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Moderner Torwart oder moderner Kamikaze? - Neuer und das hohe Risiko

Für seine Leistung gegen Algerien erhielt Deutschlands Nummer eins viel Lob. Wenig Beachtung findet unterdessen das enorme Risiko, das der Welttorhüter immer wieder eingeht.

"Beckenbauer, Matthäus und jetzt Neuer! Der überragende Keeper setzt die Reihe starker deutscher Abräumer fort", schrieb die Daily Mail im Anschluss an das Spiel zwischen Deutschland und Algerien. Rio Ferdinand, bei Manchester United jahrelang einer der besten Innenverteidiger der Welt, witzelte ebenfalls: "Libero Neuer könnte in der nächsten Saison mein Ersatz bei Manchester United sein!"

Die Sprüche, kommen sie von Medien oder von anderen Kollegen, schlagen alle in die gleiche Kerbe. Neuer, der im Achtelfinale aberwitzige 19 Ballkontakte außerhalb des Strafraums hatte, ist, gelinde gesagt, ein äußerst offensiver Torhüter und war deshalb gegen die Afrikaner der gefeierte Held. Das ist freilich nichts Neues und sowohl beim FC Bayern, wo er gegen Bayer Leverkusen einst gar in der gegnerischen Hälfte dribbelte, als auch in der deutschen Nationalmannschaft ein Vorteil für seine Vorderleute.

In beiden Teams wird mit einer hochstehenden Defensive agiert; schnelle Gegenspieler haben bei langen Bällen also theoretisch die Chance durchzubrechen. Doch dort lauert regelmäßig eben jener Neuer, bereit, das eigene Spiel neu aufzubauen oder eben auch mal rustikal einen Befreiungsschlag zu setzen.

"Absolute Weltklasse"

Gegen Algerien war er in dieser Hinsicht übermäßig oft gefordert, musste zum Beispiel in ein Laufduell mit dem flinken Islam Slimani, um diesen abzugrätschen. Gegen eben jenen Angreifer klärte er später mit einem Kopfball außerhalb des Strafraums. Dazu gesellen sich zahlreiche weitere riskante Ausflüge.

Natürlich verhinderten eben jene wiederholt beste Gelegenheiten der Algerier, die ansonsten das ein oder andere Mal frei auf Neuer hätten zulaufen können. Deshalb erhielt der gebürtige Gelsenkirchener auch intern eine Menge Lob. "Ich denke, wir alle können heute ein dickes Dankeschön an unsere Nummer eins loswerden. Manu, was du heute geleistet hast, ist einfach absolute Weltklasse. Absolute Weltklasse", verkündete DFB-Präsident Wolfgang Niersbach auf dem Rückflug ins WM-Quartier über das Bordmikrofon.

Was aber keinen zu interessieren schien, ist, dass Neuer wiederholt wenige Zehntelsekunden, wenige Zentimeter am völligen Desaster vorbeischrammte. Einzig Oliver Kahn, Vertreter der klassischen Torwartschule und während seiner aktiven Zeit wohl nur beim Gang in die Umkleidekabine außerhalb des Strafraums anzutreffen, äußerte sich nach dem Beinahe-Aus gegen Algerien kritisch: "Was Manuel macht, ist Harakiri. Denn er kann auch mal eine Zehntelsekunde zu spät kommen."

Die Konsequenz liegt auf der Hand: Entweder der Schlussmann zieht ein Foul und fliegt vom Platz, oder der Gegner hat ein leeres Tor vor sich und wird dies höchstwahrscheinlich für einen Treffer nutzen. Es hat sich schon einige Male gezeigt, dass auch der Welttorhüter nicht immer rechtzeitig zur Stelle ist. So etwa in der WM-Qualifikation gegen Kasachstan, als er den Osteuropäern ein Tor schenkte. Oder Anfang 2012, als der Schlussmann in Mönchengladbach patzte und dem damaligen Borussen Marco Reus "assistierte".

"Er versucht, den Ball unheimlich schnell wieder ins Spiel zu bringen. Und dann passieren solche Aktionen wie vor dem 0:1. Er müsste einfach etwas ruhiger machen, etwas bedächtiger, etwas konzentrierter, einfach Tempo rausnehmen. Das ist sein Problem", äußerte damals Bayerns Jupp Heynckes Bedenken.

