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Nicht einmal Guardiola könnte Barcelona aus der Krise führen

Die Katalanen stehen nach der Niederlage im Pokal-Finale vor einer Saison ohne großen Titel. Es wird deutlich: Veränderungen müssen her.

KOMMENTAR
Von Ben Hayward aus dem Mestalla-Stadion

Vielleich hatte Pep Guardiola recht. Nach vier fantastischen Jahren beim FC Barcelona, in denen er zum erfolgreichsten Coach der Vereinsgeschichte wurde und 14 von 19 möglichen Titeln holte, trat der heutige Trainer des FC Bayern München zurück. "Ich konnte die Spieler nicht mehr motivieren", sagte der Übungsleiter, der einen Spielstil kultiviert hatte, für den ihn die Fußball-Welt beneidete.

Guardiola wusste ganz genau, wie er spielen lassen wollte, und kreierte so die größte Barca-Mannschaft der Geschichte. In den ersten 15 Monaten gewann er alles. Aber gerade einmal zwei Jahre nach seinem Abschied ist das Team nur noch ein Schatten seiner selbst.

Nach der schmerzhaften Niederlage gegen die Bayern im Champions-League-Halbfinale der letzten Saison, als die Katalanen insgesamt sieben Tore kassierten und keines schossen, wurden die Barca-Verantwortlichen gezwungen, eine Kursänderung vorzunehmen. Der damalige Coach Tito Vilanova erlitt in seinem Kampf gegen den Krebs einen Rückschlag und musste im Sommer seinen Posten aufgeben.

Während der Barca-Vorstand machtlos mit ansehen musste, wie Guardiola seinen Hut nahm, schien die Entscheidung für Tito Vilanova die naheliegendste zu sein. Jedoch wurde nicht berücksichtigt, was für das Team wichtig war, stattdessen klammerte man sich an vergangene Erfolge und vertuschte so die eigenen Fehler. Die Tatsache, dass man mit 100 Punkten Meister wurde und damit einen Rekord einstellte, schien Präsident Sandro Rosell recht zu geben. Es täuschte aber nur über die Probleme hinweg, die hinter den Kulissen bestanden.

Graue Tage | Für Martino spricht momentan nicht viel
 

Das Debakel gegen die Bayern war nur ein Teil davon. In der Saison 2012/13 gewann Barca gegen Real Madrid nur eines von fünf Spielen, verlor beim AC Mailand und setzte sich nur denkbar knapp gegen Paris Saint-Germain durch. Gegen die großen Teams lief Guardiolas Barca zur Höchstform auf. Titos Mannschaft hingegen enttäuschte in solchen Partien.

Die Entscheidung für Vilanova war nicht ohne Risiko, nachdem Guardiolas Assistent in der Spielzeit 2011/12 aufgrund seiner Krebserkrankung eine Auszeit nehmen musste. Nach einem erneuten Ausbruch kurz vor Weihnachten 2012 stand Barca für einige Wochen ohne Anführer da und ohne wirklichen Notfallplan.

Das war natürlich ein Rückschlag, kann aber auch nicht als Entschuldigung genommen werden. Vilanovas Entscheidung, Alex Song als Mann für das Mittelfeld und die Verteidigung zu verpflichten, ist eine, für die der Verein noch immer bezahlen muss. Zudem wurden andere Baustellen ignoriert, die durch Lionel Messis Tore verschleiert wurden.

Die fehlende Motivation, von der Guardiola gesprochen hat, kam langsam wieder zurück, auch wenn in der Liga alles gut lief. Jedoch verließ man sich dabei zu sehr auf das eigene Glück. Durch die guten Ergebnisse wurden die Probleme in der Defensive, das alternde Mittelfeld sowie zu viel Abhängigkeit von einem ausgebrannten Messi, der sich wenig später verletzen sollte, überstrahlt.

Die vernichtende Pleite gegen Bayern brachte Barca schließlich auf den Boden der Tatsachen zurück - mit voller Wucht. Die 1:3-Niederlage gegen Real Madrid in der Copa del Rey tat ihr Übriges. "Der Meistertitel und zwei Halbfinals sind immer noch eine gute Saison-Ausbeute", so Vilanova. In Wahrheit war nur die Hinrunde positiv, in der man in der Liga 55 von 57 möglichen Punkten holte. In der Rückrunde waren es nur noch 45, hinzu kamen die Pleiten nach lustlosen Auftritten in den Pokalwettbewerben.

Abhängigkeit von Messi | Vilanovas Mannschaft lebte vom Können des Argentiniers
 

Nachdem Tito zum Rücktritt gezwungen wurde, reagierte der Barca-Vorstand erneut panisch. Diesmal fiel die Wahl auf Gerardo Martino. Die Verpflichtung des Argentiniers, der wie Messi in Rosario geboren wurde, habe nicht etwa etwas damit zu tun, dass man den viermaligen Weltfußballer glücklich machen wollte, erklärte der Klub. Nicht nur der frühere spanische Mittelfeldspieler Albert Luque aber zweifelte das an, als er in einer TV-Diskussion meinte: "Könnte man sich Martino bei Barca vorstellen, wenn Messi nicht da wäre? Unmöglich."

