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Guardiola sah sich mit riesigen Erwartungen konfrontiert – und übertraf sie mit verblüffender Leichtigkeit. Was steckt hinter den Rekorden? Wie veränderte er die Triple-Bayern?

München. Pep Guardiola hat ein feines Gespür. Intuitiv setzt er richtige Akzente. Ob wild gestikulierend als Choreograph an der Seitenlinie. Oder in einer ruhigen Minute vor dem heimischen Kleiderschrank. Mit der Krönung in Berlin. Gewohnt energisch dirigierte er den FC Bayern zum 24. Meistertitel, dem frühesten der Bundesliga-Historie.

Im feinen Zwirn herzte der spanische Chef jeden. Erst umarmte er die treue Gefolgschaft, danach seine erfolgreichen Stars. Letztere animierten ihn, den dritten Titel – nach UEFA-Supercup und Klub-WM – unter seiner Regie zu zelebrieren. Vergeblich. Er genoss die kollektive Ausgelassenheit bei Temperaturen um den Gefrierpunkt aus der Ferne. Mit einer roten Kappe. Natürlich passend zum Kaschmirpulli.

Bayern: Die Meistersause im Olympiastadion

"Glückwunsch an alle für diese Riesensaison", grinste Guardiola und bedankte sich demütig beim Klub, bei den Spielern. Den Erfolg widmete er Ex-Präsident Uli Hoeneß, „der wichtigsten Person“ beim Rekordmeister. Doch auch der Trainer hätte allen Grund, sich feiern zu lassen. Sein "positiver Fanatismus", würdigte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, setzt in München neue Maßstäbe. Goal nahm Pep deshalb genauer unter die Lupe.

Der Mensch:

Es ist ein vertrautes Bild. Gespannt lauscht der 43-Jährige den zahlreichen Fragen. Vom Podium herab sucht er Blickkontakt zu den anwesenden Journalisten. Kurze Pause. Er überlegt, ordnet seine Gedanken, ergreift das Wort. In seiner sechsten Sprache, Deutsch, glänzte er bereits zu Amtsantritt. Seine Augen schweifen zur Seite. Nach Rechts, zu Mediendirektor Markus Hörwick. Eine prüfende Bewegung. Dabei finden die wohlformulierten Sätze ohnedies Anklang.

Guardiola, über zwei Jahrzehnte im Geschäft, erfolgreich wie kein Zweiter, versteht es, besonnen, aber bestimmt aufzutreten. Wenn es der Moment erfordert, wird seine Intonation schärfer. Etwa nach der Degradierung Mario Mandzukic' zum Rückrunden-Auftakt. Mit finsterer Miene blockte er damals ab: "Sie kennen meine Meinung, meine Entscheidung." Höflich, ohne zu toben.

Guardiola wird respektiert, obwohl er sich rar macht und versucht, das Privatleben zu schützen. Exklusive Interviewtermine sind einmalige Ausnahmen. Lediglich dem vereinseigenen Magazin stand er hierfür zur Verfügung. Er möchte keinen bevorzugen, keinen benachteiligen. Das stiftet Unruhe. Also werden jegliche Anfragen kategorisch verneint. Stattdessen besänftigt er bei Pressekonferenzen mit Engelsgeduld.

In Barcelona gerieten Routineveranstaltungen zum ausschweifenden, anderthalbstündigen Diskurs in die Welt der Taktik. In seine Welt. Er will kein Popstar sein, selbst wenn er dazu stilisiert wird. Keine Mode-Ikone, weil er maßgeschneiderte Anzüge trägt. Kein Philosoph, weil er Gedichte liest, der Kultur frönt. Am wohlsten fühlt sich Pep am Computer, im stillen Kämmerlein. Dort beobachtet ihn niemand. Kein Fan. Keine Kamera. Kein Verantwortlicher. Ein solch ruhiger Moment revolutionierte 2009 den Fußball.

Der Revolutionär:

Wir schreiben den 1. Mai, den Tag vor dem prestigeträchtigen Clasico. In den Katakomben des Camp Nou bereitete sich Guardiola akribisch vor, stundenlang studierte er Videos – wie immer. Plötzlich entdeckte er es, den entscheidenden Makel, einen bislang "versteckten" Freiraum. Lediglich Lionel Messi, den wieselflinken Flügelspieler, seine Vertrauensperson, weihte er in die Überlegungen ein. Im Zentrum, als Primgeiger getarnter Torjäger, sollte sich der später vierfach gekrönte Weltfußballer die Lücke zwischen gegnerischer Defensive sowie mannorientiertem Mittelfeld zunutze machen. Er tat dies bis zur Perfektion.

Real Madrid wurde im Kampf um Spaniens Vorherrschaft 6:2 demontiert. Von Messi (2 Tore / 1 Assist). Die Geburtsstunde der „falschen Neun“. Guardiola lebt für eben jene Geniestreiche, bezeichnet sie als größte Glücksmomente eines Trainers. Sie sind seine Obsession. "Manchmal sitze ich im Büro und habe nach zwei Stunden die Gedanken geordnet, manchmal brauche ich 20 Stunden", gestand er im Bayern Magazin. Für sich Innovationen zu beanspruchen – weit gefehlt. Schließlich richte er sein Team "nur" auf Schwachstellen des Kontrahenten aus. Nichts Besonderes, für ihn.