Köpke wird bei Neuers Ausflügen nicht nervös

Nachdem es gegen Algerien stets gut ging, wollte aber keiner der Offiziellen Kritik zum Ausdruck bringen. Torwarttrainer Andreas Köpke etwa sagte: "Klar, es ist immer ein Risiko dabei, aber wir können nicht immer jubeln, wenn er es richtig macht. Und wenn er einmal nicht an den Ball kommt, dann alles verteufeln. Wir stehen zu dieser Spielweise, und die ist für uns auch wichtig."

Doch sollte bei dieser Weltmeisterschaft, da viele (K.o.-) Spiele auf des Messers Schneide sind, nicht jegliches Risiko möglichst klein gehalten werden? Ein einziger Patzer, ein einziges Mal zu spät kommen, kann einen Rückstand nach sich ziehen, der die Vorderleute noch mehr unter Druck setzt und letztlich gar eine Begegnung entscheiden kann. Die Achtelfinal-Duelle, von denen fünf in die Verlängerung gingen, haben es gezeigt.

Köpke entgegnet etwas trotzig, Neuer habe doch "Spaß an seinem Spiel. Man wird auch auf der Bank nie nervös, weil Manu in keiner Situation unsicher ist". Sicherheit bewahrt aber auch den aktuell wohl Größten seiner Garde nicht vor Fehlern. Kahn musste diese leidvolle Erfahrung machen, als er, die überragende Figur der WM 2002, ausgerechnet im Finale patzte und so das vorentscheidende 0:1 verursachte. Prominente Vertreter der aktuellen Generation - Petr Cech, Gianluigi Buffon oder zuletzt Iker Casillas - sie alle griffen schon daneben. Fehler können passieren, ebenso auf der Linie. Nur ein regelmäßig herausstürmender Schlussmann geht ein weitaus höheres Risiko ein. Aussetzer sind dabei vorprogrammiert und eine Frage der Zeit.

Natürlich hat der frühere Schalker aus seinen Fehlern gelernt, sein offensives Spiel mit der Zeit optimiert - er ist ja nicht umsonst amtierender Welttorhüter. Früher etwa stand er noch weitaus höher, schlug die Bälle in brenzligen Situationen noch seltener einfach mal rustikal weg. Was den Schlussmann in dieser Hinsicht auszeichnet, ist seine Konsequenz: "Wenn ich mich entschieden habe, ziehe ich das zu 100 Prozent durch." Er ist sich aber trotzdem bewusst, oftmals auf "einem schmalen Grat" zu wandeln.

Fakt ist nach aktuellem Stand, dass das deutsche System tatsächlich einen derart offensiven Torhüter braucht, mangelt es der aus vier Innenverteidigern bestehenden Defensive doch an Tempo, um durchbrechende Stürmer abzulaufen. Diese Problematik ließe sich freilich auch anders lösen, verfügt Joachim Löw mit Jerome Boateng doch über einen schnellen Innenverteidiger sowie mit Philipp Lahm, Kevin Großkreutz und Erik Durm über wesentlich schnellere Außenverteidiger als das aktuell gesetzte Personal.

Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass Neuer selbst bei einer entsprechend anderen Defensiv-Besetzung nicht von seiner offensiven Marschroute abweicht - so oft wie gegen Algerien musste er dabei selten für die übertölpelten Vorderleute klären. Eine weitere Option wäre deshalb das Optimieren der Abseitsfalle, was jedoch mit einem großen Risiko verbunden ist.

Unter dem Strich stehen zwar ein Erfolg über Algerien und der Einzug ins Viertelfinale. Ebenso wenig ist von der Hand zu weisen, dass der DFB-Defensive Geschwindigkeit fehlt. Allzu oft muss dies vom offensiven Neuer ausgebügelt werden. Dem Bundestrainer dürfte klar sein, dass es so früher oder später ins Auge gehen kann, der WM-Titel dann schwer zu erreichen ist. Änderungen müssen schon gegen Frankreich her, denn Karim Benzema hat mit Real Madrid erst vor kurzer Zeit erlebt, wie es gegen den FC Bayern und Neuer plötzlich ganz leicht gehen kann.

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