherheit könnten sich für die von Gisdol intendierten Zuspiele in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehrkette als gewinnbringend erweisen. Die Beweggründe des Ex-Frankfurters für den Wechsel nach Hoffenheim: „Die Mannschaft entwickelt sich – und der Coach gibt einen klaren Weg vor. Das spricht mich an.“

Entwicklung scheint dieser Tage bei 1899 ein Zauberwort zu sein. Dazu gehört auch, endlich Kontinuität auf der Torwartposition einkehren zu lassen. Angesichts der Flut an Gegentreffern aus der Vorsaison (70, die zweitmeisten ligaweit) höchste Zeit. Mit Oliver Baumann (für sieben Millionen Euro vom SC Freiburg verpflichtet) kommt ein zwar noch junger, aber dennoch bereits gestandener Bundesliga-Keeper, der sich ebenfalls von der neuen Nachhaltigkeit im Kraichgau überzeugen ließ. „Seit einem Jahr gibt es hier eine Struktur“, betont er.

Baustelle Innenverteidigung

Während im Kasten der Wunsch nach Konstanz erfüllt werden könnte, bleiben unmittelbar davor viele Fragezeichen. Die zwei Innenverteidigerpositionen erfreuten sich zuletzt übermäßiger Fluktuation. Jannik Vestergaard, David Abraham, Niklas Süle oder auch Tobias Strobl. Vier Kandidaten, kein eingespieltes Pärchen.

Ermin Bicakcic (Ablöse: 400.00 Euro) wurde nun als weitere Alternative an Land gezogen. Der Bosnier hat in Braunschweig seine Bundesligatauglichkeit nachgewiesen, glänzt mit Robustheit. Für die bisherigen Testspiele stand der WM-Teilnehmer noch nicht zur Verfügung, jüngst gegen den Schweizer Drittligisten FC Tuggen (4:0) verteidigten Abraham und Vestergaard in der ersten Hälfte zentral. Gisdols unbefriedigendes Urteil zur Pause: „Unsere Innenverteidiger haben kein gutes Spiel gemacht.“ Eine Baustelle, die bis zum Saisonstart behoben sein sollte.

Erfreulicher verlief Adam Szalais Auftritt gegen Tuggen inklusive Torerfolg. Der Ungar kam für sechs Millionen Euro vom FC Schalke, verkörpert Torgefahr, ist ein ähnlicher Spielertyp wie Anthony Modeste. Da der Franzose in der Vorsaison zwar immerhin zwölfmal traf, aber zu inkonstant agierte, macht die Verpflichtung Szalais Sinn. So hat man, mit Sven Schipplock im Hinterkopf, drei Stoßstürmer zur Verfügung, die sowohl Strafraum-Qualitäten haben als auch im Kombinationsspiel eingebunden sein wollen. Und gleichzeitig schnell genug sind, um für Steilpässe in die Zwischenräume der Abwehr eine verwertende Waffe zu sein. Gisdols Handlungsmöglichkeiten werden damit variantenreicher.

"Haben die Augen immer offen"

Der Kader für die kommende Saison steht wohl weitgehend fest, umfasst insgesamt 29 Spieler. Manager Alexander Rosen sagte kurz vor Vorbereitungsstart im Kicker zu möglichen weiteren Transferaktivitäten: „Wir haben die Augen immer offen, werden den Weg wirtschaftlich vernünftigen Handelns dabei aber nicht verlassen.“

Große Töne sind aus dem Kraichgau also nicht zu vernehmen. Dafür schüren die Taten eine Euphorie im Umfeld, auch weil mit Firmino und Volland zwei Aushängeschilder eine ausreichend gute Perspektive im Verein sehen. Man kommt nicht umhin, auf diese beiden als Zünglein an der Waage zu setzen. Nicht nur aufgrund ihrer Tore und Vorlagen, sondern weil sie das Konzept des Trainers verinnerlichen. Beide sind jung, beide noch entwicklungsfähig – aber beide bußen im gleichen Atemzug nicht an Attraktivität für Vereine höherer Kategorien ein. Der internationale Wettbewerb würde ihnen eine längere Zukunft in Hoffenheim sicherlich schmackhafter machen. Damit steht die TSG vor einer möglicherweise richtungsweisenden Saison: Durchbruch zur attraktiven, identitäts- und erfolgreichen Adresse oder nachhaltiges, aber graues Dasein im Mittelmaß?

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