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FC Bayern München: Der gereizte Souverän

Bayern inszenierte sich in den vergangenen Tagen lauthals: Nach der Real-Pleite demonstrierte man Stärke und Zusammenhalt. Guardiola genießt dabei uneingeschränktes Vertrauen.

München. Kurz vor 19 Uhr marschierte er tatsächlich ein. Im Stile eines Boxers. Vorneweg. Wie er das über drei Jahrzehnte tat. Umgeben von seiner Entourage, lokalen Größen aus Wirtschaft und Politik, bahnte er sich den Weg. Das Publikum hatte sich erhoben. Wenige hielt es auf ihrem Platz, das Gros applaudierte begeistert, vereinzelt johlten sie: "Du bist der beste Mann!"

Ein Mann, der "sein" Lebenswerk zu beeindruckenden 53 Titeln dirigierte. Erst als Spieler, danach als Manager. Zuletzt als Präsident. Er ordnete dem FC Bayern alles unter, gestaltete ihn nicht alleine mit, er prägte ihn wie bisweilen kein anderer Funktionär. Gleichwohl ist der Mann, der für treue Ergebene "beste", Uli Hoeneß, ein rechtskräftig verurteilter Steuersünder. Er hatte Millionen hinterzogen, den Staat betrogen. Im Audi Dome schien dies kaum zu interessieren. Es war seine Bühne. Sein letzter großer Auftritt vor der Haft.

Die Mitgliederversammlung zum Nachlesen

Die Wochen zuvor igelte sich der 62-Jährige ein. Keine Statements, lediglich einigen Spielen wohnte er bei. Eine gefährliche, trügerische Ruhe. Am Freitag brach er sein Innehalten. Mit einem Urknall. Emotionsgeladen. Gnadenlos. Hoeneß, die gelebte Abteilung Attacke, verspüre "Haas", hob er mit hochrotem Haupt die Stimme. Gegen das öffentliche Bild eines "Arschlochs, Schweins, eines Mannes, der anderen Geld aus der Tasche zieht", setzte er sich zur Wehr. Er kanzelte die Journaille als teils "frevelhaft" ab und kündigte ein Nachspiel, eine Rückkehr an.

GUARDIOLA: "BIN NOCH NICHT MÜDE"

Karl Hopfner verkam bei der Inthronisierung als höchste Instanz zum Statisten. Dem Platzhalter auf dem Chefstuhl, dem "finanziellen Gewissen" des Klubs, schien dies keinesfalls unrecht. Die wichtigen, nach der krachenden Backpfeife gegen Real Madrid (Gesamtscore: 0:5) wohltuenden Zeichen vermochten andere zu setzen. Die Münchener meldeten sich zurück.

Rummenigge unterstellt Größenwahn

"Ich verspüre Wut, weder auf die Spieler, oder unseren Pep Guardiola", so Karl-Heinz Rummenigge unter tosendem Applaus. Ihm stieß der schonungslose mediale Tadel sauer auf. Dieser sei überzogen, schlicht respektlos. "Wir müssen in der Niederlage Anstand beweisen. Das Motzen ist zum Kotzen. Offenbar leiden der Rest der Nation und viele Journalisten an Größenwahn." Vielmehr bilanzierte der Vorstandsboss zufrieden, konnte die Leistungsdelle nach dem historischen Triple doch vermieden werden. Manch Konkurrent sei daran gescheitert. Nicht der FCB.

"Und das", betonte er energisch, "ist ein Verdienst des Trainers. Er ist ganz erfolgreich und großartig, hat eine klare Philosophie und Vision. Wir können uns glücklich schätzen, dass er sich für Bayern entschieden hat." Zunehmend geriet Guardiola in die Schusslinie. Ob jenes Auftretens, das bis zur frühesten Meisterschaft im deutschen Fußball als stilbildend glorifiziert wurde. Damals hieß es, er hätte den Rekordmeister in ungeahnte Sphären der Dominanz gehievt. Mittlerweile geriet das Spiel als ertraglose Effekthascherei in Verruf. Und Real zementierte das populistische Gerede.

Der Titelverteidiger dominierte im Champions-League-Halbfinale den Ball, zwingend wurden sie in 180 Minuten selten. Man vermisste das zündende Element, die überfallartigen Rhythmuswechsel. All das, was sie unter Jupp Heynckes unbesiegbar erscheinen ließ, womit sie den FC Barcelona bis auf die Knochen blamierten, hatte sich verflüchtigt. Stattdessen wurden sie mit jenen, den eigenen Waffen von Europas Thron gefeuert. Zwangsläufig potenzierte sich die Wucht der Bruchlandung.

