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Unschlagbar in Italien, Mittelmaß im Europapokal - Antonio Conte und sein Juve-Dilemma

Antonio Conte steuert mit Juventus Turin auf den dritten Scudetto in Serie zu. In Europa sieht es dagegen wieder schlecht aus. Aber warum ist das so?

KOMMENTAR
Von Carlo Garganese

Als Antonio Conte im Mai 2011 neuer Trainer von Juventus Turin wurde, da lagen die Bianconeri am Boden. Italiens erfolgreichster Klub in der Serie A hatte soeben die zweite Spielzeit in Folge auf einem enttäuschenden siebten Platz beendet. Zur Mannschaft zählten damals Spieler wie Armand Traore, Leandro Rinaudo und Jorge Martinez.

Der Zwangsabstieg in die Serie B nach dem Calciopoli-Skandal 2006 traf die Alte Dame hart und es gab ernsthafte Zweifel, ob sie jemals wieder so erfolgreich werden sollte wie zuvor. Doch der Effekt, den Contes Verpflichtung hatte, war auf Anhieb beeindruckend. Schon bei seinem ersten Match auf der Juve-Bank gewann der Rekordmeister mit 4:1 gegen Parma. Die Spieler begeisterten mit unnachgiebigem Pressing und spielten modernen, schnellen Fußball. Eben dieser sollte zur Visitenkarte des neuen Trainers werden.

Es fühlte sich damals wie eine Wiedergeburt der Mannschaft an und zu verdanken hatte sie dies nur einem Mann. Er hatte seine Spieler mental neu eingestellt: Sie waren zu Kriegern geworden und kamen dem Bild, das einst der Spieler Conte abgegeben hatte, sehr nahe. Dazu kam die außergewöhnliche Qualität von Spielern wie Andrea Pirlo oder Alessandro del Piero.

In der Serie A weltklasse

Die Statistiken in der Serie A sprechen eine deutliche Sprache: 2011/12 gewann Juventus den Scudetto ohne auch nur ein einziges Spiel zu verlieren. Keiner Mannschaft war dies gelungen, seitdem eine Saison in Italien 38 Spieltage dauert. Die Serie der ungeschlagenen Begegnungen dauerte schließlich 49 Partien an und sie ermöglichte eine bequeme Titelverteidung in der folgenden Spielzeit. Auch heuer dominiert der Titelverteidiger: In 28 Spielen setzte es nur eine Niederlage, 24 Matches wurden gewonnen. In Europas Topligen kann nur der FC Bayern 2013/14 eine bessere Bilanz aufweisen. Der Vorsprung auf die Roma beträgt satte 14 Zähler und der Meisterschaftshattrick ist nur noch eine Frage der Zeit.

Juventus IN ZAHLEN
Antonio Contes Europasorgen
0 Titel hat Conte in Europa gewonnen.
1 Anzahl der SIege in Contes letzten acht Champions-League-Spielen
13 Anzahl der Gegentore in jenen acht Partien, ein Spiel zu null gab es dabei nicht
35 Prozent der Spiele in der Königsklasse hat Coach Conte gewonnen
86 Prozent der Spiele hat Coach Conte in der Serie A diese Saison gewonnen
352 Die Lieblingsformation des Coaches, die in Europa nicht gut genig ist

Doch bei aller Dominanz auf heimischem Parkett ist unstrittig, dass Conte in Europa bislang versagt hat. Zwei Spielzeiten in der Königsklasse brachten die Bilanz von sechs Siegen, sechs Remis und fünf Niederlange. In dieser Saison setzte es gar das Aus in der Vorrunde. Dabei war die Gruppe mit Kopenhagen und dem krisengeschüttelten Galatasaray sicher nicht unlösbar. Nur eines der letzte acht Spiele in der Champions League gewann Contes Team und das 1:1 gegen die Fiorentina im Hinspiel des Europa-League-Achtelfinals vor einer Woche unterstreicht diese miese Bilanz weiter

Was ist also das Problem?

Zunächst müssen wir festhalten, dass die Dynamik in Pokalspielen sich von jener im Ligaalltag unterscheidert. Im Laufe einer langen und zermürbenden Saison, in der Fitness das A und O ist, ist immer der stärkste und am tiefsten besetzte Kader in der besten Ausgangslage, den Titel zu gewinnen.

Neben anderen wichtigen Faktoren sind auf der internationalen Bühne - mit Variablen wie unterschiedlichen Spielstilen, K.O.-Matches und der Auswärtstorregel - die Taktik und die Strategie enorm wichtig. Es gibt Trainer, die einfach besser zum Ligafußball passen. Einer davon ist der unbeirrbare Fabio Capello und ein weiteres Beispiel ist Arsenals Arsene Wenger, der taktisch Nachholbedarf hat. Und auf eben diesem Gebiet hat auch Conte sich in den letzten 18 Monaten nicht mit Ruhm bekleckert.

