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Neymar Jr. und James Rodriguez: Stars unter sich

Die zwei Offensivkräfte sind für ihre Teams nicht nur unverzichtbar, sie haben beide die WM bisher entscheidend mitgeprägt - ein Vergleich vor dem Duell im Viertelfinale.

Dass er ein toller Spieler ist, wusste man von Kolumbiens James Rodriguez schon vor dem WM-Start. Doch dass sein Stern in Brasilien derart aufgehen würde, er schon jetzt als der Star dieser Endrunde gilt, ist eine kleine Überraschung. Anders Neymar: Er stand von Beginn an bei seinem Heimturnier voll im Fokus, hatte riesigen Erwartungsdruck; er trug Brasilien über schwache Phasen und schulterte die immense Verantwortung mit Bravour.

Wenn Kolumbien nun im Viertelfinale auf  Brasilien trifft, sind die Voraussetzungen für die zwei Superstars also nicht ganz gleich: Neymar, just von einem Pferdekuss genesen, wird wieder der sein, auf den alle schauen – das ist bei James ähnlich, doch wenn Kolumbien scheitert, wird niemand im Land von einer schwachen WM sprechen. Scheidet Brasilien hingegen aus, käme das am Zuckerhut einer Katastrophe gleich.

Vor dem Duell nun ein Blick auf Neymar und Rodriguez – was eint die beiden Spieler mit der Zehn, was trennt sie und was kann die Zukunft bringen?

HERKUNFT

James David Rodriguez Rubio, geboren am 12. Juli 1991 in Cucuta an der venezolanischen Grenze, hat von Beginn seiner Karriere einen steilen Aufstieg hingelegt. Entdeckt von Adolfo Upegui Lopez, einem Geschäftsmann, der auch Kontakt ins Drogengeschäft haben soll, machte er seinen Weg: Profi mit 15 bei Envigado, der Wechsel zum argentinischen Klub Banfield nach nur einem Jahr im ersten Team, der jüngste Ausländer in Argentiniens erster Liga. Als Monaco ihn sich schließlich für 45 Millionen schnappte, war er trotz seiner Jugend bereits ein gestandener Profi, der sich im Ausland bewiesen hatte.

Neymar da Silva Santos Junior, geboren am 5. Februar 1992 in Mogi das Cruzes, war noch nicht einmal Teenager, als er beim FC Santos anfing. Mit 17 schaffte er es dann ins erste Team, übererfüllte alle Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden, als er die Mannschaft zur Copa Libertadores 2011 schoss. Santos schaffte es trotz globalen Interesses an Neymar, dass ihr Star länger bei ihnen blieb, als viele erwartet hatten, ein Umstand, der in Brasilien sehr gut ankam. Noch 2011 verlängerte er um zweieinhalb Jahre, bis er im Sommer 2013 dem Werben Barcelonas erlag. Südamerikas Fußballer des Jahres 2011 und 2012 gewann mit Brasilien die U20-Südamerikameisterschaft, wo er mit neun Treffern auch Torschützenkönig war, und wurde nach der WM 2010 A-Nationalspieler.

STÄRKEN & SCHWÄCHEN

Auch wenn James auf beiden Außenbahnen spielen kann, ist er ein Spielmacher, der in der Zentrale am meisten Wirkung entfaltet. Dort hat er für Kolumbien bei dieser WM geglänzt, dort spielt er zumeist bei Monaco, für die er in der abgelaufenen Saison in der Liga neun Tore und zwölf Vorlagen lieferte. Er ist, wie daraus folgt, stark im Abschluss, hat eine feine (Schuss-)Technik und große Übersicht. Wenn es auf diesem Niveau überhaupt noch etwas zu meckern geben kann, dann die Tatsache, dass James seine Tore vornehmlich mit links erzielt, nicht unbedingt genuin beidfüßig veranlagt und an ihm nicht zwingend ein Sprinter verlorengegangen ist.

