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Kadercheck DFB-Team: Wer spielt unter Löw die Hauptrolle bei der WM?

Die ersten Entscheidungen sind getroffen – inklusive einiger Härtefälle. Doch wie kann Löw nun ein Team formen, das um den Titel mitspielt?

ANALYSE
Von John C. Brandi

Frankfurt/Main. Der vorläufige Kader für die WM 2014 in Brasilien steht: Joachim Löw hat sich für 30 Spieler entschieden (zum Kader), aus denen bis zum 2. Juni das endgültige Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft für die Endrunde ausgewählt wird. Ob dies die Spieler sind, die am Ende erstmals seit 1990 den FIFA-WM-Pokal in die Höhe stemmen können, muss sich noch sich erweisen (KOMMENTAR: Löw setzt ein Zeichen).

Qualität bietet dieses Aufgebot in jedem Fall – eine gewisse Unwucht ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. So sind mit Klose und Volland nur zwei echte Stürmer dabei, was die von Löw wohl präferierte Spielweise mit flexiblen Angreifern in den Fokus rückt. Goal hat sich alle Mannschaftsteile einmal angesehen und verschiedene Systeme durchgespielt - in der Grafik ist eine Variante dargestellt, die sicher aber nur eins von mehreren möglichen Szenarien ist.

TOR
MANUEL NEUER
FC BAYERN

Hier ist die Situation klar: Manuel Neuer wird, sollte nichts Unvorhergesehenes passieren, die Nummer eins in Brasilien sein. Dahinter steht Roman Weidenfeller bereit und hat noch am ehesten Chancen auf einen Einsatz, beispielsweise in einer möglichen bedeutungslosen Gruppenpartie oder einem Spiel um den dritten Platz, sollte es dazu kommen. Für Zieler heißt es vermutlich: Dabeisein ist alles.

STREITFÄLLE

Bernd Leno hätte sich nach ganz starker Spielzeit sicher einen Platz im Kader gewünscht, ebenso ter Stegen, doch besonders Rene Adler dürfte über das WM-Aus enttäuscht sein. Aber die HSV-Situation ist auch am Keeper nicht spurlos vorbeigegangen, der zuletzt mehrfach patzte. Trost gibt es von der Konkurrenz keinen: "Es ist sehr schade für ihn, aber so ist das nun mal im Leistungssport. Mitleid kann man da nicht haben", kommentierte Zieler.

ABWEHR
PHILIPP LAHM MATS HUMMELS PER MERTESACKER MARCEL SCHMELZER
FC BAYERN BORUSSIA DORTMUND FC ARSENAL BORUSSIA DORTMUND

Hier sind schon ganz andere Fragen zu klären. Die wichtigste: Spielt Lahm auf seiner im DFB-Team angestammten rechten Abwehrseite oder im defensiven Mittelfeld? Das wird auch von der Formentwicklung des lange rekonvaleszenten Khedira abhängen, der noch einige Einsatzminuten im Verein sammeln kann. Danach muss sich der vormals gesetzte Real-Madrid-Profi die Turnierform in der Vorbereitung zur WM holen. Schafft er das, wäre Lahm wohl wie gewohnt der Mann für die rechte Abwehrseite. Löw glaubt derweil fest an Khedira: "Er ist mit seiner Persönlichkeit und Erfahrung unverzichtbar für die Mannschaft. Er ist zwar noch nicht am Leistungslimit, aber wir werden es schaffen, ihn dort hinzubringen", so der Bundestrainer bei der Vorstellung des Kaders.

In der Mitte wird sich ein Dreikampf zwischen Hummels, Boateng und Mertesacker entwickeln. Der Bayern-Profi streute zum Saisonende immer mehr Fehler ein und könnte seine Startelf-Position damit in Gefahr gebracht haben, während Hummels nach durchwachsener und von Verletzungen geprägter Spielzeit am Ende stark aufspielte. Mertesacker wiederum lieferte seine bis dato wohl beste Serie für Arsenal ab. Sie sind sicherlich nahezu auf Augenhöhe; die Tendenz könnte derzeit zu Hummels und Mertesacker gehen, aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Auf links war Schmelzer vor seiner letzten Verletzung meist gesetzt. Im Verein vertrat Durm ihn in der Zwischenzeit exzellent, hat trotzdem vermutlich nur Außenseiterchancen. Auch Jansen ist erst jüngst genesen und hat eine Katastrophensaison mit dem HSV erlebt, ist ebenfalls kein Kandidat für die Startelf. Bleibt Allrounder Großkreutz, der bekanntermaßen fast überall einspringen könnte und ein Sonderlob von Löw erhielt: "Über seine körperliche Präsenz und seine Fitness muss man nicht lange diskutieren. Ein Spieler, der 90 Minuten ein hohes Tempo gehen kann."

Er ist vermutlich vor allem als Lahm-Ersatz eingeplant, falls der neben Schweinsteiger aufläuft. Dasselbe gilt für Höwedes, der innen eher Kandidat Nummer vier wäre. Großkreutz kann darüber hinaus sicher auch mit seiner Vielseitigkeit in der Offensive zumindest von der Bank kommend eine Option sein.

STREITFÄLLE

An sich ist die Auswahl in der Defensive größtenteils Konsens. Ein Westermann wäre ebenso überraschend gewesen wie die Wahl von Sebastian Jung, der eine gute Saison spielte, aber der Kader weist hier für alle Gesetzten Alternativen auf und dürfte in diesem Mannschaftsteil mehrheitsfähig sein.

