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DFB-Defensive: Neue Rollenverteilungen und eine Abwehrkette aus vier Innenverteidigern

Getreu der Binsenweisheit "Offensive gewinnt Spiele – Defensive gewinnt Titel" sucht Joachim Löw die richtige Abwehrformation. Eine Tendenz lässt sich ablesen.

ANALYSE
Von Sebastian Heier

Hamburg. Der Countdown bis zum ersten Spiel bei der Weltmeisterschaft 2014 tickt für die deutsche Nationalmannschaft langsam aber sicher in Richtung Null. Am kommenden Montag startet die DFB-Auswahl ihr Abenteuer Brasilien - als Titelfavorit mit Hoffnung auf ein krönendes Ende im Endspiel am 13. Juli in Rio de Janeiro.

Die offensiven Qualitäten sind trotz des Ausfalls von Marco Reus unbestritten. Taktisch variiert Bundestrainer Joachim Löw wohl zwischen einer "Falschen Neun" und einer klassischen Ausrichtung mit einem Stürmer. Nicht ohne Grund besagt aber eine alte Fußballweisheit "Offensive gewinnt Spiele – Defensive gewinnt Titel" und so kommt es auf eine gute DFB-Abwehr an.

"Offensive gewinnt Spiele – Defensive gewinnt Titel"

Nach hinten richtet sich der Blick mit ernsthafteren Sorgenfalten. Ein Dreikampf in der Innenverteidigung hat sich dabei offenbar von selbst gelöst. England-Legionär Per Mertesacker und Borussia Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels haben ihren Platz in der Viererkette gefunden.

Jerome Boateng, bis vor wenigen Wochen ebenfalls noch Anwärter auf einen Platz in der Zentrale, muss sich nun mit neuen Aufgaben abfinden. Der Bayern-Verteidiger wurde zum Rechtsverteidiger gemacht. Dabei hat Löw eigentlich einen Rechtsverteidiger im Kader, einen der besten weltweit sogar, der auf dieser Position schon mehrfach seine Klasse bewiesen hat. Aber Philipp Lahm wird wohl auf der Position vor der Abwehr dringender benötigt. Und einen zweiten Außenverteidiger mit seinen Qualitäten gibt es im Team nicht.

Musterschüler Lahm mit neuer Rolle

Der 30-Jährige, der gerade erst seinen Vertrag beim FC Bayern München verlängert hat und dort seine Karriere beenden will, spielt beim Rekordmeister seit dem vergangenen Sommer auf der Sechs. Pep Guardiola belegte Lahm nach dessen Ankunft in München mit dem neuen Aufgabengebiet. Selbst Löw weiß mittlerweile nur zu gut, wie wichtig sein Kapitän in seiner neuen Rolle für die DFB-Elf werden kann, testete ihn daher im letzten Testspiel gegen Armenien.

Lahm selbst äußerte sich sechs Tage vor dem ersten WM-Spiel auf einer Pressekonferenz zu seiner Position bei dem Turnier: "Es gab selbstverständlich Gespräche mit dem Trainer. Da kann sich aber, wenn dann nur er äußern. Für die Einstellung brauche ich nur fünf bis zehn Minuten." Er fügte jedoch auch hinzu: "Wenn man im letzten Spiel vor der WM auf einer Position spielt, geht man davon aus, dass man auf dieser auch beim Turnier eingesetzt wird." Die Entscheidung scheint gefallen. Würde bedeuten, dass Freund und Teamkollege Bastian Schweinsteiger auf der Bank Platz nehmen müsste. "Ich glaube, ich nehme keinem Spieler einen Platz weg. Es können schließlich immer elf Spieler spielen", kommentierte Lahm das mögliche Szenario.

Abwehrkette aus vier Innenverteidigern

Lahms Aufstieg zum Chef im zentralen Mittelfeld der deutschen Elf geht allerdings auch einher mit Veränderungen im defensiven Abwehrblock. Spielte der Kapitän bei der Europameisterschaft 2012 noch auf der linken Abwehrseite, war er bis vor einigen Monaten als Rechtsverteidiger eingeplant und mimt nun den zentral-defensiven Spielgestalter. Diese taktische Veränderung bringt vor allem für die Viererkette neue Fragezeichen mit sich. Sein Verlust wird rechts hinten nur schwer zu kompensieren sein.

Bundestrainer Löw visiert daher eine Lösung mit vier Innenverteidigern an. In Brasilien wird Boateng wohl als Lahm-Pendant zum Einsatz kommen, während Schalkes Benedikt Höwedes auf der linken Seite seinen Platz finden wird. Die eigentlich zentralen Verteidiger werden nach außen geschoben. Eine weitere Möglichkeit wäre, den einzig verbliebenen echten Linksverteidiger, Erik Durm, Höwedes vorzuziehen. Nur Außenseiterchancen für beide Seiten hat aktuell Allrounder Kevin Großkreutz.

Defensive Außenpositionen: Eine bekannte Problematik

Die Problematik der Besetzung der defensiven Außenpositionen ist seit mehreren Jahren ein immer wieder, vor allem vor Welt- und Europameisterschaften, aufkommendes deutsches Thema. Die beiden Linksverteidiger Marcell Jansen und Marcel Schmelzer entpuppten sich nicht als echte Alternativen für den Bundestrainer. Boateng, der schon bei der WM 2010 auf der linken Seite Holger Badstuber ablöste und bei der EM 2012 rechts eingesetzt wurde, ist dabei wohl die aktuell beste Alternative.

Bei ihm muss diesbezüglich noch ein Umdenken stattfinden, das vielleicht schon vollzogen wurde, denn noch Ende Mai erklärte er in der Bild: "Ich habe die ganze Saison innen gespielt. Ich sehe mich in der Innenverteidigung am stärksten, möchte da gerne spielen." In den letzten fünf WM-Qualifikationspartien stand er immerhin auch dort in der Startelf, wird nun aber in einer neuen Rolle dringender gebraucht.

Erinnert man sich an die Fußballweisheit "Offensive gewinnt Spiele – Defensive gewinnt Titel", bedeutet dies, dass sich der Abwehrverbund Deutschlands, entgegen persönlicher Wünsche, dem Erfolg des Teams unterordnen muss. Egal ob als Innen- oder Außenverteidiger.

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