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Debatte zu Toni Kroos: Verlängerung oder Abschied?

Im Sommer 2015 läuft Kroos' Kontrakt bei Bayern aus. Er scheint auf Zeit zu spielen, den Marktwert zu testen. Doch was ist das Beste für ihn? Eine Debatte über seine Zukunft.

München. Toni Kroos entkam bei der Auslosung zur Champions League vermutlich ein Lächeln. Erst stockten die Verhandlungen, dann brodelte die Gerüchteküche. In Nyon offenbarte sich die Ironie des Schicksals. Bayern München trifft im Viertelfinale auf Manchester United. Auf jenen Verein, der ihn nur allzu gerne verpflichten möchte.

Im Old Trafford sind die Augen auf den 24-Jährigen gerichtet. Beim Punktverlust gegen Hoffenheim saß er in Begleitung seiner Liebsten auf der Tribüne, wurde geschont. Womöglich sollte er auch nur von nervenden Fragen isoliert werden. Am Dienstag (ab 20.45 Uhr im GOAL-Liveticker) ist er, seine Fertigkeit im Aufbauspiel, gefragt. Besonders nach Thiagos Ausfall und bei krisengebeutelten Red Devils.

Manchester United: Gefangen in der Vergangenheit

Ob der brisanten Konstellation widmet sich Goal der Frage aller Fragen: Vertragsverlängerung oder Abschied – wie sollte sich Kroos entscheiden?

EINER WIE KROOS IST UNVERZICHTBAR FÜR GUARDIOLA

Von Christoph Köckeis

"Den FC Bayern verlässt man nicht, nicht einmal für Real oder Barca." Jupp Heynckes mag befangen sein. Er, der Triple-Coach, förderte Toni Kroos einst. Erst bei Leverkusen, danach in München. Es mag Polemik mitschwingen. Doch im Kern der Aussage steckt reichlich Wahrheitsgehalt: Der Rekordmeister ist in heimischen Gefilden das Maß aller Dinge – sportlich wie finanziell. International thront er nach dem Wembley-Triumph über der Konkurrenz. Über den Königlichen. Auch über Barcelona.

Wer nach Titeln strebt, verlässt den Vorzeigeklub keineswegs. Zumindest nicht freiwillig. Schon gar nicht jetzt. Pep Guardiola, der erfolgreichste Trainer der Neuzeit, übernahm im Sommer die weltbeste Elf. Eine Liaison mit unvergleichlicher Strahlkraft. Gemeinsam können sie eine Ära prägen. Kroos soll dabei mit tragenden Pflichten bedacht werden. So hat es die Führungsriege geplant. So beteuerte es der Spanier höchstselbst.

Trotzdem fanden beide Parteien auf dem Verhandlungstisch nicht zueinander. Mittlerweile liegen die Gespräche auf Eis. Zu groß die Kluft, zu hoch die Forderung. Wie üblich in der Branche trennt sie schnöder Mammon. Rund acht Millionen Euro soll Kroos gerüchteweise fordern, dies käme laut Bild einer Gehaltserhöhung um satte 80 Prozent gleich. Qualität hat eben ihren Preis. Er möchte sich nicht unter Wert verkaufen. Sich vielmehr in eine Klasse hieven, die seine Kollegen längst erreicht haben.

Ob Thomas Müller, Thiago oder Mario Götze. Sie verdienen allesamt mehr. Fußballerisch ist er ihnen gewachsen, wenn nicht entwachsen. Technisch hochveranlagt brilliert er im Mittelfeld auf zentralen Positionen. Offensiv als Primgeiger, auf der Sechs, auf der Acht, stets mit dem Auge für das Richtige und physischer Robustheit. Genau jene Vorzüge machen Kroos unverzichtbar.

Im System Guardiola könne er, so formulierte es Heynckes, zum "Kopf der Mannschaft" reifen. Ein Reiz, der im Poker um neue Arbeitspapiere von übergeordneter Relevanz sein sollte. Und sein wird. Die Führungsriege um Sportvorstand Matthias Sammer weiß die jüngsten Entwicklungen entsprechend einzuordnen. Sie kennen die Spielchen. Nun greift zunächst ein klassischer Mechanismus: Kroos sondiert den Markt.