Hier gehts zur Chronologie des Titels

Hinter dem betörenden Ball steckt gleichwohl beinharte Arbeit. Früh war er von Taktik fasziniert, während zahlreiche Kollegen engstirnig Anweisungen befolgten, ihren Instinkten vertrauten. Nach dem Karriereende schärfte er seinen Blick in Fachsimpeleien mit Cesar Luis Menotti oder Marcelo Bielsa. Sie waren die Vorbilder. Er lernte von ihnen, saugte alles auf. Daraus konzipierte er eine Ideologie. Eine, mit welcher er den überragenden FCB zum mannigfaltigen Dauerdominator erwachsen ließ. Zum Meister nach 27 Spieltagen – das gab es noch nie.

Der Nachfolger:

Wer dachte, Jupp Heynckes' Bestmarken wären für die Ewigkeit, der irrte. Bei seiner öffentlichkeitswirksamem Präsentation bemühte sich der katalanische Nachfolger, die astronomischen Ansprüche zu dämpfen. Vor 250 Fragestellern hob Guardiola die jüngsten Meilensteine hervor, versprach allerdings entschlossen wie vielsagend: "Ich liebe es, anzugreifen." Mitte Juli wählte er selbst die Abteilung Attacke.

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Ohne die übliche Reserviertheit erkor er Thiago Alcantara, den früheren Schützling bei Barca und legitimen Xavi-Ersatz, zum Wunschspieler. 25 Millionen Euro machte die bayrische Führungsetage für das Einstandsgeschenk locker. Zuvor lotste man Mario Götze gen München. Beide prädestiniert für seinen Fußball. Vielseitig, wendig, technisch hochveranlagt. Den weitverbreiteten Tenor, man solle die Linie einfach beibehalten, ignorierte er. Er veränderte diese nicht komplett, vielmehr optimierte er sie. Denn er hat konkrete Fantasien, wie sein Orchester klingen muss.

"Wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt", so Uli Hoeneß, "wird er gewisse Dinge infrage stellen." Guardiola empfindet die tägliche Arbeit als nie endenden Prozess, zweifelt auch selbst an seiner Ausrichtung. Alles, um der Perfektion möglichst nahe zu kommen. So stabilisierte er nach anfänglichen Missverständnissen und der Supercup-Pleite gegen Borussia Dortmund das System. Und trieb die Flexibilisierung voran.

Er löste die Doppel-Sechs auf, zog mal Philipp Lahm dorthin. Mal Bastian Schweinsteiger. Oder Thiago. Javi Martinez, der eigentliche Abräumer, mimte beim Gastspiel in Dortmund gar den "destruktiven" Zehner, um die BVB-Bemühungen im Keim zu ersticken. Manchmal versuchte es Guardiola mit falscher Neun, öfter erhielt Stoßstürmer Mandzukic den Vorzug. Der Erfolgstrainer entwickelte sein Tiki Taka weiter, erfand sich nach dem Sabbatical in New York gewissermaßen neu. Unter ihm agiert der Rekordmeister variantenreicher als Barcelona, noch dominanter als im Vorjahr. Die Konkurrenz wird über Ballbesitz zermürbt. Auf jenem Zustand der Freiheit, dem geordneten Chaos, fußt die Leichtigkeit.

Der Charmeur:

"Seine große Leistung ist", lobte Rummenigge in der Sport Bild, „dass er die große Gefahr gemeistert und es geschafft hat, dass die Mannschaft nicht nachlässt, sondern mit ihren Erfolgen weitermacht.“ Durch stetig neue Aufgaben, im Training und im Ernstfall, torpediert er die gefährliche innere Ruhe. Die Selbstgefälligkeit, die Zufriedenheit. Im Zweifel eilt Sportvorstand Matthias Sammer, von dessen Arbeit er angetan ist, zur Hilfe. Stichwort Phantom-Diskussion.

Guardiola akklimatisierte sich im Kosmos Bayern. Er genießt das Vertrauen und den Respekt aller. Vom Ex-Arbeitgeber, seiner großen Liebe Barca, wandte er sich ab. Er wollte keine Vergleiche strapazieren. Stattdessen vermochte er die "Mia san Mia"-Mentalität zu stärken. Jeden pries er an. Den Reservisten oder den Kapitän. Diego Contento oder Philipp Lahm. Der eine sei "super-super", der andere "hoch intelligent". Trotz Luxuskader wurde die Stimmung hochgehalten.

Hier gehts zu den Stimmen zur Meisterschaft

"Ich halte ihn für einen hervorragenden Typ", sagte Mario Gomez, der zum AC Florenz flüchtete. "Ich bin dankbar für die zwei Wochen unter ihm. Seine Ansprache ist beeindruckend." Bewunderung statt Groll - bezeichnend. Kommunikation ist Guardiolas Trumpf. Der Senor kann jedoch knallhart sein, sofern es die Situation erfordert. Beim Elferstreit mit Arjen Robben etwa. "Ich bin ein Freund meiner Spieler, wenn sie akzeptieren, was ich sage. Wer die Entscheidungen annimmt, den unterstütze ich." Andere werden abgeschoben. Nachzufragen bei Zlatan Ibrahimovic.

Robben kehrte dagegen erstarkt zurück. Ebenso Mandzukic. Sie wurden bei der Ehre gepackt. Guardiola motivierte seine Sturköpfe, animierte sie zu Höchstleistungen. In Berlin versuchten das mitunter die Spieler bei ihm. Er zog es vor, die gesunde Distanz zu wahren, telefonierte lieber mit seiner Frau. So wollte es sein feines Gespür.

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