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Hannover taumelt ins Chaos

Nach der Derby-Pleite könnte die Stimmung in Niedersachsens Landeshauptstadt schlechter kaum sein. Das 96-Team taumelt, Fans und Verein sind schon lange keine Einheit mehr.

Hannover. Keine Frage, bei Hannover 96 liegt momentan Einiges im Argen. Die Geschehnisse im und um das für viele Anhänger wichtigste Spiel des Jahres haben einen vorläufigen Tiefpunkt markiert. Die Mannschaft wollte in der Partie beim Erzrivalen Eintracht Braunschweig zurück in die Erfolgsspur und den Fans einen Derby-Sieg schenken, zeigte aber einen katastrophalen Auftritt und ließ sich vom Bundesliga-Tabellenletzten mit 3:0 abschießen.

Es war die vierte Niederlage in Folge, die 96er taumeln der zweiten Liga entgegen. Genervt waren viele 96-Fans aber schon vor der Partie. Das von Verein und Polizei ausgearbeitete Sicherheitskonzept sah vor, die Anhänger der Roten dazu zu zwingen, per organisiertem Konvoi in einem Bus nach Braunschweig zu reisen. Eine individuelle Anfahrt sollte nicht möglich sein. Dagegen hatten elf Auswärtsdauerkarteninhaber geklagt - und Recht bekommen.

96 spielt auf Zeit

Mit einem Gerichtsvollzieher fuhren sie Freitag bei der 96-Geschäftsstelle vor, um sich ihre Karte abzuholen, die ihnen eigentlich erst im Bus ausgehändigt werden sollte. 86 weitere Anhänger wollten es den elf Klägern am Samstag gleichtun, wurden aber daran gehindert, weil 96 gegen die zuständige Richterin einen Antrag auf Befangenheit stellte. So konnten die einstweiligen Verfügungen nicht mehr rechtzeitig erlassen werden.

Ob es clever ist, wenn ein Verein, der vor Gericht eigentlich eine Niederlage einstecken musste, die eigenen Fans mit einer juristischen Spitzfindigkeit austrickst, mag jeder für sich selbst beurteilen. Fakt ist, dass das Verhältnis zwischen Nordkurve und Vereinsvorstand von Woche zu Woche angespannter wird.

Ohnehin entschieden sich viele Anhänger aus dem harten Kern gegen eine Anreise zum Spiel und stattdessen für die Teilnahme an einer Demo, die ein Zeichen gegen den Buszwang und für die Reisefreiheit setzen sollte. Im Eintracht-Stadion war die Stimmung im 96-Block entsprechend gedämpft. Wo sonst lautstarker Support zu hören ist, waren lediglich zarte Anfeuerungsrufe zu vernehmen - und das im großen Derby.

Was die Unterbindung von Krawallen aus Reihen der 96-Anhänger angeht, mag das Sicherheitskonzept aufgegangen sein. Für die Stimmung im Auswärtsbereich war es tödlich. Die Eintracht-Fans feierten umso mehr. "Wolfsburg war lauter", stichelten sie gegen die Anhänger des Erzrivalen. Sie dürften damit recht gehabt haben.

Zielers "Schweine-Ball"

Auf dem Platz nahm das Unheil für 96 früh seinen Lauf. Schon nach 14 Minuten ließen sich die Hannoveraner auf der rechten Seite düpieren, Ken Reichel brach durch und legte den Ball in die Mitte, wo Ron-Robert Zieler patzte und den Ball vor die Füße von Domi Kumbela beförderte, der zum 1:0 einnetzte. "Das war ein Schweine-Ball für den Torwart", versuchte der 96-Keeper die Situation zu erklären. "Gehst du nicht raus, schiebt ein Stürmer wohlmöglich ein. Festhalten konnte ich den Ball auch nicht. Das ist sicherlich extrem unglücklich gelaufen."

Wenig später war es Innenverteidiger Marcelo, der nicht gut aussah, Nutznießer Havard Nielsen stellte auf 2:0. "Inakzeptabel" bewertete 96-Präsident Martin Kind die Leistung seines Teams nach dem ersten Durchgang. Nach dem Seitenwechsel holte sich zunächst Andre Hoffmann für ein überaus dummes Foul an Mirko Boland die Rote Karte ab, kurz vor Schluss setzte Jan Hochscheidt den Schlusspunkt. Das Abwehrverhalten der Hannoveraner beim 3:0 war nicht mal mehr zweitligareif.

"Wir sind riesig enttäuscht über die Leistung, über die Art, über die Niederlage", rang 96-Kapitän Lars Stindl nach Worten. "Wir wollten hier unbedingt gewinnen, um den Abstand zu wahren, nicht unten reinzurutschen und vor allem, um uns mit unseren Fans zu versöhnen." Von einer Versöhnung ist man jedoch so weit entfernt wie noch nie.

Dufner stärkt Korkut

Die Mannschaft musste sich bei ihrer Ankunft in Hannover einer aufgebrachten Menge stellen, dabei sollen Flaschen und Feuerwerkskörper in Richtung 96-Protagonisten geflogen sein. Es gab Sprechchöre gegen Martin Kind und Sportdirektor Dirk Dufner, der kurz nach dem Spiel derweil Tayfun Korkut den Rücken stärkte: "Von der Trainingsarbeit des Trainers bin ich nach wie vor total überzeugt. Er macht das auch im Umgang mit den Jungs gut." Von einer Trainerentlassung will er daher nichts wissen: "Irgendwelche Aktionismen helfen nicht."

Korkut, der nach zwölf Spielen lediglich drei Siege vorweisen kann, richtete sich wie einige Spieler schließlich noch selbst an die 96-Anhänger. Via Megaphon versuchte er vor dem Stadion in Hannover, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Laut SID kamen die Worte "die Mannschaft hat alles gegeben" jedoch nicht allzu gut bei den Fans an. Wie die Neue Presse Hannover berichtet, schaffte es letztlich Zieler, die Wogen zu glätten. "Es tut mir so leid für euch!", soll der Schlussmann den Anhängern zugerufen haben.

Zieler hatte schon in Braunschweig deutlich gemacht, dass sich nun "jeder Einzelne" der Kritik stellen müsse. "Ich kann die Enttäuschung der Fans zu hundert Prozent nachvollziehen. Das Derby ist für die Region von unheimlich großer Bedeutung." Daher tue die Niederlage "extrem weh, sowohl für uns, als auch für die Fans". Der Blick auf die Tabelle wird die Stimmung nicht verbessern: Nur noch zwei Punkte Vorsprung hat 96 auf den Relegationsplatz. Auf dem steht der Hamburger SV, der nächsten Samstag in Hannover zu Gast ist. Der dortige Trainer heißt übrigens Mirko Slomka.

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