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HSV vor dem Nordderby: Mirko Slomka mit bekannten Mustern

Der Hamburger SV erlebte gegen Borussia Dortmund eine Wiederbelebung. Nun sollen Mirko Slomkas taktische Ansätze auch gegen Werder Bremen greifen.

ANALYSE
Von Constantin Eckner

Das Debüt von Mirko Slomka beim Hamburger SV hätte nicht besser verlaufen können. Nach einer Trainingswoche konnte er mit seiner neuen Mannschaft einen 3:0-Sieg gegen Borussia Dortmund feiern. An diesem Wochenende geht es zum Nordderby nach Bremen. Die taktischen Ansätze, die Slomka verfolgt, erscheinen simpel und erinnern ungemein an seine Zeit bei Hannover 96.

Die Probleme des HSV, die in der Entlassung Bert van Marwijks nach der Niederlage in Braunschweig gipfelten, lagen in erster Linie im Defensivverhalten sowie in der Spielgestaltung aus der Tiefe heraus. Zahlreiche Tore kassierten die Hanseaten aufgrund eines schwachen Kollektivverhaltens beim Verschieben. Bei schnellen und strategisch klug eingesetzten Seitenverlagerungen des Gegners ließ sich der Defensivverbund auseinanderziehen, die Viererkette verlor ihre kompakte Stellung. Hinzu kamen einige individuelle Fehler, sodass man bis jetzt die meisten Gegentreffer aller Bundesligisten kassiert hat.

Ballorientiertes Verschieben

Dabei handelte es sich zumeist um einfachste Mechanismen, die nicht funktionierten. Und genau an diesem Punkt setzte Slomka an. Im Training vor der Partie gegen den BVB probierte er verschiedene Grundformationen aus, ließ seine Mannschaft in Übungsspielen unter anderem im 4-1-2-3 mit einem tiefen "Mittelfeld-Libero" agieren. Schlussendlich entschied er sich aber für ein 4-4-2 mit Slomka-Attitüde, was unter anderem enge Kettenabstände, leicht versetzte Sechser und ein in erster Linie auf Stabilität fokussiertes System bedeuten.

Gegen Dortmund entschied unter anderem die horizontale Kompaktheit der Mittelfeldreihe das Spiel, da zwischen Sechser- und Zehnerraum immer wieder die Zonen verknappt wurden und das Kombinationsspiel des BVB, der an diesem Tag auch phasenweise äußerst zaghaft auftrat, nicht zur Entfaltung kam. Die erste Pressingwelle durch Pierre-Michel Lasogga und Hakan Calhanoglu trieb den tiefen Spielaufbau des Gegners oftmals auf die Außenbahn. In diesem Moment schob die Mannschaft kollektiv in Richtung Ball. Einer der beiden Sechser, meist Tolgay Arslan, der etwas höher stand, gesellte sich situativ zu den Flügelspielern hinzu und half beim Einkreisen der Dortmunder.

EXPERTENMEINUNG AUS DEM NORDEN

"So viel mehr sind sie nicht gelaufen. Slomka hat einen interessanten Satz gesagt. Er sagte, dass er die Jungs an der Seitenlinie die ganze Zeit coachen musste, damit sie nicht aufhören sich zu bewegen. Seine Anweisungen scheinen der Schlüssel zu einer etwas höheren Laufleistung gewesen zu sein.

Gegen Braunschweig hat die Mannschaft trotz der Niederlage Moral bewiesen und gekämpft, auch für Bert van Marwijk. Ein gewisser Teamspirit ist schon da. Slomka scheint die Spieler stärker zu machen und ihnen zu vermitteln, dass jeder gebraucht wird. Das erhöht den Konkurrenzkampf und das Niveau im Training. Große Aufbauarbeit im psychologischen Bereich ist nicht unbedingt gefordert." Daniel Jovanov, Goal Deutschland

Es klingt simpel. Aber dieses ballorientierte und laufaufwändigere Agieren der Hamburger war ein Schlüssel für den Sieg gegen den BVB. Interessant war dabei die Asymmetrie der Flügel. Auf der rechten Seite bot Slomka mit Heiko Westermann und Tomas Rincon zwei defensivorientierte und weniger dynamische Außenbahnspieler auf. Rincon war dabei eine Art Blocker im Mittelfeld und beackerte seine Seite. Dafür verschob der höher stehende Sechser Arslan tendenziell eher nach links. Auf dem linken Flügel hatte der HSV mit Marcell Jansen und Petr Jiracek zwei vertikale Offensivläufer, die Druck entwickeln konnten und dadurch auch Pierre-Emerick Aubameyang in der Defensive banden.

