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Jovanovs HSV: Van der Vaart und das Missverständnis

Der wöchentliche Blick hinter die Kulissen bei den "Rothosen" – jeden Dienstag exklusiv bei Goal.

KOLUMNE
Von Daniel Jovanov

Liebe Leser,

der Fußball ist in den Hintergrund gerückt. Wieder einmal. Das ist typisch für Krisenzeiten. Trotz aller Schreckensszenarien kann jedoch schon heute mit Gewissheit vorausgesagt werden: Beim HSV wird auch in der zweiten oder dritten Liga weiter Fußball gespielt. Es wäre nicht das Ende des Vereins, nicht das Ende seiner Geschichte und Tradition.

Viele Menschen, die mit dem HSV sympathisieren, wollen das nicht hören. Für sie wäre ein Abstieg eben doch das Ende. Die Verantwortlichen des Vereins, auch diejenigen, die nicht mehr im Amt sind, tragen eine Verantwortung für das Bild, das sich in den Köpfen der Menschen dieser Stadt eingebrannt hat. Der „USP“, das Alleinstellungsmerkmal des HSV, ist seine Zugehörigkeit zur ersten Liga. Darüber definiert er sich. Und die Menschen, die ihm Woche für Woche folgen.

Der Verein potenziert dieses Bild. Es gibt eine Uhr im Stadion, die anzeigt, wie lange der HSV schon erstklassig ist. Es gibt einen Dinosaurier als Maskottchen, der ausdrücken soll, wie alt der HSV schon ist. Auf dem Trikot ist der Slogan „Traditionell erstklassig“ zu lesen. Alles Dinge, die vergangenheitsorientiert sind. Das Selbstverständnis beruht nicht auf dem, was der HSV heute ist, sondern was er mal war.

Und dieses Leitbild ist in vielen Handlungen des Vereins wiederzuerkennen. Zum Beispiel bei der Rückholaktion von Rafael van der Vaart im Sommer 2012. Mit ihm verbanden die Menschen dieser Stadt eine Zeit, als der Verein kurz davor war, an noch ältere Zeiten anzuknüpfen. Man glaubte, auch ich tat das voller Verblendung, dass mit ihm vieles besser werden könnte. „Mit van der Vaart zurück an die Spitze“ prophezeite Klaus-Michael Kühne damals.

Gemeinsam mit Marketingchef Joachim Hilke, der als Einziger im Vorstand ein gutes Verhältnis zum Milliardär pflegt, realisierten sie diesen Transfer, um Kühnes Frau, eine große Bewunderin des niederländischen Nationalspielers, einen Wunsch zu erfüllen, und die Menschen dieser Stadt, die nach einem schwachen Saisonstart in die obligatorische Panik verfielen, zufriedenzustellen. Seine Finanz- und Transferpolitik warf der Verein kurzerhand über den Haufen. Die Vergangenheit war abermals größer als die Gegenwart.

Für die Erwartungshaltungen und Hoffnungen, die man in van der Vaart setzte, konnte er nichts. Er konnte, vermute ich, auch nicht ahnen, wie sein Privatleben sich in Hamburg verändern würde. Wer verkennt, dass dies ein maßgeblicher Einflussfaktor auf das ist, was man heute auf und neben dem Platz von ihm sieht, ignoriert, dass er nur ein Mensch ist. Van der Vaart hat das Leben als „Star“ nie gereizt, hört man. In sportlich guten Zeiten war es irgendwie erträglich; in schlechten wurde es zur Last.

Diese Last scheint so groß zu sein, dass der sonst so besonnen wirkende Rafael die Nerven verliert. Weil er nicht das ist, was man sich einst von ihm erhofft hatte, entlädt sich der Frust an ihm. So, wie nach der 0:3-Niederlage gegen Hertha. Doch nicht van der Vaart ist das Problem – es ist das Bild in den Köpfen der Menschen. Es ist von verkrusteten Denkmustern geprägt, von der Vergangenheit, zum Teil sogar von Ignoranz und der Unfähigkeit, die Realität anzuerkennen.

Van der Vaart ist nicht der Anführer, für den er gehalten wurde. Er ist auch nicht mehr der Leistungsträger und auch nicht der Kapitän, den die Menschen dieser Stadt erwarten. Die Vergangenheit des Vereins ist größer als er. Die Verantwortung, die van der Vaart jetzt zu tragen habe, kann er überhaupt nicht tragen. Das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Man hilft ihm sogar damit. Die Erkenntnis ist ein Teil des Prozesses, um die Realität zu verstehen und richtig einordnen zu können.

Die Zeiten in denen ein herausragender Spieler ein Spiel „entscheiden“ kann, ist vorbei. Weil der Fußball sich verändert hat. Jeder Spieler ist nur Teil eines Systems. Funktioniert das System nicht, funktioniert auch der Spieler nicht. Der HSV ist ein gutes Beispiel dafür. Viele Spieler, die den HSV verlassen und in einem anderen Verein aufgehen, unterstützen diese These. Die Erwartungen an van der Vaart und die Realität – es ist ein großes Missverständnis. Er allein konnte den Verein nicht retten, er wird es auch nicht. Nur, wenn das Team funktioniert, kann auch der Kapitän funktionieren.

Die verfehlte Erwartungshaltung machte sich zudem bemerkbar, als eine Diskussion darüber entbrannte, wer zur Trauerfeier für Hermann Rieger am Sonntag im Stadion erschien. Van der Vaart, der aufgrund seiner Nachnominierung auf dem Weg zur niederländischen Nationalmannschaft war, sah sich im Internet üblen Beschimpfungen ausgesetzt. Als Kapitän, so argumentierten viele, sei er in der Pflicht an dieser Veranstaltung teilzunehmen und einer großen HSV-Legende eine Ehre zu erweisen.

Nicht nur, dass jedem selbst überlassen sein sollte, wie er mit Trauer umgeht – es entlarvt darüber hinaus, um wen es bei dieser Trauerfeier eigentlich ging. Die Befindlichkeit des Einzelnen, der sich über die Nichtanwesenheit der Spieler erzürnte, stand über dem Anlass der Veranstaltung. Weil die Spieler nicht dieselben Emotionen mit dem Tod des beliebten Masseurs Rieger verbinden, sehen viele darin ein Anzeichen für mangelnde Identifikation, schlimmer noch: mangelnden Respekt.

Aber sie stellen sich offenbar nicht die Frage, wie diese Verbundenheit zum HSV und seinen Idolen überhaupt hergestellt werden kann? Bestimmt nicht dadurch, indem man, auch vonseiten der Verantwortlichen, vermittelt, dass sie austauschbar und nicht gut genug für diesen Verein sind. Und selbst wenn sich irgendwann eine solche Verbundenheit entwickeln sollte und die gesamte Mannschaft zu dieser Trauerfeier erschienen wäre, es hätte Rieger nicht wieder lebendig gemacht.

Deshalb ist es vollkommen belanglos, wer und mit welcher Intensität getrauert wird. In erster Linie hat der HSV ein sportliches Problem. Wird das nicht gelöst, könnte der Frust vieler Menschen zu unvorhersehbaren Reaktionen führen. Gelingt es Mirko Slomka den Abstieg zu verhindern, muss der Verein dennoch über sein Selbstbild nachdenken. Die ersten Schritte wären getan, wenn man die Uhr im Stadion abbaut, kein Loblied mehr über die Stadt singt und den vermeintlichen Heilsbringer van der Vaart als das akzeptiert, was er ist.

 Folge HSV-Reporter Daniel Jovanov auf und und bleibe ständig am Ball!