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Mario Mandzukic beim FC Bayern: Der rastlose Kämpfer

Er schoss die Münchner zum historischen Triple, schaffte etwas, woran selbst Ibra glorreich scheiterte - und dennoch fehlt Mandzukic die Lobby. Nun droht ein bekanntes Schicksal.

München. Hier ein Hackentrick, da eine Finte. Gekonnt ließen sie den Ball zirkulieren. Es sind jene Spielchen, die nicht selten im Gelächter enden, dazu dienen, den Kollegen zu foppen. Ende Februar wollte man das Training an der Säbener Straße ähnlich nonchalant beschließen. Per Kurzpassübung, auf engstem Raum, spielerisch. Es gipfelte in einer Schrecksekunde.

Plötzlich krümmte sich Bastian Schweinsteiger auf dem Rasen. Er, der ohnehin verletzungsgeplagte Taktgeber, wurde umgesäbelt. Übermotiviert, das Bein ausgestreckt. Via Youtube jazzte man die Szene zur „Brutalo-Grätsche“ hoch. Gleichwohl illustrierte sie mehr als blinde Unvernunft. Sie hatte Symbolcharakter, steht auf mannigfaltiger Ebene sinnbildlich für den Übeltäter. Für Mario Mandzukic.

Er lebt für den Sport. Einen, der seinen Werdegang auf positive wie bedrückende Weise beeinflusste. Einer Berufung, der er alles unterordnete, durch welche der 27-Jährige zum Triple-Sieger beim FC Bayern empor stieg. Zum Superstar mit Weltformat. „Er muss sich vor keinem verstecken“, so Giovane Elber exklusiv bei Goal: „Weder vor Robert Lewandowski, noch vor Zlatan Ibrahimovic, oder Cristiano Ronaldo.“

Ersterer wird vielerorts als Weltbester seiner Zunft gepriesen, staubte die Torjägerkanone ab – bald auch die Position des Alleinunterhalters beim Titel-Krösus? Im Sommer übersiedelt der Dortmunder gen München. Am Samstag trifft er zunächst im DFB-Pokal-Finale (20.30 Uhr im LIVE-TICKER bei Goal) auf seinen künftigen Arbeitgeber. Und Mandzukic. Einen rastlosen Kämpfer. Geprägt von Turbulenzen seiner Jugend.

Flucht aus Kroatien

In den 90ern entfloh seine Familie den Kriegswirren. Gerade sechs Jahre war der kleine Mario damals alt. Hunderte Kilometer fern von Slavonski Brod, einem Ort an der kroatisch-bosnischen Grenze inmitten des blutigen Balkan-Konflikts, war Fußball der zentrale Integrationshelfer. Die essenzielle Konstante. Er trocknete bittere Tränen. Er ließ Kummer vergessen, die beklemmenden Nächte in Angst, den Hall ohrenbetäubenden Kugelfeuers, die Ungewissheit.

PEP BRINGT DIE SCHALE HOAM
In Ditzingen, einem idyllischen Städtchen in Baden-Württemberg, endete die mühselige Flucht. „Wir weinten oft, wenn wir in die Schule mussten“, erinnert sich Ivana Maslov, geborene Mandzukic. Die sprachliche Barriere schien unüberwindbar. Sie waren Fremde, doch standen es durch. Gemeinsam. Als Familie mussten sie 1996 zurück. In die Heimat Kroatien, die keine mehr war. Über Zagreb führte der Weg erneut nach Deutschland, für Ivana nach Ditzingen. Für Mario zum VfL Wolfsburg, später zum FC Bayern.

48 Mal vollstreckte Mandzukic seither in zwei Jahren, drängte Mario Gomez, einen Vollblut-Knipser, der 2011/12 am Höhepunkt seines Schaffens agierte, in das zweite Glied. Er war unumstritten. Bis Pep Guardiola kam. Ein Mann, der vom Dogma besessen ist, mit kleinen, quirligen Akteuren jeden Gegner in Schönheit zu erdrücken. Stoßstürmer hatten bei ihm keine Chance. Bislang.