Schnörkelloses Vertikalspiel

Insgesamt waren diese ballorientierten Defensivbewegungen ein Schlüssel zu höherer Stabilität. Zudem versuchten die Hanseaten über schnelles, vertikales Umschaltspiel in Tornähe zu gelangen. Es war nicht im Sinne Slomkas lange in der tiefen Passzirkulation zu bleiben. Dafür zeigte seine Mannschaft in der jüngeren Vergangenheit zu viele Schwächen im Spielaufbau. Auch gegen den BVB wurde Milan Badelj vermehrt übergangen. Der Kroate ist eigentlich dafür geeignet, aus der Tiefe heraus einen Spielzug einzuleiten.

Allerdings bevorzugte der HSV zumeist ein schnörkelloses Spiel über die Flügel oder aus Ballgewinnen im Mittelfeld infolge von Gegenpressing-Situationen. Es sind typische Facetten für Slomkas Konterstil, der zudem an der Einstellung der Sturmreihe deutlich wurde. Lasogga war vornehmlich das Ziel für längere, höhere Anspiele und ansonsten nicht derart stark in die Zirkulation eingebunden. Dafür positionierte sich Calhanoglu tiefer und stellte eine Art Umschalt-Neuner dar, der die Kontersituation aus dem Zentrum oder den Halbräumen heraus mitgestaltete und ein Verbindungsglied ins offensive Drittel war.

In diesem Zusammenhang drängt sich natürlich die Frage auf, wie Slomka künftig Rafael van der Vaart einbinden möchte. Der Niederländer fiel zuletzt durch teils merkwürdige beziehungsweise kontraproduktive Abkippbewegungen und eher temposchwache Vorstellungen auf. Andererseits kann Slomka die Spielstärke des Kapitäns sicherlich gebrauchen.

 

Werder Bremen: Chaotisches Gegenpressing

Borussia Dortmund kam insgesamt nicht mit der Raumverdichtung sowie der harten Zweikampfführung klar und wurde womöglich auch vom „neuen“ HSV überrascht. In den kommenden Begegnungen warten auf die Hanseaten direkte Abstiegskonkurrenten und damit Mannschaften, die in der Regel tiefer stehen.

Mit Werder Bremen tritt an diesem Wochenende bereits so ein Gegner gegen den HSV an. Die Mannschaft von Robin Dutt versucht im 4-2-3-1 oder abgeänderten Grundformationen primär Stabilität zu schaffen, was von Partie zu Partie mehr oder weniger funktioniert. Obwohl Werder ein Heimspiel bestreiten wird, kann niemand erwarten, dass die Bremer zu offensiv eingestellt werden und dadurch in HSV-Konter laufen.

Häufig stehen in der Defensive drei zentrale Mittelfeldspieler. Wenn zugleich noch die beiden Flügelspieler einrücken, ergibt sich ein tiefer Block, der entsprechend Dynamik auf den Ballführenden entwickeln soll. Zudem versuchen sie bei eigenen Ballverlusten durch aggressives Gegenpressing wieder in Besitz zu gelangen und die ungeordnete Situation für schnelle Angriffe zu nutzen. Oftmals wird der Ball aber auch nur herausgebolzt und im Anschluss geht die Mannschaft in chaotischen Formationen ins Gegenpressing über. Dieses unstrukturierte Spiel ist eine Charakteristik von Werder in dieser Saison.

Damit wird sich für den HSV eine andere Konstellation als gegen den BVB ergeben. Einerseits ist ein gewisser Überraschungseffekt nun nicht mehr vorhanden. Andererseits ist Werder selbst auf Kompaktheit bedacht und versucht die spielerischen Schwächen durch intensive Zweikampfführung und Gegenpressing auszugleichen. Insofern wird sich in diesem Nordderby zeigen, inwieweit Slomka seiner Mannschaft bereits eine gewisse proaktive Spielgestaltung im Training vermitteln konnte.

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