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Nach der Kadernominierung: Joachim Löws Optionen

Mit der Benennung des 23er-Kaders ist nun klar, welche Möglichkeiten Joachim Löw hat. Aber klare Strukturen fehlen im DFB-Team noch.

ANALYSE
Von Constantin Eckner

Mit den letzten Streichungen vor wenigen Tagen haben sich Joachim Löw und das DFB-Trainerteam für einen endgültigen 23er-Kader für die WM in Brasilien entschieden. Auffällig ist, dass mit Miroslav Klose lediglich ein waschechter Strafraumstürmer im Kader steht. Doch eigentlich ist diese Kaderzusammensetzung nur das Ergebnis eines langen Prozesses.

Seit der Europameisterschaft 2012 hat Löw die Mannschaft Stück für Stück variabler gemacht, leicht abgeänderte Formationen ausprobiert und gerade in der Offensive verschiedene Spielertypen getestet. Grundsätzlich spielt die DFB-Elf in einem 4-2-3-1, was sich aber nicht zuletzt beim Freundschaftsspiel gegen Kamerun verstärkt wie ein 4-2-4(-0) darstellte.

Keine falsche Neun

Mario Götze agierte dabei nominell im Sturmzentrum. Der kleine ballsichere Akteur des FC Bayern München wird in der deutschen Öffentlichkeit häufig als so genannte "falsche Neun" bezeichnet. Dabei stimmt diese Definition keinesfalls. Wenngleich Götze kein bulliger Angreifertyp ist, agiert er trotzdem oftmals im Strafraum als kombinierende und raumschaffende Neun. Er positioniert sich entweder zentral und kann in der Enge die ihm zugespielten Bälle schnell auf die einrückenden Außenspieler weiterleiten oder mit einer Drehung versuchen, selbst zum Abschluss zu kommen.

Eine "falsche Neun", wie sie beispielsweise Lionel Messi beim FC Barcelona häufig spielt, kann sich im deutschen System nur schwerlich ergeben. Normalerweise müsste der vorderste Stürmer in den Zehnerraum abkippen und die beiden diagonal einlaufenden Flügelspieler bedienen. Doch Mesut Özil, aktuell eines der Sorgenkinder Löws, besetzt diesen Zehnerraum in der Regel schon. Insofern fällt diese Option für den Bundestrainer aus.

Er müsste dann eher auf ein 4-3-3 ausweichen, bei dem Marco Reus und Thomas Müller von außen nach innen in die freiwerdenden Räume ziehen, sobald der Neuner abkippt und ein 4-3-1-2 entsteht. Das ist sicherlich eine Option, würde aber andererseits eine Degradierung Özils bedeuten. Die Stärken von Reus und Müller mit ihrem sehr guten Raumgespür und ihren starken Bewegungen in den Strafraum hinein kämen allerdings gut zum Tragen.

Der 36-jährige Routinier Miroslav Klose wäre zugleich die orthodoxere Variante als Mittelstürmer, da er mehr Durchschlagskraft im Strafraumzentrum entwickeln kann, aber zugleich mit intensiver Laufleistung am Pressing teilnimmt. Die Streichung von Hoffenheims Kevin Volland aus dem WM-Kader stieß zum Teil auf  Unverständnis, dabei ist der 21-Jährige auch kein Sturmtank, sondern agiert bei seinem Klub beispielsweise einrückend von der rechten Seite, besetzt häufig den Zehnerraum und sucht Halbraumschnittstellen. Insgesamt bleibt die Neunerposition ein Problem, da in den letzten zwei Jahren keine funktionierenden Mechanismen entwickelt, sondern immer wieder experimentiert wurde.

Ausrichtung der Doppelsechs

Eine weitere Problemzone ist aktuell das zentrale Mittelfeld der deutschen Mannschaft. Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm haben entweder mit Verletzungen zu kämpfen oder suchen nach einem längeren Ausfall noch ihre Form. Man muss bei der Besetzung der Doppelsechs klar zwischen den verschiedenen Spielertypen unterscheiden. Khedira und auch Gladbachs Christoph Kramer sind vertikale Sechser, die Box-to-Box die Verbindung zwischen den Mannschaftsteilen herstellen und zugleich mit ihren Vorstößen für Überladungen im offensiven Drittel sorgen können.

Bastian Schweinsteiger hat diese Vorstöße auch im Repertoire, ist aber zugleich für eine tiefe Ball- und Passzirkulation verantwortlich. Zudem kann der Routinier des FC Bayern als Raumblocker dienen und das Zentrum vor der Abwehr verdichten. Er wäre neben Khedira oder Kramer eher der tiefere Part einer Doppelsechs. Ähnliches gilt für Toni Kroos, wenngleich er noch stärker auf die Ballzirkulation fokussiert ist und aus dem Sechserraum heraus viele gute Verlagerungen spielen kann. Kroos diktiert über seine Pässe den Rhythmus seiner Mannschaft. Im Gegenzug geht ihm die Dynamik bei Vorstößen ein Stück weit ab, zudem fehlt ihm zuweilen die Beweglichkeit, wenn ein Gegner die Passwege gut zustellt, wie es Real Madrid im Champions-League-Halbfinale tat, und sich Kroos nicht durch kurze schnelle Bewegungen aus dieser Umklammerung entreißen kann. Dann wird der Vorwurf des "Querpassspielers" laut.

