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Thiago, Alaba und Co.: Wer ist reif für das Kroos-Erbe?

Kroos hinterlässt in München eine überdimensionale Lücke: Wer vermag sie zu schließen? Goal kennt fünf potenzielle Nachfolger und ihre Aussichten.

München. Er beanspruchte die genialen, die atemberaubenden Momente für sich. Ein Blick, ein Pass, schon war die gegnerische Abwehrreihe ausgehebelt. Toni Kroos verfügt über das tödlich Auge, diese Fähigkeit, so etwas aus dem Fußgelenk zu schütteln. Dennoch lässt ihn der FC Bayern München ziehen. Zu Real Madrid, dem amtierenden Champions League-Sieger. Zu jenem Team, von dem man vor rund drei Monaten demontiert wurde.

Der deutsche Rekordmeister war nicht bereit, für ihn an die monetäre Schmerzgrenze zu gehen. Für jemanden, der oft den Rhythmus vorgab, doch ebenso oft in der Kritik stand, in richtungsweisenden Begegnungen untertauchte. Er verschleppe das Tempo, scheue Verantwortung, hieß es. In Brasilien, bei der WM, als die Verhandlungen längst auf Eis lagen, trumpfte er schließlich auf. Er führte, er passte, er jubelte – konstant wie nie zuvor.

Toni Kroos: Der nächste Spielmacher für Real Madrid

Im Alter von 24 Jahren ist er dabei, sein grenzenloses Potenzial endlich auszuschöpfen. Das wissen die Königlichen, statten ihn sogleich mit einem bis 2020 laufenden Kontrakt aus. In München ist die Beletage überzeugt, Kroos zu ersetzen. Adäquat, aus den eigenen Reihen. Goal hat fünf Kandidaten:

Thiago Alcantara (23 Jahre): Der Favorit

Wunschspieler, Einstandsgeschenk, Pechvogel – Thiago verkam zum wohl teuersten Tribünengast in der Allianz Arena. Erst stoppte ihn das Syndesmoseband, dann riss das Innenband. Dabei plante ihn Pep Guardiola als Taktgeber, als Anker im System ein. Stattdessen musste er umdenken, etablierte Philipp Lahm auf der Sechs, beorderte gen Saisonende Bastian Schweinsteiger hinzu.

Die künftige Gewaltenteilung scheint unklar, wird vermutlich erst definiert, wenn Thiago wieder auf den Platz zurückkehrt. Von der Anlage gleichen sich er und Kroos. Beide können sowohl offensiv als auch defensiv, als Acht oder Zehn ihre Qualitäten vollends ausspielen. Mit dem flinken Spanier wäre das Passspiel unberechenbarer, aber mitunter riskanter. Vielleicht zu riskant …

David Alaba (22 Jahre): Der Dynamische

"Es ist kein Geheimnis", betonte er in der Sport Bild, "dass ich mich im Zentrum wohlfühle. Ich weiß, dass ich es dort kann." Mutig, zweikampfstark, mit Offensivdrang wuchs Alaba zu einem der weltweit angesehensten Linksverteidiger heran. Dort war er bisweilen konkurrenzlos, unverzichtbar, während er weiter vorne, auf seiner Wohlfühlposition, nur einer von vielen Hochveranlagten gewesen wäre. Mit der Ankunft Juan Bernats, dem Abschied von Kroos änderte sich die Ausgangslage.

Plötzlich gibt es für ihn eine Alternative. Und im Mittelfeld Platz. Sportvorstand Matthias Sammer verbalisierte die Gedankengänge: "Wir wollen ihn auf anderen Positionen einsetzen." Dort, wo sich der Österreicher bevorzugt wähnt, wo er im Nationalteam brilliert. Diese Ruhe, die Übersicht dazu hat er. Seine Rasanz würde Bayern eine neue, dynamische Facette verleihen.

Pierre-Emile Hojbjerg (18 Jahre): Der Krosssteiger

Er vereint Sachlichkeit sowie Brillanz, Übersicht und Dribbelstärke. Nicht umsonst gilt er als Prototyp des "Kroossteigers", eines idealen Hybrid. Er interpretiert seine Position gewagter als Schweinsteiger, ist defensiv stärker als Kroos, flinker als beide. Im DFB Pokal-Endspiel gegen Dortmund hinterließ er eine Duftmarke. Guardiola weiß ohnehin, was er am polyvalenten Jungstar hat, schwärmte einst: "Er kann alles spielen."

Hojbjerg wird demnächst wohl häufiger forciert. Der Thiago-Ausfall und der verkürzte Urlaub einiger WM-Fahrer bestärkt sein Vorhaben, bald richtig durchzustarten. Am liebsten in der Offensive, dort, im Kombinationsspiel, sieht er höchstselbst seine Vorzüge. Hemmend könnte indes die erdrückende Konkurrenzsituation wirken.

Sebastian Rode (23 Jahre): Der Außenseiter

"Giftzwerg", lächelte Sammer zur Seite. Neben ihm saß eine seiner jüngsten Errungenschaften: 23 Jahre alt, Alleskönner. Rode, einst Bewunderer des Fußball-Fanatikers, wusste dies als Kompliment zu werten: "Ich versuche ähnlich viel Gift in mir zu haben, so akribisch zu arbeiten wie er." Vielerorts in Fußball-Deutschland fragte man sich: "Was will der bei Bayern?" Tatsächlich wirkt die Entscheidung befremdlich.

Er ist weder ballsicher wie Thiago, noch aufregend wie Kroos, kein typischer Pep-Liebling. Dennoch werde er wertvoll, so ein überzeugte Sammer. Der Ex-Frankfurter ist flexibel einsetzbar, beackerte zuletzt meist den Mittelkreis, seine "Bewegungsabläufe beeindrucken": "Diese Spieler brauchst du." Rode wäre die defensivorientierte Lösung.

Javi Martinez (25 Jahre): Der Ungeliebte

Der unwahrscheinlichste Schachzug. Zu ausgeprägt der Innenverteidiger in ihm, zu offensichtlich die Defizite im Aufbau, glaubt man Guardiola. Im Triple-Jahr verdingte sich Martinez als "Wadlbeißer", wie es in südlichen Breitengraden lieblich heißt, als Balleroberer höchster Güte. Auf diese Institution legte sein Landsmann keinerlei Wert. Vom Helden wurde er zur Teilzeitkraft degradiert. Für ihn eine ernüchternde Situation.

Er hegt den Anspruch, seine Kollegen mitzureißen, das Team zu tragen. Sofern ihm dies zugedacht wird, glänzt er. Etwa im Pokal-Finale, als er im Stile eines wahren Liberos ordnete. Für das Kroos-Erbe qualifiziert ihn das nicht. Dafür müsste Guardiola sein System überdenken, die klassische Sechs, den Abräumer vor der Abwehr reaktivieren. Und das ist unwahrscheinlich.

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