Gewiss wäre die Premier League, etwa Manchester United, ein Geldsegen. Fans philosophieren noch heute bedeutungsschwanger über das "Mutterland des Fußballs". Letztlich bietet sein jetziger Arbeitgeber aber das, was einem wichtig ist: Einen Weltklasse-Coach, kongeniale Mitspieler sowie europaweit das gesündeste Umfeld. Kroos wird den Verlockungen widerstehen. Den FC Bayern verlässt man nicht. Genauso wenig lässt Sammer einen Profi seines Formats, der gen Höhepunkt seines Schaffens tendiert, ziehen. Dessen sind sich beide bewusst.

BEI UNITED KANN KROOS ZUM HELDEN WERDEN

Von Falko Blöding

Toni Kroos hält im Poker um seine Zukunft ein wirklich gutes Blatt in seinen Händen. Die Frage ist nun, was will er wirklich? Will er dieses Blatt ausreizen, um für ein höheres Gehalt bei den Bayern zu bleiben? Oder zieht es ihn tatsächlich ins Ausland?

Der 24-Jährige ist nun an einem Punkt in seiner Karriere angekommen, an dem er keinen Welpenschutz mehr genießt. Er verfügt bereits über massig Erfahrung in allen Wettbewerben, und um den nächsten Entwicklungsschritt zu unternehmen, sollte er mutig sein und in einer fremden Liga anheuern. Manchester United ist scharf auf ihn, und trotz der miesen Saison der Red Devils ist United noch immer eine ganz große Nummer. Englands Rekordmeister ist bereit, für ihn richtig tief in die Tasche zu greifen. Der deutsche Rekordmeister scheint dazu indes nicht bereit. Jedenfalls lassen die auf Eis liegenden Verhandlungen darauf schließen.

Bei United könnte er eine Symbolfigur werden. Einer, der kam, als es keine Champions League gab und der den Verein zurück in die Erfolgsspur geführt hat. Wäre das nicht mehr wert, als der x-te souveräne Titel in der von den Bayern dominierten Bundesliga? Manchmal sollte man auch den beschwerlicheren Weg gehen. Die Befriedigung, die am Ende stehen kann, ist umso größer.

Das Argument, es gebe für Kroos dann nächstes Jahr keine Königsklasse, zieht auch nicht wirklich. Zum Beispiel holte Manchesters Erzrivale Liverpool einst Luis Suarez ohne Champions League. Und nicht zuletzt die Bayern verpflichteten 2007 nach dem Verpassen der Champions League Miroslav Klose, Franck Ribery und Luca Toni. Dem Vernehmen nach möchte Manchester in diesem Sommer rund 150 Millionen Euro in die Mannschaft pumpen. Keine Frage, der Klub strebt zügig wieder an die nationale (und internationale) Spitze.

Kroos sollte sich ein Beispiel an seinen Nationalmannschaftskollegen Sami Khedira, Per Mertesacker oder Mesut Özil nehmen. Sie alle schwärmen, wie auch Lukas Podolski und Andre Schürrle, von den wertvollen Erfahrungen, die sie im Ausland gesammelt haben. Eine neue Sprache, eine neue Kultur, eine neue Umgebung: Was kann es Besseres geben für die Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Manns?

Die oben genannten Spieler haben sich außerdem auch spielerisch enorm verbessert. Sie genießen allesamt einen höheren Stellenwert als noch zu Bundesligazeiten, und auch ihr Standing in der Nationalelf hat sich verbessert. Diesen Weg kann auch Kroos einschlagen. Der gebürtige Greifswalder ist ein genialer Kicker, technisch ungemein versiert, schussstark und passsicher. Aber er ist auch einer, der bisweilen einen Hang zu phlegmatischen Auftritten hat. Als Führungskraft bei einem ausländischen Topklub könnte er auch dieses Attribut loswerden.

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