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Kampf, Laufbereitschaft, Tränen: Vier der sechs bisherigen Achtelfinalisten kommen aus Lateinamerika.

KOMMENTAR
Von Martin Ernst

Im Grunde konnten die Eindrücke der Vorrunde wenig verwundern - und doch war diese Weltmeisterschaft bisher voller Überraschungen. Zahlreiche Experten hatte den Südamerikanern vor dem Turnier Vorteile bescheinigt, wofür immer wieder gerne die geschichtsträchtige Statistik angeführt wird, dass noch nie eine europäische Mannschaft den WM-Titel auf lateinamerikanischem Boden gewinnen konnte: 1930 und 1950 siegte Uruguay, 1962 und 1970 Brasilien, 1978 und 1986 Argentinien. Allerdings sind es 2014 nicht die Großkaliber, die in der Vorrunde überzeugten und begeisterten.

Argentinien mühte sich gegen Bosnien und noch mehr gegen den Iran - am Ende entschieden geniale Einzelaktionen Lionel Messis die Spiele. Brasilien tat sich schon gegen Kroatien schwer, gegen Mexiko noch viel mehr. Das starlose Kollektiv um Giovanni dos Santos (Portrait: Dos Santos - gereift und bereit) biss sich erst gegen Kamerun trotz zweier nichtgegebener Treffer durch und trotze dem Gastgeber ein 0:0 ab. Auch weil Keeper Guillermo Ochoa "das Spiel meines Lebens" machte.

Es sind die kleine Länder, die mit mannschaftlich geschlossenem und diszipliniertem Fußball für Aufsehen sorgen, über sich hinauswachsen: Der Viereinhalb-Millionen-Staat Costa Rica ärgerte erst den WM-Vierten Uruguay - und was viele für einen Betriebsunfall hielten, wiederholte sich gegen Italien. Das 0:1 ließ die Niederlage des Weltmeisters von 2006 gar noch besser aussehen als sie es war, da ein klarer Elfmeter gegen Joel Campell nicht gegeben wurde. Erstmals seit 1990, zum zweiten Mal in seiner Geschichte, hat sich der Weltranglisten-28. damit für das Achtelfinale qualifiziert.

Der weinende Suarez: Das bleibende Bild?

Und Uruguay? Verlor gegen Costa Rica, eliminierte jedoch das Mutterland des Fußballs England mit einer enormen Willensleistung sowie zwei Einzelaktionen seiner Solisten Edinson Cavani und Luis Suarez, der vor einem Monat noch am Meniskus operiert worden war. "Das bleibende Bild wird das von Luis Suarez sein, auf dem Boden liegend mit Tränen der Freude nach seinen Toren", schrieb der Guardian. Auch der England-Legionär machte auf seinem Heim-Kontinent das "Spiel meines Lebens".

Kolumbien, ohnehin als heißer Geheimfavorit gehandelt, deklassierte Griechenland mit spielerischer Überlegenheit, besiegte die Elfenbeinküste verdient und rechtfertigte alle Vorschusslorbeeren. Das europäische Pendant Belgien tat sich sehr viel schwerer. Auch Chile hat sich in den erweiterten Favoritenkreis gekickt, spätestens seit die Männer um Arturo Vidal mit einer konsequenten Energieleistung Weltmeister Spanien die Spielfreude austrieben und rauskegelten - mit den eigenen Pressing-Waffen und getragen von der Euphorie der gut 50.000 nach Rio de Janeiro gereisten Fans.

Neben den klimatische Bedingungen dürfte der Heimspiel-Charakter den Lateinamerikanern in die Karten spielen. Diesen Sommer richtet sich der Blick der Fußball-Welt nicht auf Europa, wohin jeder junge Spieler zwischen Mexiko City und den Falklands einmal strebt. Uruguays Trainer Oscar Tabarez betonte: "Meine Spieler lieben ihr Land und werden alles geben. So sind wir." Ähnlich klang Chile-Mittelfeldmann Marcelo Diaz: "Wir sind nicht die Talentiertesten, aber wir spielen mit dem Herzen." Chiles unbändige Laufbereitschaft erzählt zudem mehr von Erfolgshunger und Gier nach Titeln als der Auftritt so mancher mit Champions-League-Veteranen und Starfußballern gespickten Auswahl.

Erstmals mehr als fünf lateinamerikanische Teams unter den letzten 16?

Vier der sechs bereits qualifizierten Teams kommen so vom mittel- oder südamerikanischen Kontinent. Costa Rica ist wie Chile, Argentinien sowie Kolumbien für die K.o.-Runde qualifiziert. Dass Brasilien sich anschließt, ist angesichts der bisherigen Auftritte Kameruns anzunehmen. Damit stünden wie 1998, 1990 und 1986 fünf lateinamerikanische Mannschaften in der Runde der letzten 16. Mehr als sechs 2010 waren es nie.

Mexiko könnte sich am 3. Spieltag noch gegen Kroatien durchboxen und Uruguay muss die Italiener bezwingen, denen eine Remis reichen würde. Allerdings wirkte der Weltmeister von 2006 schon gegen Costa Rica ausgepumpt und muss erneut im schwülen Norden Brasiliens ran. "In der zweiten Halbzeit haben wir gelitten", erzählte Claudio Marchisio nach der Begegnung.

Schaffen Ecuador oder Honduras in Gruppe E noch ein kleines Wunder und setzen sich gegen die Schweiz durch, könnten wesentlich mehr als fünf Nationen vom Gast-Kontinent die Vorrunde überstehen. Und damit muss noch lange nicht Schluss sein. "Wir werden noch drei, vier Matches hier haben. Da bin ich mir sicher", zeigte sich Costa Ricas Trainer Jorge Pinto mutig. Die Fußball-Welt wird sich gerne weiter überraschen lassen: Mit Kampf, Laufbereitschaft, Tränen.

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