Fehleinschätzung gegen Real

Lothar Matthäus mahnte in der AZ : "Der FC Bayern bleibt immer der FC Bayern. Man kann hier nicht katalanisch spielen." Er stimmte in den Tenor prominenter Ehemaliger (Hier geht’s zum exklusiven Goal-Interview mit Stefan Effenberg ) ein, wonach das deutsche Element, so proklamierte es Günter Netzer, verloren ging. Im Süden stößt dies auf wenig Zuspruch. Geschlossen formierten sich die Obersten bei der Mitgliederversammlung hinter ihrer sommerlichen Errungenschaft. Sie stärkten Guardiola und hielten ein Plädoyer für ihn, für sein Dogma.

"Barca war einst die Benchmark, das sind jetzt wir", konterte Rummenigge trotzig. Er und Hoeneß bewunderten den spanischen Traditionsklub, beneideten ihn um dessen einzigartige Denke. Ihr Ziel: Tiki-Taka 2.0. Und der erfolgreichste Coach der jüngsten Vergangenheit sollte es implementieren. Ein glasklarer wie herausfordernder Auftrag, den Guardiola anfangs mühelos zu erfüllen vermochte. Bis national und international die gegnerische Überforderung schleichend wich.

NACH 0:4-PLEITE: "ZU WENIG BALLBESITZ"

Am Dienstag, unmittelbar nach der königlichen Demontage, kapitulierte Pep. "Es war ein Riesenfehler. Der Trainer hat das nicht gut gemacht. Wir müssen uns Gedanken machen, ob diese Spielweise das beste Rezept ist." Ausgerechnet im bis dato wichtigsten Stadium seiner Ära warf er eigene Prämissen über Bord.

Philipp Lahm, sein Protegé auf der Sechs, wurde zurück auf die ihm angestammte rechte Außenverteidiger-Position gezogen. In der Schaltzentrale erhielt die Paarung Schweinsteiger-Kroos den Vorzug. Ein Mittelfeldspieler und damit zusätzlich Ballbesitz wurde geopfert für Thomas Müller, für einen Stürmer. Ein folgenschwerer Fehler.

"Sonst kann ich nicht hier trainieren"

"Wir hatten nur Basti und Toni im Mittelfeld, da kannst du Real Madrid nicht kontrollieren", gestand Guardiola. Erstmals, nach neun Monaten, bot er Angriffsfläche für Kritik. Im Kreuzverhör vor dem HSV-Gastspiel wusste er schließlich das Profil zu schärfen. Vom seinem Fußball sei er nun "umso mehr überzeugt". Von der überzogenen Kritik sagte er sich los: "Wir werden mit meinen Ideen spielen. Sonst kann ich nicht hier trainieren – wenn ich etwas tun müsste, was ich nicht fühle."

In einer vorschnellen Bewertung mag das uneinsichtig, beinahe eindimensional klingen. Guardiola tüftelt im Hintergrund aber unentwegt am Ideal. Er sucht den Plan B, plant seine Ausrichtung zu adaptieren, passgenau auf das ihm zur Verfügung stehende Material auszurichten. In Hamburg etwa brillierte Javi Martinez, als Innenverteidiger gepriesen, im Mittelfeld. Unorthodox fiel indes die offensive Lösung aus: Eine flexible Raute führte Mario Götze als umtriebiger Zehner an, davor mimten Arjen Robben und Thomas Müller eine Art doppelte "Falsche Neun". Die Bemühungen wirkten dynamischer, zielstrebiger. Ein System mit Zukunft?

Zwölf Tage bleiben Guardiola noch, um seinem Team den Feinschliff zu verleihen. Dann, am 17. Mai, wartet Dortmund. Nach der gescheiterten "Mission Königsklasse" spitzt sich alles auf das Pokal-Finale zu. Von einem Schicksalsspiel möchte die bayrische Beletage dennoch nichts wissen: "Zwischen Pep und den FC Bayern passt kein Blatt Papier", verneinte Rummenigge am Freitag jegliche Spekulationen entschieden. Er zeigte: Es war eben mehr. Mehr als eine Mitgliederversammlung. Eine Warnung. Denn nicht nur Hoeneß ist gereizt.

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