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Werden Suarez, Messi & Neymar bei Barcelona harmonieren?

Die Katalanen haben bald das stärkste südamerikanische Angriffstrio seit Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho. Aber wird das Ganze wirklich funktionieren?

Als Luis Enrique den Trainer-Job beim FC Barcelona annahm, scherzte er, dass der Psychologe, den er im Verein installierte, eigentlich nur für ihn gedacht sei. Mit der Ankunft des noch beim FC Liverpool unter Vertrag stehenden Luis Suarez könnte sich das ganz schnell ändern. Trotzdem wird auch Barcas Coach alle psychologische Unterstützung brauchen, die er bekommen kann - denn es dürfte eine äußerst schwierige Aufgabe werden, Suarez, Lionel Messi und Neymar bei Laune zu halten.

Auf dem Papier wird Luis Enrique bald das wohl beste südamerikanische Offensiv-Trio seit dem Dreigespann Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho, das Brasilien 2002 zum WM-Titel schoss, zur Verfügung haben. Spiele werden bekanntermaßen aber nicht auf dem Papier gewonnen - wie die fehlende Durchschlagskraft der argentinischen Offensive bei der laufenden WM zeigt.

Umfrage: Muss Barcelona für Suarez umstellen?

Die Albiceleste hat zwar das Finale erreicht, erzielte in sechs Spielen aber lediglich acht Treffer - obwohl man im Angriff Akteure wie Messi, Gonzalo Higuain, Sergio Agüero oder Ezequiel Lavezzi zur Verfügung hat. Messi hat die Hälfte aller Tore erzielt, in der K.o.-Runde aber noch keinmal getroffen.

In Argentinien wurde oft darüber diskutiert, auf welcher Position der vierfache Weltfußballer im Nationaldress eingesetzt werden sollte. Nach dem Sieg über Bosnien-Herzegowina in der Gruppenphase sprach sich Messi für ein 4-3-3 aus, aus taktischer Perspektive sollte man in Katalonien davon profitieren.

Luis Enrique hat das Barca-Gen. Daher ist er auch ein Vertreter der 4-3-3-Formation, die den Klub jahrelang prägte und will stets drei Akteure in der vordersten Linie haben - mit oder ohne Suarez.

Darüber hinaus scheinen die drei Star-Angreifer wie für dieses System gemacht. Neymar agiert, wie Ronaldinho einst, am liebsten auf der linken Seite; von dort kann er nach innen ziehen und mit dem rechten Fuß abschließen. Messi ist kein reiner Stoßstürmer, aber für ihn erfand Pep Guardiola seinerzeit die Rolle der "Falschen Neun", in der er sich frei bewegen kann und als zentrale Anspielstation dient.

Suarez ist unterdessen ein vielseitiger Fußballer, der zum Einen in der Lage ist, als zentraler Angreifer zu agieren, wie er es in Liverpool in den vergangenen zwei Spielzeiten so effektiv getan hat, zum Anderen aber auch auf außen wirbeln kann. Im Camp Nou dürften vor allem seine Qualitäten im Flügelspiel gefragt sein.

Suarez ist zudem bereit, sich in den Dienst der Mannschaft zu stellen. Das wurde nicht zuletzt in der vergangenen Saison deutlich, als er kein Problem hatte, in vereinzelten Spielen auf die Außen auszuweichen, damit Daniel Sturridge in der Mitte zum Einsatz kommen konnte. Dennoch: Das Team von Brendan Rodgers wurde in der Regel so aufgestellt, dass Suarez sich voll entfalten konnte. Er war der Star-Spieler. Diesen Status wird er in Barcelona nicht innehaben.

Man erinnere sich an Ibrahimovic ...

Derzeit deutet Einiges darauf hin, dass das Angriffs-Trio unter Luis Enrique häufig die Positionen wechseln soll, um die gegnerische Defensive zu verwirren. So wird Suarez sich damit zurechtfinden müssen, nicht weiter der Mittelpunkt des Angriffs zu sein. So etwas ist für manche Spieler schwierig zu bewältigen.