MITTELFELD
SAMI KHEDIRA BASTIAN SCHWEINSTEIGER
REAL MADRID FC BAYERN

 

MARIO GÖTZE MESUT ÖZIL MARCO REUS
FC BAYERN FC ARSENAL BORUSSIA DORTMUND

Das Prunkstück im DFB-Team, besonders in der Offensive. Zum defensiven Zentrum ist schon einiges gesagt: Schweinsteiger dürfte wohl gesetzt sein, auch wenn es nicht immer zu Topleistungen reichte. Er war, wie so viele Kandidaten, nicht verschont von Verletzungen. Das brach immer wieder seinen Rhythmus, doch das Bayern-Urgestein hat wohl Löws Vertrauen. Erster Kandidat neben ihm ist Khedira, Lahm als erwähnte Alternative.

Lars Bender wäre sicherlich ein Spieler, der diese Rolle exzellent ausfüllen könnte, was nach Ansicht vieler nicht für Kroos gilt. Zu wenig Zugriff, zu wenig Zweikampfhärte, wenn Kroos und Schweinsteiger gemeinsam auf der Doppelsechs auflaufen, das ist das einhellige Urteil nicht erst seit der Heimpleite gegen Real im Champions-League-Halbfinale. Auch ein 4-1-4-1 a la Bayern könnte zur Debatte stehen.

Viel ist dort möglich: Ob Dreier- oder Vierereihe hinter der Spitze, hier steht absolute Top-Qualität zur Verfügung. Als Zehner war Mesut Özil unter Löw meist gesetzt, im 4-2-3-1 wäre eine Konstellation mit Götze rechts und Reus über links möglich. Sowohl Kroos als auch Reus können ebenfalls die Zehn interpretieren, sollte Özil sich formschwach zeigen. Auf den Außen stehen sowohl Podolski als auch Schürrle bereit: Besonders der Chelsea-Mann kann zumindest jederzeit als starker Joker fungieren. Draxler wäre eine weitere Alternative.

STREITFÄLLE

Die könnte es schon unter den Nominierten geben. Wo findet Müller seinen Platz im 4-2-3-1, wenn Klose stürmt? Muss Götze dann auf die Bank? Was ist mit Kroos? Bei so viel Qualität ist zwangsläufig der eine oder andere zum Bankdrücken verdammt - bleibt zu hoffen, dass Löw die Personalien entsprechend moderiert, so dass sich kein Unmut einschleicht. Was nicht nominierte Akteure anbetrifft, ist Sam als zwischenzeitliche Hoffnung in der Rückrunde auch verletzungsbedingt untergetaucht, Herrmann spielte absolut solide, doch wurde letztlich nie ernsthaft mit der A-Nationalmannschaft in Verbindung gebracht.

STURM
THOMAS MÜLLER
FC BAYERN

Im System ohne klassischen Stürmer könnten wahlweise Müller, Götze oder auch Reus in die Spitze gehen. Wird Klose fit, ist er natürlich jederzeit ein Anwärter auf diese Position. Volland ist noch ohne A-Länderspiel, doch sieht das Ganze als Chance: "Ich will mich bestmöglich präsentieren und werde alles geben. Ich will die Zeit genießen, was dabei raus kommt, werden wir sehen.“

Es wird sich zeigen, ob Löw einen fitten Klose dem bisher nie über einen längeren Zeitraum erfolgreich exerzierten Falschen-Neuner-Modell vorziehen wird - oder direkt auf flexiblere Angreifer setzt, wie Effenberg bereits mutmaßte: "Man sieht an den Nominierungen der Spieler ganz klar, dass man darauf abzielt, wie Barcelona oder wie Guardiola mit Bayern München zu spielen", so der Ex-Nationalspieler bei Sky Sport News HD: "Also nicht unbedingt mit Stoßstürmern, sondern mit vielen flinken Offensiven, die über Ballsicherheit zum Erfolg kommen."

STREITFÄLLE

Max Kruse hat seine Formdelle zuletzt überwunden. Dass Löw ihn außen vor lassen würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Der Bundestrainer bestätigte den jüngsten Aufschwung des Gladbachers zwar, doch erklärte seine Entscheidung so: "Wir haben Spielertypen, die auf seiner Position spielen können, zum Beispiel Müller, zum Beispiel Schürrle, Reus oder Götze, daher haben wir in der Offensive auch so genug Möglichkeiten." Kruse zeigte sich via Facebook hart getroffen: "Es fällt mir schwer, meine Enttäuschung in Worte zu fassen. Der Schmerz sitzt auch ein paar Stunden nach meinem zerplatzten Traum noch ziemlich tief."

Für Mario Gomez wiederum reichte es nach seiner Seuchensaison schlicht nicht, wie Löw unglücklich konstatierte: "Ich hätte mir gewünscht, dass Gomez fit gewesen wäre, aber er war jetzt sieben Monate verletzt. Er hat seit September insgesamt nur 280 Minuten gespielt. Und von daher war ich einfach auch der Meinung, dass er vielleicht nicht in der Lage ist, unter diesen Bedingungen bei diesem Turnier auch körperlich zu bestehen." Ebenfalls via Facebook gab sich der Stürmer tief betrübt, doch besaß die Größe, seinem Stürmerkollegen Klose alle Gute zum Übertreffen von Ronaldos Turniertor-Rekord mit auf den Weg zu geben: "Ich wünsche es ihm sehr, dass er sich die Bestmarke holt!! Do it Miro!"

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