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Cechs Erbe: Thibaut Courtois

Bei Atletico ist er zur Weltklasse gereift und könnte bei Chelsea schon bald das Erbe von Cech antreten. Doch auf dem Weg zum CL-Titel könnte er zum Blues-Bremsstein werden.

Madrid. Jose Mourinho hat mal wieder zu Spekulationen Anlass gegeben: Vor dem Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Atletico Madrid trainierte Chelsea-Keeper Petr Cech plötzlich wieder mit. Im Hinspiel vor einer Woche hatte sich der 31-Jährige noch saisonaus-verdächtig die Schulter ausgekugelt und musste durch Veteran Marc Schwarzer ersetzt werden. Nicht wenige wittern darin einen Bluff Mourinhos, um den Gegner zu verunsichern. 

Sollte Cech aber dennoch auflaufen, ist es gut möglich, dass Mourinho Chelseas Vergangenheit und  Zukunft im Tor gleichzeitig auf dem Platz sieht. Mit Thibaut Courtois, bis zum Sommer noch an die Spanier verliehen, steht bei Atletico der Mann zwischen den Pfosten, der Cech nur allzu bald beerben könnte. Mourinho soll Klub-Boss Abramowitsch drängen, den Belgier schon zur kommenden Saison heimzuholen und auf ein weiteres Jahr Ausleihe zu verzichten. Wahrscheinlich, dass er Cech dann bereits ablösen könnte.

"Enorme Beweglichkeit"

Courtois, der aus einer Volleyballer-Familie stammt, bringt alle Voraussetzungen mit. Vater Thierry war einst Profi, ebenso seine Mutter. Seine Schwester Valerie spielt für die belgische Frauenauswahl. Der junge Thibaut ließ aber schon früh erkennen, dass er lieber mit dem Rücken zum Netz steht und Bälle besser fängt als schmettert. Mit 16 bereits gab er 2009 er sein Profi-Debüt bei Genk, dem er damals zur ersten Meisterschschaft seit 2002 verhalf.

Chelsea wurde aufmerksam, verpflichtete den jungen Keeper perspektivisch als Nachfolger von Petr Cech und lieh ihn sogleich an Atletico Madrid aus. "Mich überraschte vor allem seine Spannweite, seine Schnelligkeit und die für seine Größe beachtliche Beweglichkeit", schilderte Joan Mesquida, Assistent des damaligen Atletico-Trainers Gregorio Manzano, jüngst gegenüber El Pais seine ersten Eindrücke des damals 18-Jährigen. "Dann habe ich gleich gesagt: Den holen wir."

In seinen drei Jahren am Manzanares ist Courtois in den Augen der meisten Beobachter zur Weltklasse gereift, gewann mit den Rojiblancos die Europa League, die Copa del Rey und den UEFA Supercup. Der belgische Nationalspieler ist das I-Tüpfelchen auf dem Defensiv-Kunstwerk, zu dem Trainer Diego Simeone Atletico geformt hat. Dass er die meisten Zu-Null-Spiele in der Primera Division (20) hat, liegt auch an dem bis zur Perfektion betriebenen Pressing der Colchoneros. Doch wenn das Bollwerk hin und wieder bröckelt, ist da immer noch Courtois.

Imposant und nervenstark

Der Belgier bekommt weit weniger auf den Kasten als viele seiner Kollegen, zeigt dann aber jene Qualität, von der man bei Torhütern des höchsten Niveaus so gerne spricht. "Er ist der Typ Torwart, den Stürmer weder sehen noch auf ihn schießen wollen, weil er die Winkel gut abdeckt", schildert Mesquida. Eine imposante Figur gepaart mit Nervenstärke - Eigenschaften, die speziell an Petr Cech denken lassen und die ihn für Mourinho so interessant machen.

Kaum einer kennt die psychologischen Aspekte des Ballspiels so gut wie Chelseas Trainer. Mourinho will einen, der seine Mannschaft auch Spiele gewinnen lässt, die sie gar nicht gewinnen dürfte. Der über sich hinauswächst, wenn sein Konzept des Mit-Mann-und-Maus-Verteidigens tatsächlich einmal überlistet wird. Und auf den die Defensivspieler sich verlassen können. "Er gibt uns Ruhe und Sicherheit und braucht dazu keine großen Worte", sagt Mitspieler Tiago Mendes über Courtois.

Dabei ist der 21-Jährige alles andere als ein Leisetreter. Überliefert ist die Anekdote vom 18-Jährigen, der bei Genk nach einem 0:3 gegen Brüssel seine Mannschaft als "zu entspannt" kritisierte. Nationalmannschafts-Konkurrent Simon Mignolet wies er an, "demütig und respektvoll" zu bleiben, nachdem der Liverpool-Keeper erklärt hatte, um seinen Platz im belgischen Tor kämpfen zu wollen. Chelsea ließ er wissen, dass er nicht gedenke, nur als Ersatzmann Cechs zurück nach London zu kommen.

COURTOIS VS CECH - SAISONVERGLEICH
 
21 ALTER 31
34 LIGA-SPIELE 34
20 GEGENTORE 24
75,9% GEHALTENE SCHÜSSE 77,1%
10 CL-SPIELE 10
5 CL-GEGENTORE 7
83,3% GEHALTENE SCHÜSSE 77,4%

Dass er markigen Worten aber auch Taten folgen lässt, zeigte Courtois im Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona, als er seine wohl beste Saisonleistung zeigte und mit seinen Paraden nacheinander Busquets, Iniesta und Messi zur Verzweiflung brachte. Das Remis war die Grundlage für das Weiterkommen. "Wir hatten gute Chancen zum 2:1, doch dank Courtois steht es 1:1", stellte Abwehrtalent Marc Barta nach Abpfiff ratlos fest.

Damit der 1-98-Meter-Riese nicht auch die Blues-Stürmer Torres, Eto'o & Co. auf dem Weg ins Finale ausbremst, berief sich Chelsea nach der Halbfinal-Auslosung auf eine Vertrag-Klausel, nach der Atletico für einen Einsatz gegen den Stammverein eine Gebühr von rund drei Millionen Euro hätte bezahlen sollen. Die UEFA schritt ein und erklärte das Regelwerk für nichtig. Abgelenkt hat das Gezerre um seine Person Courtois, der als extrem ehrgeizig gilt, allerdings nicht. "Chelsea ist Favorit, aber das war Barca ja auch", sagt er selbstbewusst vor der Begegnung mit den Blues.

"Chelsea ist Favorit, aber das war Barca ja auch"

"Er ist ruhig und bereit und wird uns helfen. Trotz seiner Jugend ist er extrem professionell", schwärmt Ex-Wofsburger Diego in El Mundo vor dem Rückspiel und traut Courtois weiterhin "Großes" zu. Auch in Chelseas Umfeld hat man längst gemerkt, dass die Zeit für eine Wachablöse gekommen sein könnte. "Ich würde den Besten reinstellen und das ist Courtois", fand Ex-Spieler Jimmy Floyd Hasselbaink unlängst.

Zumal der personelle Umbruch bei Chelsea unter Mourinho mit Spielern wie Hazard, Schürrle oder Oscar erahnbar wird. The Special One signalisierte neulich zwar, dass Effizienz und Pragmatik immer noch Vorrang vor Jugendwahn haben, als er von großen Talenten Chelseas sprach, die "noch nicht soweit sind." Doch an Courtois dürfte er dabei kaum gedacht haben.

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