Vor einer Woche führten die Turiner daheim gegen die Fiorentina eine Viertelstunde vor dem Ende mit 1:0 und hatten die Begegnung komplett im Griff. Conte entschied sich unerklärlicherweise dazu, für den Angreifer Pablo Osvaldo mit Paul Pogba einen Mittelfeldspieler zu bringen. Wäre Juve unter Druck gewesen, es wäre eine nachvollziehbare Maßnahme gewesen. Stattdessen übernahm nun Florenz das Kommando und glich schließlich durch Mario Gomez noch aus. Taktisch hatte Conte alles verkehrt gemacht und seine Reaktion auf das schmerzhafte Auswärtstor der Gäste war sogar noch bizarrer: Für Flügelflitzer Mauricio Isla brachte er mit Simone Padoin einen defensiven Mittelfeldspieler.

Conte ist dafür bekannt, sich sehr akribisch auf das jeweils nächste Spiel vorzubereiten. Es kommt aber auch darauf an, während eines Spiels die richtigen Schlüsse zu ziehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Beim 0:4 in der Endabrechnung gegen die Bayern vor einem Jahr war Conte mit seinen Auswechslungen zu spät dran. Im Hinspiel wartete er bis zur 64. Minute, ehe er seine ineffektiven Angreifer Fabio Quagliarella und Alessandro Matri runternahm. Beim Rückspiel in Turin war es ähnlich: Da reagierte der Coach der Bianconeri erst, als Mario Mandzukic die Paarung nach dem Seitenwechsel entschieden hatte.

Diese Duelle mit Bayern und der Fiorentina zeigen auf, dass Conte entweder nur in Ausnahmesituationen bereit ist, seine Taktik zu ändern, oder dass er die falschen Wechsel vornimmt. Das gilt übrigens auch für seine grundsätzliche Taktik. Seit mehr als zwei Jahren vertraut Conte immer und immer wieder auf seine 3-5-2-Formation. In dieser ausführlichen Analyse zeigen wir auf, warum das in Europa nicht die beste Wahl ist. Es ist zu leicht ausrechenbar und sehr anfällig gegen Teams, die ein starkes Pressing spielen und die gut über die Außen sind.

Maurizio Pistocchi, eine der umstrittensten Persönlichkeiten im italienischen Fußball, wetterte nach dem fatalen 0:1 gegen Galatasaray bei Mediaset Premium TV: "Conte muss von seiner Drei-Mann-Verteidigung abrücken. Es ist nicht akzeptabel, einen Gegentreffer wie den bei noch fünf zu spielenden Minuten zu kassieren: Ein 40-Meter-Pass, drei Verteidiger sind bei Drogba und niemand kümmert sich um Sneijder. Das 3-5-2 gewinnt nur in Italien."

Juve bald im 4-3-3?

Nur zweimal ist Conte in Europa von seinem 3-5-2 abgerückt - in den beiden Duellen mit Real Madrid. Da spielte Juve mit einer Viererkette und es waren die beiden besten Leistungen in der Champions League in dieser Saison. Contes Spieler hätten mehr verdient gehabt als nur einen Zähler aus den beiden Begegnungen mit Spaniens Spitzenreiter. Mittlerweile wirkt es, als habe der Trainer all dies mittlerweile eingesehen. Einiges deutet daraufhin, dass er im Sommer auf ein 4-3-3 umstellen und Juve auch dementsprechend einkaufen wird.

Dieses 4-3-3 wird ihm aber auch nur helfen, wenn er lernt, seine Spieler besser rotieren zu lassen. Er musste nach dem Remis gegen Florenz viel Kritik einstecken, weil er viele Stammkräfte geschont hatte. Er erklärte hingegen: "Der dritte Scudetto genießt bei mir Priorität." Diese Entschuldigung zählt aber in der Champions League nicht. Denn dort hat Conte oft genug jene Elf aufgeboten, die nur wenige Tage zuvor noch in der Serie A auf dem Platz gestanden hatte.

Im Laufe der Zeit wird auch der junge Trainer Antonio Conte sich verbessern, keine Frage. Wenn es aber um das Anwenden der richtigen Taktik geht, dann ist das etwas, das nur schwer erlernbar und das nicht im Lehrbuch nachzuschlagen ist. Alle Lehrgänge und massig Erfahrung allein machen noch keinen Meistertaktiker. Das muss von selbst kommen.

Es ist noch viel zu früh, um Conte in dieser Hinsicht abzuschreiben. Gianluigi Buffon hat ihn einmal "als besten Trainer, mit dem ich gearbeitet habe" bezeichnet. Und Buffon hatte bereits Kaliber wie Marcello Lippi, Carlo Ancelotti und Giovanni Trapattoni als Chefs. Pirlo hat Conte ein "Genie" genannt und ihn mit Arrigo Sacchi verglichen. Conte absolviert erst seine zweite Saison in Europa und sein Verein verfügt auch nicht über die finanziellen Ressourcen wie beispielsweise Bayern München, Real Madrid, Barcelona oder Paris Saint-Germain.

Dennoch steht Antonio Conte unter Beobachtung. Juves Kader ist viel zu gut, um außerhalb Italiens nicht konkurrenzfähig zu sein. Ein Sieg am Donnerstag gegen die Fiorentina wäre ein Anfang, um die die Zweifler zu überzeugen.

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