Neymar hingegen ist beidfüßig: Der kleinere Brasilianer (1,75 gegenüber James' 1,80) kann es rechts wie links, ackert in der Selecao auch nach hinten und steht seinem kolumbianischen Pendant in nichts nach – man könnte ihn als vielleicht etwas weiter in seiner Entwicklung bezeichnen, doch die letzte Spielzeit, seine erste in Barcelona, verlief bekanntlich nicht komplett nach Wunsch. Zudem setzten ihn zwei Fußverletzungen Anfang des Jahres jeweils fast einen Monat außer Gefecht. Dafür, dass man von einer durchwachsenen Premierenspielzeit spricht, sind neun Treffer und acht Assists unter den Umständen allerdings nicht zu verachten. Neymar ist mehr Stürmer als James, kommt nominell über links, aber hat bei Scolari alle Freiheiten. Auch wenn bei dieser WM James mit fünf Toren eins mehr als Neymar erzielt hat, ist Brasiliens One Man Show vielleicht etwas torgefährlicher einzuschätzen.

Neymars Art, dem Druck standzuhalten, hat aller Welt bisher Respekt abgenötigt, doch kalt wie Eis ist auch er nicht: Ein Weinkrampf nach dem gewonnenen Elfmeterschießen gegen Chile zeigte dies, überhaupt ist die Selecao nah am Wasser gebaut und hat inzwischen die Hilfe einer Psychologin in Anspruch genommen. Verständlich bei all dem Trubel, doch ob das Team und Neymar im Speziellen weiterhin auf dem Platz ruhig bleiben, wird das Viertelfinale zeigen.

ROLLE IM TEAM

Neymar ist als unumstrittener Leader in Brasiliens Offensive schon so beängstigend allein verantwortlich und Mittelpunkt fast aller Angriffe, dass dieser Umstand Gegenstand von Kritik ist. Die Art und Weise, wie er diese Rolle annimmt und ihr gerecht wird, ist jedoch bewundernswert und zeugt von einer beeindruckenden Fähigkeit, sich auf den Punkt zu fokussieren – zu sehen beim wichtigen Elfer gegen Chile, den er eiskalt verwandelte. Ohne seine Tore wäre Brasilien ausgeschieden und die WM eine andere.

Was James von Brasiliens Zehner unterscheidet: Er kam ohne solch massiven Erwartungsdruck zur WM und füllte die riesige Lücke, die Falcao nach seiner Absage hinterließ - praktisch ein Held über Nacht für die meisten Zuschauer. Das machte es ihm sicher leichter, frei von der Leber weg zu agieren. Die Leistungen, die James bisher brachte, sind natürlich auch in diesem Licht betrachtet außergewöhnlich, doch nun, da alle Welt das Viertelfinale Brasiliens gegen Kolumbien zum Duell Neymar gegen James hochstilisiert (dieser Artikel eingeschlossen), wird es hochinteressant zu sehen, ob Rodriguez auch hier mit der bisher gewohnten Beständigkeit seine Ausnahmeform bestätigt. Neymar hat diesen Beweis bereits geliefert.

Beide eint jedoch nicht nur die Rückennummer zehn, sondern auch die Tatsache, dass das Team auf sie schaut. Sie absorbieren viel Aufmerksamkeit, beim Publikum, beim Gegner, aber eben auch bei den Teamkollegen, die von ihnen Einiges erwarten. Das bisherige Turnier legt allerdings nahe, dass Kolumbien einen durchschnittlichen James besser kompensieren könnte als Brasilien einen schwachen Neymar.

ZUKUNFT

Bekanntlich hegt James Rodriguez eine Vorliebe für die spanische Liga, wie er in Interviews mitteilte, auch der Satz "Ich bevorzuge Real Madrid" ist überliefert. Ob ein Spieler nun dort ins aktuelle System passt oder nicht, war Real-Verantwortlichen selten wichtig, wenn sie jemanden einmal ins Auge gefasst hatten. Renommee spielte oft die größere Rolle, Geld meist keine, und so wäre ein Wechsel von Rodriguez aus dem Fürstentum in Monaco zu den Königlichen keine Überraschung.

Noch ist das jedoch Zukunftsmusik. Der AS Monaco hat mit Falcao und Rodriguez die Champions League erreicht, möglich wäre es absolut, dass die kommende Saison keine Veränderung des Arbeitsplatzes für James mit sich bringt. Doch der bei der WM absente Stürmer wird bereits mit Real Madrid in Verbindung gebracht. Lange wird auch Rodriguez vermutlich nicht zu halten sein, so dass ein Clasico gegen Neymar und Barcelona in nicht allzu ferner Zukunft ein absolut vorstellbares Szenario wäre.

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