thumbnail Hallo,

Frankreich aus dem Weg gearbeitet: Gut, dass wir jetzt Standards können!

Kein Hurra-Fußball, aber dafür effektiv und mit überragenden Defensiv-Akteuren: Deutschland ringt Frankreich nieder - und ist trotz Schwächen auf dem Weg zum Titel!

Rio de Janeiro. Entschlossen, robust, clever und geschmeidig zugleich bahnte sich Mats Hummels im Zweikampf mit Gegenspieler Raphael Varane den Weg und köpfte zur Führung für Deutschland unter die Latte. Toni Kroos hatte den ruhenden Ball vortrefflich serviert. Bemerkenswert: Es war bereits das vierte Tor der DFB-Elf nach Freistoß oder Ecke bei dieser Weltmeisterschaft. Und so ist spätestens seit jener 12. Minute im Viertelfinale gegen Frankreich (1:0) ein neues deutsches Faustpfand geboren: Standardsituationen. Zum Glück!

Denn ansonsten boten die Offensivbemühungen der Löw-Elf wenig Erfrischendes. Wie, mit Ausnahme der Auftaktpartie gegen Portugal, bislang so häufig bei diesem Turnier. In der ersten Hälfte, als man meist selbst intiativ war, fehlte beinahe immer die Genauigkeit im finalen Pass. Nach dem Seitenwechsel, als Frankreich das Zepter übernahm, hakte wieder einmal das Umschalten in die Spitze. Auf Ballgewinne folgend gelang es nicht, schnell sinnvolle Anspielstationen zu kreieren. Zu langsam, zu unentschlossen gestaltete sich das Nachrücken.

Räume werden größer, Schürrle vergibt

Erst nachdem die Franzosen mit der Hereinnahme von Loic Remy für Yohan Cabaye die defensiven Zügel für die Schlussviertelstunde gelockert hatten, waren die Räume groß genug, um Kontersituationen aussichtsreich zum Abschluss zu bringen. Wenig erbaulich für die deutschen Nerven: Andre Schürrle vergab jeweils die vorzeitige Entscheidung (82., 85.).

Kein Hurra-Fußball, kaum gelungene Kombinationen, doch trotzdem steht Deutschland im Halbfinale. Dank der neuen Stärke bei Standards. Und dank wieder gewonnener, guter Organisation. Im Vergleich zu weiten Teilen des Achtelfinals gegen Algerien gestaltete sich die Defensivarbeit deutlich verbessert. Unter anderem aufgrund klarer Rollenverteilung in der Mittelfeldzentrale: Toni Kroos agierte etwas vorgezogen als verkappter Zehner, hatte in der ersten Halbzeit vornehmlich die Aufgabe, gemeinsam mit Miroslav Klose und Thomas Müller den Spielaufbau der aus tiefer Grundordnung agierenden Franzose zu stören. Es gelang, gewohnt dynamische Vorstöße von Paul Pogba oder Blaise Matuidi blieben daher sehr selten.

Frankreichs erste Halbzeit: Lange Bälle satt

Für Les Bleus ein zusätzlicher Anlass, im ersten Durchgang lediglich auf ein Mittel zu setzen: Weite Schläge aus der eigenen Hälfte in die Schnittstellen zwischen den gegnerischen Innenverteidigern. Zuträglich war daher Löws Maßnahme, auf Jerome Boatengs Geschwindigkeit anstelle von Per Mertesacker zu setzen. Gefährlich wurde es trotzdem, stets über Karim Benzema. Doch wie zuvor bereits vorne, nahm Mats Hummels auch hinten eine gewichtige Rolle ein, klärte insgesamt viermal geschickt in höchster Not gegen den Stürmer von Real Madrid (34., 42., 72., 76.).

Dass Frankreich, nach dem Seitenwechsel deutlich höher agierend und auf Dominanz aus, nur zu wenigen klaren Torgelegenheiten kam, war aber nicht allein Hummels, sondern ebenso einer beruhigenden Stabilität im Gesamtkonstrukt geschuldet. Eine Schlüsselrolle nahm dabei Bastian Schweinsteiger ein, der als defensivster der drei zentralen Mittelfeldakteure fungierte. Griff Frankreich über die Seiten an, schob sich der Bayern-Akteur in die letzte Linie zwischen die Innenverteidiger. Gegen punktuell vehement nachrückende Franzosen ein probates Mittel, um im Strafraum nicht in Unterzahl zu geraten. In dieser Funktion hatte Schweinsteiger einige Mal den Fuß dazwischen, ehe es so richtig gefährlich werden konnte.

Neuers Automatismen

In der Nachspielzeit folgte dann aber doch noch das, was ja kommen musste: eine letzte Großchance für Benzema. Plötzlich hatte der 26-Jährige in der vierten Minute der Nachspielzeit zu viel Freiraum, konnte aus acht Metern halblinker Position abziehen. Aber Deutschland verfügt bei dieser WM über einen Manuel Neuer, der mal ganz locker seine linke Hand ausfährt und damit den Sieg festhält. Vielleicht ist es symbolisch, wie trocken Neuer seine Rettungstat am ARD-Mikrofon kommentierte: "Das sind Automatismen", erklärte der Bayern-Keeper.

Simpel, nicht kompliziert hat sich Deutschland bislang durch die Gruppenphase und die ersten beiden K.o.-Runden gearbeitet. Begeistert hat die DFB-Elf nicht, erfolgreich ist sie dennoch. Weil die Defensive an Seriösität in heiklen Situationen gewinnt - und vorne inzwischen einfache Mittel zum Sieg reichen. Einfache Mittel wie eine Standardsituation. So kann man Weltmeister werden!

Dazugehörig