Wie Vilanova hatte auch Martino einen guten Start mit positiven Ergebnissen, wobei Barca aber trotzdem nicht so überzeugend wie in früheren Tagen auftrat - selbst, als die Katalanen Manchester City in der Champions League besiegten und im Bernabeu gewannen.

So kam es dann auch schließlich zu jener katastrophalen Woche, in der Barcas Kartenhaus in sich zusammenfiel. Das Aus in der Champions League gegen Atletico Madrid war ein Schock, noch beunruhigender aber war die Form von Messi und sein stark ausbaufähiges Zusammenspiel mit Neymar. Beide treffen aktuell das Tor nicht, auch nicht am vergangenen Samstag, als man in der Liga in Granada verlor. Eine Niederlage, mit der sich Barca zumindest gefühlt aus dem Meisterschaftsrennen verabschiedet hat.

Das führte dazu, dass Johan Cruyff eine Rückkehr Guardiolas nahelegte. Eine Idee, die durchaus plausibel klingt, nachdem das Team gegen Real am Mittwoch die dritte Niederlage in Folge kassierte. "Das Beste für Barca wäre, wenn Guardiola zurückkommen würde", sagte der Niederländer diese Woche.


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Hätte sich Pep mit Barcelonas lustlosem Auftritt aus der ersten Hälfte im Mestalla zufrieden gegeben? Wahrscheinlich nicht. Hätte er es zugelassen, dass Dani Alves in der Nacht vor dem entscheiden Champions-League-Halbfinal-Rückspiel gegen Atletico ein Video von sich öffentlich macht, auf dem er tanzend, singend und scherzend zu sehen ist? Auf keinen Fall. Hätte er Alex Song geholt, um die Probleme in der Innenverteidigung zu lösen? Nur schwer vorstellbar.

Guardiola setzte für einen Verbleib voraus, dass einige Akteure der ersten Mannschaft auf der Verkaufsliste landeten. Nun spielen Alves, Gerard Pique und Cesc Fabregas noch im Camp Nou, allerdings werden sie nicht mehr von Pep trainiert.

Sir Alex Ferguson trennte sich einst von David Beckham, weil dieser sich nach Meinung der schottischen Fußball-Legende zu sehr auf Nebensächlichkeiten statt auf Fußball konzentrierte. Aus den gleichen Gründen hatte Pep seine Probleme mit Pique, Dani Alves und Fabregas.

Hinzu kommt, dass die im Mestalla Unterlegenen nicht mehr dieselben sind, die noch von 2008 bis 2011 jeden Gegner in Angst und Schrecken versetzt hatten. Kapitän Carles Puyol, einst einer der stärksten Innenverteidiger der Welt, kommt nichtmal mehr zum Einsatz, wenn die anderen Abwehrspieler verletzt sind. Xavi bleibt wichtig, ist allerdings im hohen Alter nicht mehr auf absolutem Spitenniveau. Spieler wie Eric Abidal und Seydou Keita, die alles für den Klub gaben, sind nicht mehr da.

Messi ist seit seiner Verletzung nicht mehr der Weltfußballer der vergangenen Jahre, die Verpflichtung Neymars hat für Ärger gesorgt und die Gegner wissen mittlerweile, wie man Barcelona eventuell ausschalten kann. Die meisten der Superstars haben alle Titel geholt – die schwache Planung ist gleichbedeutend mit einer fehlenden Entwicklung. Aber damit nicht genug: Viele der Katalanen scheinen sich für die anstehende WM in Brasilien zu schonen. Ein Armutszeugnis!

Das Beste für Barcelona wäre, wenn Guardiola zurückkäme. Ich denke, Joan Laporta würde ihn auch holen.

- Johan Cruyff


Als Guardiola Barcelona übernahm, sah er das Potenzial seiner goldenen Generation sofort. Er wusste, dass sie nur die nötige Fürsorge brauchten, um Großes zu erreichen. Das gleiche sah er dann beim FC Bayern. Die Mannschaft von Jupp Heynckes war schon die beste der Welt, bevor sie das Triple holte.

Blickt er jetzt zurück, zurück nach Barcelona, dann sieht er kaum mehr Potenzial. Wird er irgendwann zurückkehren? Eines Tages sicherlich, aber nicht in naher Zukunft. Warum würde er das wollen? In diesem Zustand brauchen die Katalanen einen radikalen Umschwung, ein neues Projekt und eine Veränderung in der Vereinsführung. Das braucht Zeit. Guardiola ist derzeit in München besser aufgehoben. Und selbst eine Rückkehr wäre nicht die sofortige Lösung für alle Probleme der Katalanen.

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