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Schalkes Trainer muss nahezu regelmäßig eine Brandrede oder ein Donnerwetter ablassen. Horst Heldt und Clemens Tönnies ebenfalls. Das zeigt, wie schwach Kellers Position ist.

KOMMENTAR
Von Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. So etwas wie Ruhe gibt es auch auf Schalke, das mal vorne weg. Seitdem Jens Keller als Trainer das Zepter schwingen darf, gab es diese jedoch sehr selten. Und wenn, dann nur für verschwindend kurze Zeit. Zyklisch sehen sich Sportvorstand Horst Heldt und Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies genötigt, Einfluss auf die Mannschaft zu nehmen. Das alleine zeigt, wie verheerend schwach Keller nach außen dargestellt wird und scheinbar ist.

Im Kern ist es die Schalker Mannschaft, die auf dem Platz steht und vom Trainer auf- beziehungsweise eingestellt wird. Eine taktische Marschroute wird vorgegeben. In der Rückrunde gewann das Team die ersten vier Spiele und beim Anhang in blau-weiß wuchs die zarte Hoffnung, dass Mannschaft und Trainer schlussendlich zusammengefunden haben.

Brandreden nehmen Keller Autorität

Die Spiele gegen Real Madrid und den FC Bayern offenbarten nun, dass dies eine Fata Morgana war. Oder hat Keller vorgegeben, sich auf dem Platz "abschlachten" zu lassen - Kampf, Wille und Engagement, Grundtugenden einer Mannschaft nicht an den Tag zu legen? Wohl kaum. Heldt und Tönnies mussten (mal wieder) eingreifen. Grund dafür: eine seelenlose, gelangweilte und wehrlose Darbietung in zweifacher Form. Eines stolzen FC Schalke einfach unwürdig.

Wenn die Vorgesetzten, wie im Falle Kellers, spiegelungsgleich den Zeigefinger heben müssen, wird ein Trainer zur "lahmen Ente" degradiert. In dieser Saison machte Horst Heldt den Anfang, als er einen Tag nach Schalkes 0:4-Desaster beim VfL Wolfsburg in die Kabine marschierte. In dieser für den Revierklub noch durchaus chancenreichen Saison musste Keller Ähnliches in mehrfacher Ausführung über sich ergehen lassen.

Nach dem verlorenen Heimderby gegen den Erzrivalen Borussia Dortmund (1:3) ließ dann Fleischfabrikant Tönnies nur zwei Monate nach Heldt seiner Wut freien Lauf und rief einige Spieler persönlich am Telefon an. Wirkung? Veränderung? Nichts. Einen Monat später flogen die Königsblauen vor eigenem Publikum peinlich aus dem DFB-Pokal (1:3-Niederlage gegen 1899 Hoffenheim). Hinzu kommt, dass Schalke nach der Pleite gegen den BVB bereits Kontakt zu einem potenziellen neuen Trainer aufgenommen hatte.



Hinter verschlossenen Türen sprach man mit Thomas Schaaf, was von dessen Freund und langjährigem Co-Trainer Wolfgang Rolff in der Kreiszeitung Syke bestätigt wurde. Auf der Zielgeraden hielt man dann aber doch an Keller fest. Mit dem 43-Jährigen wurde im Winter-Trainingslager Tacheles geredet, wie Tönnies erklärte. Man habe ihm zu verstehen gegeben, was man verlange. In den ersten vier Partien der Rückrunde zeigte dies positive Wirkung. An Nachhaltigkeit ist anhand der leblosen Vorstellungen der Vorwoche aber nicht zu denken. Wiedermal fuhr Tönnies in der Sport Bild aus der Haut: "Ich habe der Mannschaft eine sehr klare Ansage gemacht: Ich fordere, dass die Spieler von nun an wieder zu alter Stärke zurückfinden." Ähnliche Worte hatte er bereits vor Weihnachten gefunden.

Truppe mit tauben Ohren

Die Anweisungen und Ansprachen eines Jens Kellers scheinen innerhalb der Mannschaft kein Gehör zu finden oder warum muss der Aufsichtsratsboss immer wieder einschreiten und Forderungen an die Spieler stellen? Traut man Keller das nicht zu? Wenn es hier überhaupt etwas gibt, welches erkennbar ist, dann die Machtlosigkeit des Trainers gegenüber seinem Team – dies wurde in den beiden Spielen gegen Madrid und Bayern München mehr als nur deutlich. Gegen diese Mannschaften ist ein Sieg sehr, sehr schwer zu erringen. Aber wenn ein Team so willenlos Fußball spielt, ist die Chance auf ein befriedigendes Ergebnis gleich Null und der Trainer wird hinterfragt - völlig zurecht.

Besonders schwierig wird es, wenn der Übungsleiter nicht nur nach außen schwach wirkt, sondern auch nach innen - wenn Spieler gar öffentlich die Taktik des Trainers kritisieren. So bemängelte Klaas-Jan Huntelaar nach der Klatsche in München: "In der ersten Halbzeit waren viele Leute hinten. Wenn man gegen die Bayern viel zurücklaufen muss, sind sie mit vielen Leuten an unserem Strafraum. Dann kommt man schwer wieder nach vorne." Kevin-Prince Boateng konstatierte: "Das war die Entscheidung des Trainers." Die Frage, ob Huntelaar die Taktik falsch fand, beantwortete der Niederländer süffisant und vielsagend: "Die Taktik ist nicht meine Sache!"

Schalke 04 macht sich gegen die Großen des Business kleiner als es eigentlich ist. Die Gegner wurden schon fast als unschlagbar deklariert, obwohl die Spiele noch ausstanden. Es gab Zeiten, da hat sich der S04 darum überhaupt nicht gekümmert, sondern seine eigene Stärke hervorgehoben. Das war die Zeit, wie im April 2008, wo man gegen den FC Barcelona in die Schlacht zog - mit breiter Brust. Zwar verlor man zweimal mit 0:1, aber den nötigen Kampfgeist trug man in die Spiele und nach außen. Es ist ständig die Rede davon, dass man "auf sich selbst schauen" muss, warum der Gegner dann gottgleich glorifiziert wird, bleibt ein Rätsel.

Kellers Position auf Schalke ist und bleibt eine schwache. Der Verein wird sich womöglich im Sommer verändern und auf einen starken Mann an der Linie bauen - auch wenn Keller noch Dritter wird. Von diesem Spuk, der ewigen Diskussionen und ständigen Fragen, wird sich Schalke befreien müssen.

Da passt es perfekt ins Bild, dass Heldt-Kumpel Armin Veh plötzlich der Frankfurter Eintracht im nächsten Sommer den Rücken kehrt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

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