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Mats Hummels übernimmt die Führung

Dortmunds Innenverteidiger ist nun auch im DFB-Team zum Leader mutiert. Noch vor einigen Monaten sah es danach nicht unbedingt aus.

Belo Horizonte. Als Joachim Löw im Herbst letzten Jahres ein neues Innenverteidiger-Duo gefunden zu haben schien, fand er deutliche Worte in Richtung Mats Hummels. "Bei der Nationalmannschaft ist er ja noch nicht ganz so lange dabei. Hier gibt es andere Führungsspieler, die Hierarchie ist eine andere als beim BVB", sagte der Bundestrainer seinerzeit gegenüber dem Kölner Express.

Eine klare Ansage, gerichtet an den Dortmunder, der wenige Wochen zuvor in einem Testspiel des DFB-Teams gegen Paraguay eine schwache Leistung zeigte und dafür öffentlich von Löw kritisiert wurde. Im folgenden WM-Qualifikationsspiel musste Hummels auf der Bank Platz nehmen, Jerome Boateng und Per Mertesacker machten ihre Sache in der Abwehrzentrale weitgehend gut - und durften auch in den folgenden Partien die Innenverteidigung bilden.

Die öffentliche Kritik von Löw war auch Ausdruck eines angespannten Verhältnisses zwischen ihm und Hummels. Beim Coach soll die Art des Verteidigers nicht immer gut angekommen sein. Hummels nimmt nur selten ein Blatt vor den Mund, wollte in der Nationalmannschaft schon früh seinen Führungsanspruch etablieren - Löw gefiel das nicht, wie berichtet wird.

In Dortmund der Leader, durfte Hummels dieselbe Rolle nicht im DFB-Team ausfüllen. Aber auch fußballerisch war es ihm nicht erlaubt, so aufzutreten wie beim BVB: Der Bundestrainer verbot ihm, lange Bälle in die Spitze zu spielen - und ordnete an, den Ball stets kurz, flach und ohne Risiko zum anspielbereiten Mittelfeldmann zu befördern.

Zudem war Löws Rüffel nach dem Paraguay-Spiel nicht der erste öffentliche. Schon 2012, nach dem EM-Aus im Halbfinale gegen Italien, hatte der DFB-Trainer Hummels als einen Mitverantwortlichen für die Niederlage benannt und dessen Abwehrverhalten beim ersten Gegentor kritisiert.

Jetzt, bei der WM 2014, waren kürzlich ganz andere Worte zu vernehmen. "Mats war sensationell heute", so Löw nach dem 1:0-Sieg im Viertelfinale über Frankreich. Er kam regelrecht ins Schwärmen, als er seine Ausführungen zum Schützen des Goldenen Treffers fortführte: "Die Art und Weise wie er in die Zweikämpfe geht und sie gewinnt und wie er immer am richtigen Ort steht, ist sehr beeindruckend."

Hummels Traum

Genugtuung bereitet die aktuelle Situation natürlich auch Hummels selbst. "Es ist der nächste Traum, der in Erfüllung gegangen ist", gab er nach dem Frankreich-Spiel zu Protokoll. "Es ist unglaublich, was hier bei der WM alles klappt." Hummels hat inzwischen nicht nur seinen Stammplatz wieder, auch sein Standing im Nationalteam ist mittlerweile ein gänzlich anderes als noch vor einigen Monaten. Er hat lange darauf warten müssen.

Und diese Entwicklung war nicht unbedingt vorgezeichnet - der ehemalige Pressesprecher der Nationalmannschaft, Harald Stenger, hatte im vergangenen Herbst sogar die WM-Teilnahme des BVB-Innenverteidigers in Frage gestellt.

Mittlerweile aber scheint es undenkbar, dass Hummels im DFB-Team außen vor gelassen wird. Spätestens im Spiel gegen Frankreich wurde deutlich, wie wichtig er für die deutsche Defensive ist - nicht nur aufgrund seiner spektakulären Rettungsaktionen oder seiner Kopfballstärke. Der Abwehrmann strahlte eine Ruhe aus, von der auch die Nebenmänner profitieren. Zwei immens wichtige Tore im bisherigen Turnierverlauf taten ihr Übriges.

Im Laufe der WM in Brasilien hat er sich zur echten Führungspersönlichkeit entwickelt - und damit jenen Status erreicht, den Löw ihm vor nicht allzu langer Zeit noch absprechen wollte. So wird der 25-Jährige es auch gut verkraften können, dass er im Nationaldress auf lange und risikoreiche Bälle verzichten muss.

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