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Wembley-Tor im DFB-Pokal-Finale: Warum bloß?

Ein Wembley-Tor entscheidet das Pokal-Finale mit: Guardiola spielt danach Hätte-Wäre-Wenn – Klopp ist stocksauer. Dabei ist diese Debatte an Rückständigkeit kaum zu überbieten.

KOMMENTAR
Von Christoph Köckeis

München. Jürgen Klopp und Pep Guardiola sind einander sympathisch. Sie haben eine hohe Meinung vom Gegenüber, begegnen sich freundschaftlich, mit Respekt. In Zeiten wie diesen, wo zwischen den führenden Funktionären der beiden deutschen Marktführer hochexplosive Stimmung herrscht, wirkt der Friede beinahe trügerisch. Doch selbst nach dem Pokal-Finale, einem Schlagabtausch diktiert von taktischen Meisterleistungen, mit dramatischen Wendungen, umarmten sie sich herzlichst auf dem Platz.

Während Guardiola danach in der Jubeltraube verschwand, der Bierdusche abermals nicht entkam, ignorierte sein Gegenüber die Etikette. Stinkig. Hochemotional. Wie wir ihn kennen – und, die einen mehr, die anderen weniger, lieben. Er traktierte das Schiedsrichter-Gespann mit Worten. Sein Gesichtsausdruck ließ vermuten, dass sie wohl kaum freundlich ausfielen. KIar, es mag die Falschen getroffen haben. Aber: Wer kann es Kloppo schon verübeln?!

Pep Guardiola: Die Lehren gezogen

"Wir haben getroffen und es hat nicht gezählt. Ich kann da nicht herumreden", schüttelte Dortmunds Vulkan vor laufenden Kameras gegenüber Sky den Kopf.. "Florian Meyer sagte zu mir, dafür bräuchten wir die Torlinientechnik. Ich weiß nicht, wo die Torrichter waren. Wahrscheinlich im Urlaub."

Dicke Gehälter - keine Torlinientechnik?

In der 64. Minute war der Ball hinter der Linie, deutlich, das entlarvten TV-Lupen. Und es wurde übersehen. Beim Stand von 0:0. Während einer vorentscheidenden Phase. Berlin erlebte sein Wembley. Das Resultat ist bekannt: Bayern München triumphierte nach Verlängerung – mit 2:0. Nicht unverdient, ohne Frage. Statt über ein hochklassiges Wetteifern zu fachsimpeln, wird letztlich allerdings über einen verweigerten Treffer gestritten. Eine Debatte, die man im Fußball der Neuzeit nicht mehr führen darf und sollte. Eine, die offenlegt, wie rückständig die Lieblingsbeschäftigung vieler Deutscher bleibt.

Es ist noch nicht lange her, da erschütterte ein ähnlicher Skandal die Bundesliga. Damals zappelte das Spielgerät, anders als im Olympiastadion, im Netz. Über ein Loch in eben diesem traf Stefan Kießling gegen Hoffenheim. Das Phantom-Tor war geboren. Zunächst echauffierte man sich über den Goalgetter von Bayer Leverkusen. Er hätte es sehen, als fairer Sportsmann auch zugeben müssen. Der Unparteiische wurde ebenfalls getadelt. Wenige Wochen später stimmte ein überwältigender Teil der Vereine gegen moderne Hilfsmittel. Gegen die Torlinientechnologie. Ein Signal mit ernüchternder Außenwirkung!

Kosten und Nutzen des Systems stünden in keinem Verhältnis, hieß es. Besonders die kleinen Fische im Haifischbecken würden daran knabbern. An einer Investition einmaliger Natur? Lieber werden Millionen in neue Transfers gepumpt, in dicke Gehälter. Vielleicht sträuben sie sich mitunter dagegen, da ihnen ein ähnliches Schicksal bisweilen erspart blieb. Dass es ausgerechnet Dortmund erwischt, die sich mit Bayern dafür aussprachen, kommt gemeiner Ironie gleich.

"Nach der Szene beginnt die Diskussion wieder", erklärte DFB-Boss Wolfgang Niersbach nach dem Spiel. Höchstselbst ein Befürworter des Hilfsmittels."Die Klubs haben sich dagegen entschieden, so lange das so ist, werden wir vom DFB nichts anderes machen." Dabei wäre die Revolution wertvoll wie zeitgemäß. Immer schneller, immer facettenreicher, spitzfindiger wird der Kick. Das Fernsehen hat die Zeichen erkannt, rüstet auf, um die Action hochwertiger in die heimischen Wohnzimmer zu liefern, die Fehler aufzudecken.

Der Fußball wurde zum Wirtschaftszweig

Die Helden in schwarz werden dagegen alleine gelassen. Sie müssen ohne Korrektive auskommen, in Sekundenbruchteilen eine Situation erkennen und richtig bewerten. Sie sind der schonungslosen Kritik von Außen hilflos ausgeliefert. Es wird in Kauf genommen. Berechnend. Weil der Fußball immerhin die menschliche Seite bewahren soll, meinen Traditionalisten. Damit er weiterhin Thema Nummer eins an den Stammtischen bleibt. Ungerechtigkeiten werden als Tatsachenentscheidung abgetan. Und, was viel schlimmer ist, toleriert. Ohne die verheerenden Konsequenzen zu beachten.

Es geht hier längst nicht um Erfolg oder Misserfolg. Zumindest nicht ausschließlich. Nein, bei diesem banalen Spiel, in dem 22 Mann einem runden Leder nachjagen, geht es um Geld. Die Fußballvereine sind Wirtschaftsunternehmen. Mittlerweile setzt die Branche zig Milliarden um. Ein Abstieg kann bereits die Existenz bedrohen. Wiederum erhöhen das internationale Geschäft, Titel den Werbewert, garantieren lukrative Gewinne. Oder, im Falle eines Nicht-Erreichens, große Verluste.

Nun mag es am Samstag nur um eine goldene Trophäe gegangen sein. Um die 24. für Bayern, die Vierte für Dortmund. Gleichwohl sollten im hochstilisierten, teils überprofessionellen Fußball keine unachtsamen Momente, keine Fehler über richtig oder falsch entscheiden. Die Premier League hat das erkannt. Die FIFA ebenfalls. Deutschland ist am Zug. Ein Tor kann zu viel beeinflussen. "Wenn es anerkannt worden wäre, hätte das wahrscheinlich alles geändert", gestand Guardiola. Ohne Missgunst, auch aus Respekt zu Klopp.

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