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Xherdan Shaqiri: Von der Ungeduld getrieben

Ihm wurde das Barca-Gen attestiert, eine glorreiche Zukunft prognostiziert: Unter Guardiola stagnierte der Höhenflug. Zuletzt muckte Shaq auf - dabei besteht Hoffnung.

München. Er trickste, passte, er schoss und jubelte. Gleich drei Mal versenkte Xherdan Shaqiri den Ball unwiderstehlich im Netz. Er übernahm das Kommando. Er trug die Schweiz, war Anker, Impulsgeber, führte sie mit beeindruckender Leichtigkeit ins WM-Achtelfinale. Ein Nachmittag für die Ewigkeit. Ein Nachmittag der persönlichen Befreiung.

Freudestrahlend herzte er danach jeden, der sich ihm in den Weg drängte. Er klaute sich kurzerhand ein Spielgerät, als Souvenir für diese Sternstunde, und staubte die Ehrung zum Man of the Match ab. Erstmals, in den Tagen zuvor, hatte sich in der Heimat Widerstand erhoben. Dort, wo sie ihn bedingungslos verehrten. Als launige Diva war er nach der französischen 5:2-Lektion verschrien. Und er antwortete beim 3:0 gegen Honduras. Mit einem unüberhörbaren Gruß. An die Nörgler, gen München.

Shaqiri trachtet danach, den Unterschied auszumachen. Beim FC Bayern darf er das allzu selten. "Klar ist, dass ich so nicht weitermachen will", sagte er vor der WM. Nur zehn Mal stand er vergangene Saison in der Startelf. Den eigenen Ansprüchen genügte er bei weitem nicht. Obwohl Pep Guardiola, so hieß es, seine Karriere beschleunigen könnte. "Xherdan", schwärmte Ottmar Hitzfeld im Januar 2013 gegenüber Blick.ch, "hat das Barcelona-Gen in sich. Er passt in das System von Guardiola. Der steht auf junge, technisch stark, wendige Spieler." Shaqiri, 1,69 Meter klein, vereint all diese Attribute.

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Belächelt und respektiert

Den Ball eng am Schlappen führend, strotzt der "Kraftwürfel" vor Dynamik, vor Power. So hinterließ er im Premieren-Jahr in Deutschland bleibenden Eindruck. 39 Einsätze, zumeist als brandgefährlicher Joker, manchmal über die komplette Distanz -  er dribbelte sich in ein Team, das unaufhaltsam durch die Liga, ja sogar die Champions League pflügte, verdiente sich den Status als wertvoller zwölfter Mann.

"Am Anfang hatten die anderen nicht so viel Respekt vor mir. Okay, das ist halt der kleine Schweizer, so kam es rüber. Aber nachher ist das anders geworden", offenbarte er einst. Der gebürtige Kosovare, eigenen Angaben zufolge von "halb Europa gejagt", entfloh dem fußballerischen Provinzialismus scheinbar mühelos.

Aus der Schweizer Super League, vom FC Basel, gekommen avancierte er bei der Weltmarke FCB zur Waffe. Er zauberte im bayerischen Ensemble, machte Spaß. Auf und neben dem Platz. Bald fand er in der neuen sportlichen Heimat Freunde. Einer von ihnen: Franck Ribery. "Ich bin wie ein großer Bruder für ihn", so der Franzose. "Ich rede viel mit ihm. Ich habe viele Spieler gekannt, die arrogant waren zu den jüngeren. Ich bin nicht so."

Das Vertrauen fehlt

Gemeinsam leben sie ihre Flausen aus, bewerfen sich in der Kabine schon mal mit nass geschwitzten Socken, genießen den Profi-Alltag. Ribery unterstützt den 22-Jährigen. Er ist überzeugt von ihm, von dessen Vorzügen, ähneln sie einander doch gewaltig. Intuitiv agiert Shaqiri in brenzligen Situationen richtig, wie Ribery behält er stets die Ruhe, antizipiert des Gegners Reaktion, um sich den entscheidenden Vorteil zu verschaffen.

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"Er ist ein Riesenfußballer, ein Straßenfußballer, der alles besitzt", adelte ihn Jupp Heynckes. Shaqiri sollte unter Guardiola explodieren, vom Juwel empor zum Superstar steigen, zur Stammkraft. Es kam anders. Der spanische Taktiker feilte am System, an der Abstimmung, speziell im Mittelfeld. Er probierte verschiedenste Formationen, verschob seine Stars nach Belieben. Lediglich Shaq fand kaum Beachtung. Drei Muskelverletzungen taten ihr Übriges.

"Ich habe von Heynckes mehr Vertrauen gespürt", monierte er im Juni, "vielleicht, weil Guardiola weniger mit uns spricht". Neuerlich trug er die Unzufriedenheit nach außen. Bereits im Frühjahr klagte sein unruhiges Umfeld, allen voran Bruder sowie Berater Erdin, forderte mehr Einsätze. Zuletzt heizte Shaqiri selbst die Gerüchteküche an. In italienischen Medien brachte er sich bei Juventus und Liverpool ins Gespräch. Wenige Stunden später, als die Zitate München erreichten, mimte er kleinlaut das Unschuldslamm.

"Ich lebe in der Gegenwart"

Er sei im Urlaub, bis Montag, beschäftige sich "weder mit anderen Vereinen, noch spreche er mit irgendwelchen Journalisten". Und ohnehin laufe sein Vertrag bis 2016. Ob ihm Bayern einen Maulkorb verpasste? Mehrmals bekräftige der Klub, nicht über eine Trennung nachzudenken. Sportvorstand Matthias Sammer erklärte im Vorfeld der Endrunde, der Mittelfeldmann sei ein "wichtiger Teil der Zukunft". Dieser erwiderte trotzig via Twitter: "Ich lebe in der Gegenwart - nicht in der Zukunft."

Eine Replik, die nicht nur Sammer missfiel. Für gewöhnlich legt Guardiola viel Wert auf Loyalität, auf Ruhe im Umfeld. Störenfriede, die öffentlichkeitswirksam ihre Ansichten zur Schau stellen, haben beschränkte Halbwertszeit. Dabei weiß er genau, was er an Shaqiri hat. Er schätzt ihn, als Joker, als nimmermüden Kämpfer. "In Strafraumnähe ist er torgefährlich, weil er schnell ist und gut schießt. Bei Bayern kommt er zwar oft als Ersatz, macht dann aber seine Sache immer gut."

Shaqiri hat genug vom Reservisten-Dasein. Er will mehr. Die Konkurrenz ist exorbitant. Angesichts der WM-Strapazen einiger Stars und der Rückenprobleme Riberys stehen die Chancen jedoch gut, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Zunächst gilt es, sich auf das Wesentlich zu konzentrieren. Das, was er am besten kann. Tricksen, passen, schießen - und vielleicht bald wieder jubeln. Wie bei der WM-Gala gegen Honduras.

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