thumbnail Hallo,

Die Thiago-Diagnose überschattete das Remis gegen Hoffenheim: Guardiola verlor seinen Schlüsselspieler. Ein Tribünengast rückt für das Spiel gegen Manchester United in den Fokus.

München. Relaxed schlenderte er den Rang herab. Bestens gelaunt, mit etwas Verspätung, nahm er Platz. Den Sohnemann im Arm, die Freundin an der Seite. Toni Kroos erlebte den 28. Spieltag aus der Zuschauerperspektive. Ihm wurde eine Pause gegönnt. Bei frühlingshaften Temperaturen sah er, wie die Anhänger nochmals den 24. Titel, den frühesten der Bundesliga-Historie, zelebrierten. Getrübt wurde die kollektive Feiertagslaune beim 3:3 des FC Bayern gegen 1899 Hoffenheim lediglich von einem Moment. Von der 25. Minute.

Nach einem Foulspiel humpelte Thiago Alcantara vom Rasen. Sein schmerzverzerrtes Gesicht ließ nichts Gutes erahnen. Rund eineinhalb Stunden später die ernüchternde Diagnose: Innenband-Verletzung im rechten Knie. Ob des ausgedehnten Teilrisses ist gar ein Gips erforderlich, teilte Mediendirektor Markus Hörwick mit.

Dem Spanier droht eine Zwangspause von sechs bis acht Wochen und somit das vorzeitige Saisonende. "Das ist natürlich sehr, sehr bitter", erklärte Philipp Lahm. "Er ist ein wichtiger Spieler bei uns, der über das gewisse Etwas verfügt. Wenn jemand ausfällt, ist das immer schade, bei ihm ganz besonders." Der erstmalige Punktverlust der Münchner seit 19 Spielen rückte dabei in den Hintergrund.

"Wir sind schlechter ohne ihn"

Thiagos Ballsicherheit auf engstem Raum, sein unwiderstehliches Auge für den tödlichen Pass machen ihn zu einem Schlüsselfaktor. Er mimt den Taktgeber im Zentrum, ist gewissermaßen das Herz. Er fehlt nun in den anstehenden richtungsweisenden Begegnungen. Pep Guardiola machte keinen Hehl daraus, wie schwer dieser Ausfall wiegt: „Es ist ein großer Verlust, wir sind schlechter ohne ihn.“

Sofern der Heilungsprozess erwartungsgemäß verläuft, stünde der 23-Jährige erst im Finale des DFB-Pokals (17. Mai) oder der Champions League (24. Mai) wieder zur Verfügung. Eine WM-Teilnahme ist ungewiss. "Das ist ein katastrophaler Zeitpunkt", sagte Thomas Müller im Hinblick auf das Viertelfinal-Gastspiel gegen Manchester United: "Vor allem wenn es in einem Spiel passiert, in dem es für uns nicht mehr um viel ging, ist es extrem bitter."

Wenige Tage nach dem meisterlichen 3:1 in Berlin wurde das Ensemble durcheinander gewürfelt. Mitunter rotierten Manuel Neuer, Jerome Boateng, David Alaba sowie Mario Mandzukic aus der Startformation. Die neuformierte Viererkette um Daniel van Buyten und Diego Contento geriet in der Allianz Arena mehrmals in Bedrängnis.

Gisdol forderte volles Risiko

Man wirkte behäbig, fast unkonzentriert. Ob im Aufbau. Oder im gegnerischen Strafraum. Kapitän Lahm, für Thiago eingewechselt, bat um Nachsicht: "Wir eroberten die Schale, hatten zwei Tage frei und bereiteten uns danach auf Samstag vor. Es ist nicht immer einfach." Die Glanzlichter der vergangenen Monate würden auf harter Arbeit basieren: "Man muss dem Team großen Respekt entgegenbringen, dass sie die Leistung immer bringt. Diesmal hat es nicht so funktioniert."

Das lag nicht zuletzt an Hoffenheim. Früh attackierten die Gäste, trieben Bayern zu Fehlpässen. Das mutige, initiative Auftreten wurde belohnt. Anthony Modeste (23.) war der Hintermannschaft enteilt, schob eiskalt an Tom Starke vorbei zur Führung ein. Der Rekordmeister reagierte. Innerhalb von 14 Minuten herrschten dank"Doppelpacker" Claudio Pizarro sowie Xherdan Shaqiri klare Verhältnisse. Vermeintlich.

Die TSG steckte nicht auf, erwischte, so Markus Gisdol, einen "Sahnetag". Kurz vor dem Seitenwechsel zirkelte Sejad Salihovic in bekannter Manier einen Freistoß in die Maschen. "Hier in München", so Andreas Beck, "zurückzukommen, tut uns gut. Wir konnten ihnen unser Spiel aufzwängen. Der Trainer wollte volles Risiko gehen."

"Dann sind wir nicht so gut"

Von der bayrischen Selbstverständlichkeit blieb nach Roberto Firminos Ausgleich wenig übrig. Der neue und alte Champion konnte nicht mehr zusetzen. Vielmehr schien die Rekordserie von 52 ungeschlagenen Partien en suite gehörig in Gefahr. "Wir haben nicht viele Lösungen gefunden", weiß Guardiola. Der katalanische Taktiker versuchte seine Mannen in der Schlussviertelstunde nach vorne zu peitschen. Erfolgslos.

Seine Analyse fiel treffend wie einleuchtend aus: "Fußball ist ein schwieriges Spiel, wenn man den Ball nicht hat und man nicht viele Pässe spielen kann. Dann sind wir nicht so gut. Es geht nicht darum konzentriert zu sein, viel zu laufen." Bayern definiere sich über Dominanz, über Ballbesitz. Ist dieser nicht vorhanden, bekomme man "Schwierigkeiten".

Einer, der jenes Dogma zur Perfektion verkörpert, fällt nun aus. In den Wochen der Wahrheit wird Guardiola seinen Wunschspieler schmerzlich vermissen. Der Kader verfügt jedoch über reichlich Alternativen, um Thiagos Abwesenheit zu kompensieren. Auf der Bank gegen Hoffenheim mit den defensiveren Javi Martinez und zunächst Lahm. Und auf der Tribüne mit Kroos. Im Old Trafford wird sein Arbeitstag bestimmt weniger entspannt.

Dazugehörig