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Spanien-Nationaltrainer Vicente del Bosque: Der loyale Pragmatiker

Spaniens goldene Generation kämpft gegen das Gruppen-Aus: Del Bosque ist überzeugt vom Tiki-Taka 2.0. Trotz öffentlicher Schelte bleibt er sich treu - seinen Stars ebenfalls.

Rio de Janeiro. Väterlich tätschelte er seine hoch dekorierten Superstars, packte sie am Nacken, klatsche ab. Mit jedem Einzelnen. Vicente del Bosque begegnet ihnen gerne auf persönlicher Ebene. Ob nach Triumphen oder schallenden Ohrfreigen. An jenem Freitagabend nach Schlusspfiff wirkten die Bilder frappant wie sonderbar.

Seiner Mimik war schlicht nicht zu entnehmen, wie Spanien den WM-Start bewältigte. Er reagierte stoisch, offenbarte keinerlei Gefühlsregungen. Genauso tat er es zuvor in den schönsten Stunden der ruhmreichen Laufbahn. Damals, nach der Jahrtausendwende, zelebrierten seine Zöglinge bei Real Madrid zwei Mal die Champions League, in jüngster Vergangenheit Welt- und Europameister-Titel. Die rauschenden Feste genoss er alleine im Stillen, um im Jargon zu bleiben, im Abseits.

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In der Gluthitze von Salvador blieb er sich treu. Nur diesmal spendete der schnauzbärtige "hombre tranquillo", der ruhige Mann, Trost, richtete das Team nach ihrer schwersten Pleite auf, stellte sich davor. "Wir", sagte er und wahrte die Nähe, "haben gekämpft, allerdings zu viele schwere Fehler begangen." Von den Niederlanden, dem Finalgegner 2010, wurden die Iberer nach allen Regeln der Kunst vorgeführt, mit 5:1 gedemütigt.

In Schönheit gestorben

Nicht minder hart fiel der mediale Befund aus: Die Seleccion sei alt, zu behäbig, das Feuer erloschen. Und das Tiki-Taka tot. Del Bosque hält nichts davon, vorschnell das Fallbeil zu schwingen. Das ließ er die Journalie spüren. Ganz unaufgeregt, ohne Wutrede á la Jose Mourinho, dafür umso prägnanter. "Wir versuchen es gegen Chile besser zu machen. Ich sehe nicht das Bedürfnis einer Revolution." Punkt.

Gleichwohl wird das Land von einer tiefen Sinnkrise erschüttert. Barcelona, ehemals Vorreiter und Begründer einer revolutionären Ära, konnte die erdrückende Dominanz nicht konservieren. Bayern München, Real Madrid, ja sogar Meister Atletico, ließ man entwischen. Allesamt entlarvten den Plan. Basierend auf einer kompakten Defensive, vollendet durch überfallartige Konter, ließen sie Barca in Schönheit sterben. Spanien widerfuhr dasselbe leidvolle Schicksal.

Die Oranje übertölpelten Sergio Ramos und Co. mehrfach, stießen sie in eine bis dahin undenkbare Schockstarre. Mit dem Rückstand verflüchtigte sich all das, was den Titelverteidiger ausmachte: Der Ballbesitz, das Verständnis, die Körpersprache. Urplötzlich waren die Fußball-Artisten auf ihrer Bühne, dem Rasen verloren. Ihr Stil verzeiht keine Fahrlässigkeit – und diese übermannte sie. Sie waren gefangen. Gefangen im selbstzerstörerischen Modus.

Der pragmatische Lokführer

Von einem "Unfall" sprach Verbandspräsident Angel Maria Villar und beruhigte: "Das 1:5 hat unsere Meinung von keinen Millimeter bewegt." Del Bosque sei weiterhin das "Flaggschiff". Oder der Führer einer "Lokomotive", wie der 62-Jährige einst die Bedeutung des Fußballs in Spanien metaphorisch akzentuierte. Er navigierte sie nach dem EM-Titel 2008, als er für Luis Aragones auf dem Höhepunkt aufsprang, in ungeahnte Regionen. Zumal er nicht in Eindimensionalität versinkt.

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Er ist ein Fußballversteher, kein Idealist, wusste schon als Aktiver bei Real damit zu brillieren. Im königlichen Ensemble um Günter Netzer machte er die Drecksarbeit. "Vicente", so der Deutsche, "war ein taktisch kluger Mittelfeldspieler." Ihm gehe es darum "das grundsätzlich Schöne mit dem bei Gelegenheit Praktischen zu mischen", dozierte Del Bosque. Ein Zwiespalt, den er sechs Jahre unnachahmlich meisterte.

Unmittelbar vor der WM kam sein pragmatisches Gesicht zum Vorschein. Er schien die Warnsignale erkannt zu haben, wollte Spaniens eigene Kunst mit einer weiteren Facette bereichern. Mit dem langen Ball in die Spitze. Mit Diego Costa. Doch zu häufig verebbten die Bemühungen gegen die Niederlande, zu unpräzise waren die steilen Pässe. Zunächst reichte es zu kontrollieren. Bis zum Rückstand. Der neue Stil war in dieser Extremsituation zu fremd.

Den Spaniern fuhr Fassungslosigkeit ins Mark. Sie sind es nicht gewohnt, mit allen erdenklichen Mitteln, ob fair oder nicht, zu kämpfen, waren überfordert mit der Aggressivität des Kontrahenten. An den Spielern hegt Del Bosque derweil keine Zweifel: "Wir haben sie nominiert, weil sie die besten sind. Sie haben die nötige Erfahrung, um die kommenden Aufgaben zu meistern. Und das sage ich, weil ich daran glaube."

"Jeder genießt meine Zuneigung"

Großmütig steht er hinter seinen viel kritisierten Schützlingen. Sie verehren ihn. Mitunter, da seine Denke ihrer gleicht. Del Bosque hat sich den kindlichen Enthusiasmus am betörenden Ball bewahrt. Und sie schätzen die Loyalität, das Vertrauen, das ihm nun vorgehalten wird. Symbolisch dafür stehen mehrere Namen. Etwa Xavi, der alternde Primgeiger. Oder Iker Casillas, der gefallene Heilige. Und die formschwachen Pique sowie Andres Iniesta.

Stattdessen musste die nächste, flinkere Generation zusehen. Cesc Fabregas, Neo-Regisseur bei Chelsea, Pedro, Allzweckwaffe Koke, Zweikampfmonster Javi Martinez. Nun geht es gegen Chile. Ein Sieg ist zwingend notwendig, um das bittere Aus abzuwenden. In Aktionismus verfällt Del Bosque nicht. Er hat gelernt, gelassen jegliche Nebengeräusche zu dulden, seine Besonnenheit zu wahren. Besonders wenn es um Nebensächlichkeiten, um Fußball geht.

Private Schicksalsschläge ließen ihn reifen. Sein Bruder starb früh an Krebs, einer seiner drei Söhne leidet unter dem Down-Syndrom. "Durch ihn habe ich gelernt, Dingen den richtigen Stellenwert beizumessen", betonte Del Bosque. Eine gefestigte Persönlichkeit lässt sich nicht schnell abbringen. Schon gar nicht von einem Weg, den er mit vollster Überzeugung lebt. In den vergangenen Tagen baute er trotzdem für Umstellungen vor. Nur müsse keiner "alarmiert" sein, "jeder hier genießt meine Zuneigung". Auch nach schweren Niederlagen.

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