„Das ist menschlich“

„Wichtig ist“, sinniert Elber, „dass man da ist, wenn man gerufen wird. Das war er.“ Mandzukic gefiel mit Geradlinigkeit, oft als kantiger Prellbock, mal durch technische Finesse. Ihm war etwas gelungen, woran einst Ibrahimovic kapitulierte. Er ordnete sich unter, brachte den katalanischen Chef so weit, sein System zu überdenken. Für ihn wurde Platz geschaffen. „Wenn er Anerkennung bekommt, hilft ihm das, mehr aus sich herauszukommen“, weiß Schwester Ivana.

Mandzukic erfuhr Wertschätzung. Etwas, das er sich seit jeher hart verdienen musste. Dieses Streben machte ihn zum charakterstarken, auf dem Platz unnahbaren Provokateur. Vermutlich fühlte er sich mitunter deshalb in seiner Ehre gekränkt, als Bayern um den Jahreswechsel das schlecht gehütete Lewy-Geheimnis lüftete. Er schmollte. Für den Rückrunden-Auftakt gegen Gladbach suspendierte ihn Guardiola sogar. Mandzukic hat seine Lektion gelernt.

„Manchmal ist man beleidigt, unzufrieden mit der Situation. Das passiert, das ist menschlich“, sagt Elber: „Für mich ist es so, dass das den Charakter zeigt. Jemanden, der immer zufrieden ist, brauchst du nicht.“ Der stolze Kroate sprach in Toren. Wie er das seit November 2012 tut. Er meidet Journalisten, verweigert Interviewbitten kategorisch. Damals holte ihn die Vergangenheit ein.

Trifft ihn das Torjäger-Schicksal?

Beim Torjubel gegen Nürnberg legte er seine rechte Hand an die Stirn und streckte den Arm weit von sich. Ein militärischer Gruß. Ein Gruß an Ante Gotovina. Einen General, der in den Tagen zuvor vom UN-Kriegsverbrechertribunal freigesprochen wurde. Für ein Gros der kroatischen Bevölkerung ist er ein Held der Unabhängigkeit. Ebenso für Mandzukic. Das mediale Echo fiel lautstark aus: Vom Profi wurde er zum Nationalisten. Von da an schwieg Mandzukic, igelte sich ein. Und wenn er redet, dann in kryptischen Worten, die reichlich Interpretationsspielraum bieten.



So sagte er nach dem HSV-Gastspiel über seine Zukunft: „Ihr werdet bald alles wissen.“ Bis 2016 läuft sein Vertrag. Mehrmals bekundete die Führungsetage, ihn halten zu wollen. Matthias Sammer, der Sportvorstand höchstselbst, erteilte ein Transferverbot. Zuletzt breitete sich jedoch Unzufriedenheit aus. Mandzukic stand häufig falsch, er wirkte isoliert, teils lustlos. Im Sommer droht nun ein Schicksal, wie es schon mehrere Torjäger bei Bayern traf.

Ob Mirsolav Klose, Luca Toni oder Mario Gomez – sie alle hatten eine limitierte Halbwertszeit. Tore schießen, das reicht offenbar nicht. Elber erfuhr dies leidvoll: „2003 wurde ich Torschützenkönig, Meister und Pokal-Sieger. Einen Monat später kaufte man Roy Makaay. Ich dachte mir: Oh, dann spiele ich wohl mit ihm zusammen. Nur hieß es, ich muss weg, mir einen neuen Verein suchen.“ Der Brasilianer verließ den Klub, „bevor ich mir die schöne Zeit kaputt mache“. Mandzukic wird den Kampf wohl annehmen. Ob im Training. Oder im Spiel. So lehrte es ihn das Leben.

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