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Härtetest gegen Ghana: DFB-Team offenbart nötige Qualitäten

Die Ghanaer hatten einen großen Kampf angekündigt. Und sie hielten Wort! Deutschland musste an seine Grenzen gehen und zeigte ermutigende Qualitäten.

Fortaleza. Oliver Bierhoff hatte es vor dem Anpfiff gewusst: "Dieses Spiel wird schwieriger als gegen Portugal. Wir haben zwar mit vier Toren gewonnen, aber wir wurden nicht wirklich getestet. Portugal war am Ende mit einem Mann weniger auch zu schwach. Diese Partie wird ein viel größerer Test für uns", diktierte der Manager der DFB-Elf ins Mikro der ARD. Und er sollte Recht behalten.

Glänzend eingestellte Ghanaer machten den Deutschen das Leben schwer. Sie zerstörten das gegen die Seleccao am Montag so hervorragende Passspiel in die Spitze. Sie gaben kaum Räume frei und in Durchgang eins fanden die Spieler mit dem Adler auf der Brust nur selten ein Gegenmittel.

"Heute mussten wir dagegenhalten"

Mittelfeldspieler Sami Khedira, der nach 70 Minuten in der schwülen Hitze Fortalezas ausgewechselt werden musste, gab durchaus selbstkritisch zu Protokoll: "Von der Taktik her haben wir nicht das abgeliefert, was wir wollten. (…) Im ersten Spiel lief alles für uns und heute mussten wir dagegenhalten. Wir haben unseren Rhythmus nicht gefunden und am Ende hat es nicht gereicht."

So war es nach der Gala im Duell mit Ronaldo und Co. aufschlussreich, die deutschen Schwächen aufgezeigt zu bekommen: Zum einen war da das Aufbauspiel. Es krankte, weil die Ghanaer sich nicht locken ließen und keine Räume zum Kombinieren und Umschalten anboten. Gleichzeitig übten sie Druck auf die ballführenden Spieler aus und kamen so zudem zu Ballgewinnen, um ihrerseits kontern zu können.

Mehrere deutsche Spieler leisteten sich unter Druck Fehler, die es so beim Auftaktmatch nicht zu bestaunen gab. Aus diesen 45 Minuten gilt es die Lehren zu ziehen. Denn auch der kommende Gegner USA verfügt über Qualitäten, die Deutschland weh tun können.

Auf der anderen Seite entschädigte Durchgang zwei aber sowas von für die erste Hälfte: Für Spiele wie diese gibt es die Floskel vom "offenen Schlagabtausch". Die Initialzündung war Mario Götzes Kopfball-Knie-Treffer. Doch die Ghanaer, die nach der Auftaktpleite gegen die USA auf keinen Fall erneut verlieren durften, drehten das Match binnen drei Minuten. Zunächst profitierten sie von Mertesackers und Mustafis mangelndem Durchsetzungsvermögen im Kopfballspiel, wenig später schlugen sie aus Philipp Lahms üblem Ballverlust Kapital. Oder wie Joachim Löw es beschrieb: "Zwei Gegentore aus dem Nichts."

Die Bankspieler zeigen ihren Wert

Löw reagierte und brachte mit Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose zwei echte Leistungsträger. Beide fügten sich gut ein. Schweinsteiger holte eine Ecke heraus, im Anschluss an diese netzte Miroslav Klose zum 2:2-Endstand ein. Er hat nun wie der große Ronaldo 15 Tore bei WM-Endrunden erzielt und diesen Rekord feierte er nach langer Zeit wieder mit seinem Salto. Der Rückstand hatte die Mannschaft nicht geschockt, sondern angestachelt. Sie stemmte sich gegen die Niederlage und wurde dafür belohnt.

Nicht wenige Fachleute glauben, dass dieses Turnier von der Bank entschieden wird. Dieses Remis darf durchaus als Fingerzeig in diese Richtung verstanden wissen. Trotz der vielen fehlenden Spieler verfügt Deutschland nach wie vor über eine furchterregende Auswechselbank. In engen und klimatisch heißen Spielen - und dieses Spiel war ziemlich eng und ziemlich heiß - ist das ein Faustpfand, mit dem Löw wuchern kann.

A propos heißes Spiel: Was beide Mannschaften angesichts der Bedingungen boten, war beeindruckend. Alle 22 Akteure auf dem Rasen fuhren ihren Tank bis auf den letzten Tropfen leer. Sie kämpften aufopferungsvoll, jederzeit willens, das Spiel zu entscheiden. Es entwickelte sich eine packende Schlussphase mit dicken Chancen auf beiden Seiten.

Körperlich wirkten beide Teams fit und vorbereitet auf diese Verhältnisse. Ebenfalls gut zu wissen für eventuelle kommende Aufgaben. Die Italiener sahen da beispielsweise gut 24 Stunden zuvor gegen Costa Rica deutlich erschöpfter aus.

Nicht durchgefallen!

Klar ist nun: Die Bäume wachsen für Kapitän Lahm und seine Mitspieler nicht in den Himmel; die übertriebene Euphorie nach dem hohen Erfolg gegen die Portugiesen dürfte schnell wieder abebben. Grund für allzu großen Pessimismus gibt es indes ebenfalls nicht. An diesen Ghanaern hätten sich am Samstagabend viele andere Mannschaften die Zähne ausgebissen. Es ist ein Turnier, bei dem sich zeigt, wie eng es zugeht und wie eng die Weltspitze nun beisammen ist. Kaum ein Team hat über zwei Spiele überzeugt. Am ehesten die Franzosen.

Aber auch Brasilien, Italien, Argentinien und wie sie alle heißen hatten schon so ihre Probleme. Es ist kaum machbar, in Südamerika alle Spiele gegen alle Gegner stets zu bestimmen. Am Ende einen Punkt mitzunehmen, Moral bewiesen und den Gruppensieg weiter in der eigenen Hand zu haben, ist gegen diese Ghanaer (Wolfgang Niersbach: "Ich kann nicht verstehen, wie sie gegen die USA verloren haben") eine ordentliche Ausbeute.

Oliver Bierhoff hatte also von einem "großen Test" gesprochen. Wie ist dieser nun ausgefallen? Mit Bravour bestanden wurde er gewiss nicht, aber durchgefallen sind die Löw-Schützlinge auch nicht. Sie mussten an ihre Grenzen gehen und zeigten viele Eigenschaften, die man braucht, um bei diesem Turnier eine gute Rolle zu spielen.

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