Philipp Lahm ist in diesem ganzen Gefüge der Allrounder. Der Kapitän kann quasi jede Rolle übernehmen und auch nahezu problemlos zwischen tiefer Sechs und höherer Acht hin und her wechseln. Dafür wird er von seinen Trainern geschätzt und ist auch bei dieser WM ein wichtiger Bestandteil des deutschen Teams.

Flügelläufer oder flachere Viererkette

Dabei steht bis jetzt nicht fest, wo Lahm zum Einsatz kommen wird. Einerseits könnte er im Mittelfeld die Fäden ziehen. Andererseits wäre auch eine Verwendung auf seiner ehemaligen Stammposition als rechter Außenverteidiger denkbar. Die dritte Option in Form der linken Außenverteidigerposition schloss Löw bereits aus. Dort vertraut er anscheinend dem Dortmunder Shootingstar Erik Durm. Sollte der 22-Jährige jedoch ausfallen oder schwächeln, steht kein Marcel Schmelzer bereit. Der zweite Dortmunder Linksverteidiger wurde aus dem Aufgebot gestrichen. Benedikt Höwedes oder Jerome Boateng sollen dann aushelfen.

Hier wird ein Dilemma deutlich. Die beiden genannten Spieler sind vom Typ her eher im Abwehrzentrum zu Hause. Sollten sie auf den Außenbahnen auflaufen, könnte es einerseits Probleme in der Abstimmung mit den Innenverteidigern geben. Dies war zuletzt bei der Nationalmannschaft aus Belgien zu beobachten, die ebenfalls eher auf gelernte Innenverteidiger auf den Außenpositionen der Viererkette setzt. Nicht selten standen dann die beiden Akteure auf den Flügeln, wahrscheinlich aus Gewohnheit, tiefer als die Kollegen im Abwehrzentrum, was rein vom defensivorganisatorischen Aspekt katastrophal ist.

Zudem sind die Vorstöße eines Höwedes beispielsweise nicht derart gewinnbringend. Der Schalker kann an sich nur linear vorstoßen, aber es fehlt ihm schlichtweg an Dynamik. Boateng hat sich in diesem Punkt bereits gesteigert, agierte sogar in der Verlängerung des DFB-Pokalfinals als rechter Flügelläufer. Trotzdem scheint es keine Optimallösung zu sein. Gerade wenn Reus und Müller als offensive Flügelspieler stärker einrücken, braucht es raumüberbrückende Außenverteidiger, die schnell nachstoßen können, aber auch in hohem Tempo wieder defensiv umschalten. Erik Durm kann dies, Kevin Großkreutz auch, Philipp Lahm sowieso.

Löw muss in diesem Punkt eine effektive Lösung finden. Nicht zuletzt bei seinem viel diskutiertem "Scheitern" gegen Italien im Halbfinale der EM 2012 war die Besetzung der rechten Seite ein Problem. Toni Kroos sollte im offensiven Zentrum Andrea Pirlo abschirmen. Mesut Özil rückte von seiner nominellen Position im rechten Mittelfeld immer wieder ins Zentrum und Boateng musste den kompletten Raum abdecken beziehungsweise zulaufen.

Tiefes Verteidigen und Pseudo-Pressing

Dabei kann der 25-Jährige mit seiner Athletik im Abwehrzentrum noch wertvoller sein. Boateng spielt genau wie Mats Hummels gute Eröffnungspässe und ist im frühen Attackieren stark. Doch beide haben in der Nationalmannschaft zuweilen Probleme. Denn das defensive Konzept unterscheidet sich signifikant von der Ausrichtung in ihren Vereinsmannschaften.

Die DFB-Elf agiert gegen den Ball nicht mit hohem Angriffs- oder Mittelfeldpressing oder versucht bei Ballverlusten schnell mit mehreren Leuten in Richtung des Spielgerätes zu fallen. Vielmehr neigt Löws Mannschaft dazu, sich zurückzuziehen und am Strafraum zu verteidigen. Per Mertesacker kommt damit anscheinend besser klar. Trotzdem lässt man es in diesem Fall immer wieder auf Eins-gegen-Eins-Duelle in Tornähe ankommen. Dabei würde dem Team eine höhere Abwehrkette besser zu Gesicht stehen. Mit Manuel Neuer hat man zudem einen der besten Keeper im Absichern einer hohen Verteidigungsreihe.

Ausblick

Insgesamt fehlt es dem deutschen Team noch an Eindeutigkeit. Welche Pressingarten will man spielen? Wie hoch soll die Viererkette verteidigen? Wie sind die Wechselwirkungen zwischen einem Neuner wie Mario Götze und Mesut Özil? Wie soll die Doppelsechs gestaltet werden? Joachim Löw hat viel an der Variabilität geschraubt, aber dabei womöglich verpasst, an mancher Stelle eindeutige und klare Strukturen zu entwickeln, die bei einem Turnier wie der Weltmeisterschaft mit maximal sieben Spielen vonnöten sind.

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