Zlatan Ibrahimovic etwa konnte sich während seiner Zeit in Barcelona nie damit anfreunden, "für Messi" spielen zu müssen. Natürlich könnte man behaupten, dass der Schwede immer ein Problem damit haben würde, für jemand anderes als sich selbst zu spielen, aber seine Saison bei den Katalanen sollte man sich durchaus einmal vor Augen führen. Ibrahimovic wurde ebenfalls als Star im Sommer verpflichtet und man ging davon aus, dass er dem Angriffsspiel eine neue Dimension verleihen würde. Genau wie Suarez. Und genau wie Neymar.

Letzterer sollte dabei nicht vergessen werden. Der Star der Selecao wurde vor zwölf Monaten von Santos verpflichtet, und auch wenn seine Saison durch eine Verletzung jäh unterbrochen wurde, kann man sagen, dass Barca es nie schaffte, das Zusammenspiel zwischen Neymar und Messi effektiv zu nutzen.

Der dritte Kapitän auf dem Schiff?

Neymar betont zwar immer wieder, dass er Messi "nur helfen" wolle. Dennoch ist es kein Zufall, dass der Brasilianer in der Selecao, in der er der unbestrittene Star ist, wesentlich effektiver auftritt als bei den Katalanen. Genauso wenig ist es ein Zufall, dass Neymar in der vergangenen Saison in der Phase am besten war, als Messi verletzungsbedingt ausfiel.

Johan Cruyff sagte bei der Verpflichtung von Neymar Probleme voraus und meinte, man könne "keine zwei Kapitäne auf einem Schiff haben". Die Hinzunahme von Suarez scheint die ganze Sache noch weiter zu verkomplizieren, besonders, wenn man bedenkt, dass der Uruguayer seinem neuen Verein bis Ende Oktober nicht zur Verfügung stehen wird. Wie genau soll Luis Enrique seine drei Angreifer dazu bringen, zu harmonieren, wenn die jüngste Neuverpflichtung nicht einmal mit den Mannschaftskollegen trainieren darf?

Und was, wenn Luis Enrique bis zum Ablauf der Suarez-Sperre einen Weg gefunden hat, Neymar bestmöglich in Szene zu setzen? Wird er seine Dreier-Angriffsreihe dann verändern? Und was ist mit Messi? Luis Enrique hat in der Vergangenheit die Genügsamkeit des 27-Jährigen herausgestellt, selbst Ibrahimovic nannte ihn einen "schüchternen und freundlichen Typen" - aber wenn es um die Taktik geht, kriegt Messi normalerweise das, was er will. Zlatan musste das bereits schmerzhaft erfahren.

Der knallharte Luis Enrique ist gefragt

Luis Enrique aber hat ein dickes Fell. Er ist niemand, der Angst davor hat, seine Starspieler zu verärgern. Während seiner Zeit bei der Roma hat er einst Daniele De Rossi aus dem Kader geworfen, weil dieser Berichten zufolge zu einer Team-Besprechung zu spät kam. Einmal hat er sich mit Francesco Totti überworfen und meinte hinterher: "Er ist der wichtigste Spieler in der Geschichte der Roma, aber ich entscheide, wer spielt."

Luis Enrique sieht das große Ganze. Symbolisch untermauert wird dies durch seine Vorliebe für ein am Trainingsplatz aufgebautes Gerüst, dank dessen er einen besseren Blick auf das Geschehen hat. Er weiß, dass das Team an erster Stelle steht. Sein Job wird es ein, Messi, Neymar und Suarez davon zu überzeugen, dass sie sich in den Dienst des Vereins stellen müssen - und die persönlichen Interessen zurückstellen. Er wird sein ganzes Führungsgeschick brauchen, um ein Trio zu vereinen, dessen Protagonisten es gewohnt sind, ihr eigenes Ding durchzuziehen. Er wird den Dreien ein Element von Kontrolle auferlegen müssen - obwohl jeder von ihnen in der Vergangenheit auf dem Platz die komplette Freiheit genoss.

In den vergangenen Spielzeiten war Barcelonas Spiel zweifelsfrei ausrechenbar. Luis Suarez ist genau das nicht. Ob er aber die Lösung für die Probleme der Katalanen sein wird, muss sich zeigen. Das ist derzeit schlichtweg nicht vorauszusagen. Seine Ankunft bei Barca wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefert.

Der Psychologe von Luis Enrique wird alle Hände voll zu tun haben.

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